Diskussionspapier zur Debatte um Klimawandel, KlimaAktionsCamp und warum sich die radikale Linke sich da einmischen sollteWir wollen hier einen Beitrag zur Diskussion im Vorfeld des Klimacamps leisten. Dazu gehen wir zuerst auf die Veränderungen in der Energieversorgung in der kapitalistischen Entwicklung ein. Anschließend erklären wir, warum die Klimadebatte mit der sozialen Frage verknüpft ist. Im nächsten Abschnitt wollen wir den Glauben an die herrschende Wissenschaft zerstören. Dann beschäftigen wir uns kurz mit den Folgen des Klimawandels auf die weltweiten Migrationsbewegungen. Nicht wegzudenken beim Thema Klimawandel sind die Nichtregierungsorganisationen (engl. Non-Goverment Organizations – NGOs). Deshalb sehen wir uns gezwungen auf ihre Rolle einzugehen und sie zu kritisieren. Und ganz zum Schluss eine ganz kurze Skizze von dem wo wir mal hinwollen. Viel Spaß beim Lesen! Alle reden vom Wetter – wir nicht Mit dem Klima scheint es ein Problem zu geben. Zumindest wird das von verschiedenen Seiten betont, in aufwendigen Kinofilmen, auf internationalen Konferenzen, in den Medien sowieso. Es gibt da also das Klimaproblem, manche sprechen sogar von der Klimakatastrophe, und „WIR ALLE“ müssen handeln. Am besten natürlich sofort – sonst geht die Welt unter. Das einige Leute und Kapitalfraktionen der Zeit hinterher hinken und die Dramatik der Lage nicht verstehen wollen, kann eine_n da natürlich zur Verzweiflung treiben. Das Problem, wenn mensch den Klimawandel bzw. die Klimakatastrophe in diesem Maße als Faktum voraussetzt, ist das dadurch erzeugte Bild: „Wir sitzen alle im gleichen Boot.“ Was für ein Quatsch. Im Gegensatz zu dieser vereinheitlichenden Sichtweise ist es vielleicht gewinnbringender, von politischen Konflikten um die Deutungshoheit in Sachen Klimawandel und Energiepolitik auszugehen. Und wichtiger noch und daran geknüpft, von unterschiedlichen Interessen, von gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Kapitalismus und (Energie-)Ressourcen Die Verfügungsgewalt des Kapitals über die Produktionsmittel und damit auch der Zugriff auf (Energie-) Ressourcen ist wohl in jeder kapitalistischen Formation von zentraler Bedeutung. Die Zerstörung von Natur ist dabei schlichtweg notwendig, sie kann nicht durch Effizienz und Nachhaltigkeit „weggelassen werden“. Wir kommen darauf zurück, im Folgenden soll erstmal versucht werden, historisch unterscheidbare kapitalistische Produktionsmodelle skizzenhaft zu vergleichen. Wir interessieren uns vor allem für das Energiesystem und für regionale bzw. globale Ressourcen- und Warenströme. Damit soll die zentrale Bedeutung des Themenfeldes Energie im Kapitalismus sowie – daran geknüpft – die langfristige Verschiebung von Kräfteverhältnissen beleuchtet werden.
Frühe kapitalistische Formationen beruhten hinsichtlich ihrer Energieressourcen auf nachwachsenden Rohstoffen. Die Produktion war damit örtlich und zeitlich an die Ressource Holz gebunden. Das war hinsichtlich der Produktionsabläufe einigermaßen unpraktisch, weil das Kapital an bestimmte (waldreiche) Regionen gebunden war. Auch die vorherrschende Lebensweise kann aus heutiger Sicht als unpraktisch bezeichnet werden. Der Reproduktionsbereich war noch nicht dem Kapitalkreislauf untergeordnet, Subsistenzwirtschaft spielte eine entscheidende Rolle. Das bedeutet u.a., dass der Bereich der Nahrungsmittelproduktion in weiten Teilen nicht über den kapitalistischen Markt organisiert war. Natur wurde also zumindest teilweise noch nicht als Ware angesehen.
Dieses Energiesystem stieß im Rahmen der gesellschaftlichen Transformation zum Fordismus schnell an Grenzen. Mit „Fordismus“ bezeichnen wir ein Modell der Herrschaftssicherung, eine Art und Weise, kapitalistische Gesellschaften zu regulieren, zu stabilisieren. Mit dem Fordismus waren bis in die 1970er Jahre verschiedene Institutionen, Normen und Leitbilder verbunden: Das fordistische Produktionsmodell bedeutete vor allem die Massenproduktion von Konsumgütern. Die Arbeiter_innen wurden durch hohe Lohnzuwächse und die Beteiligung am Konsum integriert, ihre Organisation an den runden Tischen der Sozialpartnerschaft gezähmt. Subsistenzwirtschaft wird mehr und mehr vollständig verdrängt. Produktion und Reproduktion sind (im globalen Norden) fast ausschließlich über den kapitalistischen Markt organisiert.
Die Fabrik kann als Ikone dieser Zeit angesehen werden. Neben der „wissenschaftlichen Optimierung“ der Arbeitsorganisation – eine rigidere Kontrolle der Arbeiter_innen durch die Bosse und das Reduzieren ihrer Tätigkeit auf ein Anhängsel der Maschine – war hierbei vor allem ein anderes Energiesystem nötig, weil nachwachsende Rohstoffe den immensen Energiehunger der Produktion nicht ansatzweise stillen konnten. Das fordistische Energiesystem beruhte deshalb vor allem auf fossilen Brennstoffen und der Atomenergie. Fossile und nukleare Energieträger sind vergleichsweise leicht zu transportieren. Sie haben für den Produktionsprozess den Vorteil einer größeren räumlichen und zeitlichen Unabhängigkeit, was dem kapitalistischen Drang zu Expansion und Beschleunigung zugute kommt. Der Kapitalismus wird also nuklear und fossilistisch.
An dieser Stelle kommen auch hinsichtlich des Energiesystems die globalen Warenströme ins Spiel. Einerseits dadurch, dass riesige Mengen Öl, Kohle und Uran in die kapitalistischen Zentren transportiert werden, andererseits durch den Transport von Gütern und von in Ware transformierte Natur, also bspw. Kaffee oder Soja. Alleine für diesen Transport sind immense Mengen Energie nötig. Die globalen Warenströme haben eine ganz bestimmte Richtung, sie fließen vom Süden in den Norden, aus der Peripherie in die Zentren. Das fordistische Energiesystem beruht auf bereits bestehender, auf kolonialer Herrschaft fußender Ungleichheit, indem der Zugang zu Öl und Uran in der Regel über den Energiemarkt geregelt wird. Nicht alle Gesellschaften können hier mit Einkommen und Vermögen mithalten, eine direkte Folge kolonialer Herrschaft.
Nun, mittlerweile haben wir Postfordismus. Das heißt keinesfalls, dass sich an globalen Herrschaftsstrukturen etwas grundlegendes geändert hat. Wenn wir das Energiesystem betrachten, gibt es aber seit den 1970er Jahren eine Diskussion über die „Grenzen des Wachstums“, darüber, dass das fordistische Energiesystem nicht nachhaltig sei. Das ist es auch nicht, Nachhaltigkeit war nie ein Anspruch, der mit der fordistisch-imperialen „wir nehmen uns das, was uns zusteht“-Mentalität verbunden war.
Aber heute ist das wie eingangs erwähnt anders. Nicht zuletzt soziale Bewegungen wie die Ökologie- und Anti-Atom-Bewegung haben seit den 1970er Jahren bewirkt, dass die Konsequenzen des Fabrikregimes – Naturzerstörung, Luftverschmutzung, aber auch die Reduzierung der Arbeiter_innen auf Rädchen der Maschine – öffentlich bekannt und skandalisiert wurden. Die Endlichkeit der Ressourcen Kohle, Öl und Uran, die ökologischen Katastrophen, die mit einem „weiter so“ interessierter Öl- oder Atomkonzerne verbunden sind bzw. wären– das alles ist nichts, worüber mensch großartig streiten müsste.
Das Fabrikregime mit seinen immensen Verbrauch hat sich in den letzten Jahren modernisiert und wird sich weiter modernisieren. Aus der Ikone der schwerfälligen Fabrik wurde der global vernetzte, schlanke Konzern, der im Krieg der Standorte flexibel reagiert. Diese Ikone bereitet dem global sourcing den Weg, das Kapital hat neue Möglichkeiten, auf Arbeitskräfte und Ressourcen flexibel zuzugreifen. Sie beziehen sich dabei flexibler auf „ihren“ Staat und versuchen durch die Diskussion um Standorte die neoliberale Politik der Deregulierung zu forcieren. Die Kräfteverhältnisse haben sich hierbei massiv verschoben – zu Gunsten des Kapitals. Gleichzeitig war die Kritik von sozialen Bewegungen innerhalb dieser Transformation ein zentraler Faktor. Sie wurde nach und nach integriert, einzelne Forderungen ver-rückt, d.h. teilweise aufgegriffen und entpolitisiert. Innerhalb heutiger Kräfteverhältnisse ist es etwas vollkommen anderes, für bspw. Windparks zu streiten. Vor dreißig Jahren innerhalb der energiepolitischen Diskussion geäußert, war eine solche Position gegen das monströse fordistische Energiesystem als ein zentrales Projekt gerichtet, heute liegt sie im Mainstream.
Wie gesagt. Ein Streit um effiziente Energienutzung ist für eine linke Bewegung politisch nicht ungefährlich, wenn es dabei auch um Emanzipation und Befreiung gehen soll. Mit ökologischen, dezentralen Konzepten der Energieversorgung rennt eine Ökologiebewegung (oder auch ein Klimacamp) offene Türen ein. Konzerne und Regierungen sind hier sicher für jeden Hinweis offen. Dass es eine ökologische Krise gibt, dass das fordistische Energiesystem unglaublich ineffizient war, dass Fabriken, Staaten und nicht zuletzt Individuen schlank, fit, gesund und effizient sein sollen – diese einfachen (ideologischen) Wahrheiten locken heute keine_n mehr hinterm BHKW hervor. Es gibt keine technischen Lösungen für soziale Probleme.
Streiten müsste mensch sich also viel eher mit der täglich wachsenden Zahl von Öko-Kapitalist_innen, die der Meinung sind, es bräuchte hinsichtlich gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse keine Veränderung, sondern eben einzig eine „Effizienzrevolution“. Lassen wir uns also auf diese Diskussion ein: Kann es einen ökologischen, nachhaltigen Kapitalismus geben? Dabei lassen wir kurz mal außer acht, dass Kapitalismus in erster Linie auch eine Art und Weise ist, wie soziale Beziehungen in der Gesellschaft organisiert sind, also immer auch mit Unterwerfung und Ausbeutung von Menschen verknüpft ist. Die Diskussion um Öko-Kapitalismus ist schon aus diesem Grund automatisch zynisch, weil sie das nicht berücksichtigt. Dazu später mehr.
Mit Blick auf das Energiesystem ist ein nachhaltiger Kapitalismus wohl durchaus vorstellbar. In der technokratischen Denkweise, der es eben vor allem um Modernisierung geht, ist überhaupt einiges denkbar und machbar (Recycling, Einbeziehung nachwachsender Rohstoffe...), sicher fällt also den Technokrat_innen auch eine Lösung für das Klimaproblem ein. Das transnationale Konzerne wie BP gerade massiv im Bereich alternative Energien investieren, scheint ja diese These erstmal zu bestätigen. Hier kommen wir wieder auf den eingangs erwähnten Zusammenhang von Kapitalismus und Naturzerstörung: Kapitalismus bedeutet immer, dass der kapitalistische Markt wächst. Und mehr Wachstum bedeutet mehr Zerstörung. Der Kapitalismus als System muss zerstören, dauerhaft. Das ist der einzige Zweck kapitalistischer Produktion: nachhaltig und im Zweifel auch effizient Mehrwert erzielen. Wer das nicht schafft, geht unter.
Den Kapitalismus also ökologisch zu zähmen, ihn mit seinen ureigensten Mittel, dem Markt, effizient gestalten, daraus wird wohl nichts, daraus kann nichts werden. Der Kapitalismus mit seiner Wachstums- und Verwertungslogik nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Folgen dies für Mensch und Natur hat. Bspw. wird der Rohstoff Öl benutzt, weil er existiert und verwertbar gemacht werden kann. Welche Auswirkungen die Nutzbarmachung, also das Verbrennen von Öl für Mensch und Natur hat, spielt keine Rolle. Das „Klimaproblem“ ist wie andere Umweltprobleme auch, eine (gravierende) Auswirkung dieses Systems.
Beschränkt sich die Auseinandersetzung also auf eine Effizienzrevolution oder gar den den „Hauptfeind CO2“, ist nichts gewonnen. Die Zerstörungsdynamik wäre evtl. ein wenig verlangsamt, aber nicht gestoppt. Eine Ersatz-Ressource wäre schnell gefunden. Ökologische Politik muss der Logik der imperialen Lebensweise, muss dem Kapital, muss den transnationalen Konzernen und dem Staat Grenzen setzen, sonst hat sie diesen Namen nicht verdient. Moralische Appelle mit Blick auf aussterbende Eisbären helfen angesichts struktureller Gewalt und Herrschaft nicht weiter, die Orientierung am wissenschaftlichen Dialog ebenso wenig. Denn, frei nach dem Genossen Marx: Was könnte also die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr so simple Dinge wie den Schutz der natürlicher Lebensgrundlagen aufzuherrschen? Klimawandel und soziale Frage Die Ursache für Armut, Hunger, soziale Ausgrenzung und Unterdrückung ist dieselbe wie die für den Klimawandel. Somit ist auch das politisch zu bekämpfende dasselbe. Der Kapitalismus mit seiner Wachstums- und Verwertungslogik nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen. Die Verwertungslogik mitsamt der Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse des Kapitalismus warf und wirft die „soziale Frage“ erst auf. Darum kann eine Bewegung, die sich kritisch mit dem Klimaproblem auseinander setzt, an anderen sozialen Bewegungen anknüpfen, die sich mit den Auswirkungen des Kapitalismus oder dem Kapitalismus selbst auseinander setzen. Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Beispiele hierfür sind die Anti-Atombewegung, die Arbeiter_innenbewegung, die globalisierungskritische Bewegung, die antifaschistische Bewegung, die anarchistische oder kommunistische Bewegung. Alle diese Bewegungen setzen sich direkt oder indirekt mit dem Kapitalismus auseinander. Wie bereits seit mehr als einhundert Jahren basieren etliche Probleme auf diesem Wirtschaftssystem. Es gehört abgeschafft. Dies sollte von linksradikaler Seite gefordert und ggf. wiederholt werden, wenn es um das Thema Klima geht. Ohne ein anderes Wirtschaftssystem ist auch dieses „Problem“ nicht lösbar. Wider die Verzichtsdebatte In der Klimadebatte wird häufig, auch von linker Seite, über Verzicht geredet. Es wird suggeriert, dass individueller Konsumverzicht bzw. das Ändern des Konsumverhaltens zur Lösung des „uns alle“ bedrohenden Klimaproblems beiträgt. So sind Forderungen nach einem europaweiten Flugverbot, nach Tempolimits auf Autobahnen oder zum Wechseln des Stromanbieters zu verstehen. Diese „Verzichtsdebatte“ ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen geht diese einher mit dem neoliberalen Diktum der Konsumfreiheit. Wir „dürfen“ wählen, was wir kaufen, nicht aber was und wie produziert wird. Wir entscheiden uns für ein bestimmtes Brötchen statt uns die Backstube anzueignen. Zum anderen ist eine Debatte, die sich um Verzicht dreht, nicht gerade populär. Es wäre ein einfaches für die Herrschenden dieser Debatte mit einem verheissungsvollen „weiter so“ zu begegnen und uns als Spaßbremsen abzutun. Die Wirklichkeit verhält sich indes anders. Wir wollen mehr Spaß, ein besseres Leben für alle. Das sollten wir auch so formulieren und nicht autoritären Politikern die Möglichkeit geben, sich als Hüter der Freiheit zu präsentieren. Auch die herrschende Wissenschaft erklärt uns ständig... ...eine der größten Gefahren, die uns bevorsteht, ist die Klimaveränderung . Dafür gäbe es verschiedene wissenschaftliche Anhaltspunkte. Was bedeutet es denn, dass sich das Klima eigentlich nicht verändern soll? Was für Standards sollen denn erhalten werden? Und was wird propagiert um dieses Ziel zu erreichen? Erhalten werden soll die imperiale Lebensweise und damit verbunden auch die Macht des Kapitals aus den kapitalistischen Zentren. Wie sieht diese Lebensweise aus: In sog. „Billiglohnländern“ wird produziert, wobei die dortigen Arbeiter_innen nicht von ihrem Lohn leben können – in westlichen Ländern freut mensch sich am Konsum, guckt verträumt auf's Handydisplay. Für die Herstellung von Konsumgütern werden immens Ressourcen und Energie verbraucht. Und diese Ressourcen sollen weiterhin aus Post- bzw. Neokolonialisierten Ländern kommen. Die Argumentationslinie läuft dabei folgendermaßen: Die noch nicht so „entwickelten“ Länder würden mit einem Schlag viel mehr Klimagase produzieren als bisher, wenn sie den gleichen Weg wie die Industrieländer nehmen würden. Deswegen soll diese imperiale Lebensweise allein aus ökologischen Gründen bestehen bleiben. Solange das Kapital profitiert und uns die Beschäftigung mit unserem Konsum vom selben denken ablenkt/abhält, wird sich das auch nicht ändern. Gerade ist es ja so, dass wir laut Politik und Kapital das Denken lieber der bestehenden, herrschenden Wissenschaft überlassen. Diese wird sicher herausfinden, was das Problem ist und wie es gelöst werden kann. Das Kapital und die Politik wird dann dementsprechend handeln: „Keine Angst, es ist für alles gesorgt“ Komisch nur, das „wissenschaftlich“ immer herausgefunden wird, was der Industrie und dem Kapitalismus, somit den bestehenden Herrschaftsverhältnisssen von nutzen ist. Die Wissenschaft, die hier betrieben wird, ist Teil des bestehenden Herrschaftssystems und will allein um sich selbst zu erhalten die bestehenden Verhältnisse mit ihren Mitteln erhalten. Und „ihre Mittel“ sind es uns wissenschaftlich vorzugaukeln, dass sie das Problem schon technisch lösen wird, dass sie die Mittel kennt bzw. herausfinden wird. Wir sollen hörig sein und artig und dann wird sich schon alles richten. Diese Art der Lösung könnte aber, selbst wenn mensch die bestehenden Strukturen in der herrschenden Wissenschaft gutheißen würde, nicht funktionieren. Die gegenwärtigen und zukünftigen ökologischen Katastrophen sind kein technisches Problem, sondern ein soziales: Sie haben ihre Grundlage in unfreien, ungerechten und irgendwie auch unvernünftigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Der Klimawandel als Ursache für Migration Die Regierungen der großen Industrieländer, wie z.B. USA, Kanada, Deutschland, Frankreich und Spanien sehen mittlerweile die durch den Klimawandel zunehmende Migration als massives Problem für ihre Interessen. In zahlreichen Studien wird sie gar als Problem für die „nationale Sicherheit“ bezeichnet. Konsequenz davon wird die noch stärkere Abschottung der Industrieländer in Form von militärisch gesicherten Grenzen und großen Flüchtlingscamps sein (wie bspw. die EU Grenze mit Marokko). Heute schon sind sich die EU-Staaten darüber einig. Wie mensch sich aus der Verantwortung stiehlt, zeigt sich am Beispiel der Pazifik-Insel Tuvalu. Vertreter der 11.000 Bewohner_innen erkundigten sich 2001 bei den Staatschefs von Australien und Neuseeland, ob sie denn aufgenommen würden, wenn ihre Insel wie prognostiziert im steigenden Meer versinken würde. Dem Entsetzen über diese Anfrage folgte das großzügige Angebot Neuseelands, jährlich 75 (!) Bewohner_innen des kleinen pazifischen Inselstaates aufzunehmen. Bei den aktuellen Klimawandel-Debatten und großen Bemühungen geht es den Industrieländern keineswegs darum, etwas für die Umwelt oder gegen den Klimawandel zu tun. Es geht auch nicht, aus purer Nächstenliebe etwas Gutes zu tun. Auch hier zeigt sich wieder mal, dass es in der Hauptsache darum geht, den eigenen Lebensstandard, einen ungebremsten Produktions- und Profitkreislauf und den eigenen Konsum zu sichern. Die Lebensweise in den Industrieländern war und ist nur auf Kosten anderer möglich. Die kolonialen Verhältnisse werden durch den Klimawandel reproduziert und verfestigt. Soziale Probleme werden strukturell verschärft und verursachen somit einen enormen Anstieg der Anzahl von Klimaflüchtlingen. Die UN geht von einem Anstieg von 25 (1995) auf 200 Mio pro Jahr bis Mitte des Jahrhunderts aus. Für uns als Linksradikale folgt daraus einmal mehr: Alle Grenzen müssen abgeschafft werden! Die Rolle der NGOs in der Klimadebatte Wie in allen populären Politikfeldern michen auch in der Klimadebatte NGO mit. Sie treten bspw. in Form der sog. Klima-Allianz auf, einem Zusammenschluss von 80 NGO aus verschiedensten politischen und sozialen Spektren. Sie beraten nicht selten die Herrschenden, wie bei den Weltklimakonferenzen, und zähmen die sozialen Bewegungen. Was sind NGOs? Es gibt keine eindeutige Definition. Allerdings sind sie in der Regel nicht basisdemokratisch, nicht antikapitalistisch, stellen nicht die bestehenden Herrschaftsstrukturen in Frage, sondern möchten in bestimmten Punkten mitsprechen und das bestehende System korrigieren. Ein wichtiges Kriterium ist die meist professionelle Organisation, die vermeintlich realistische Ziele verfolgt und eng mit der Politik zusammenarbeitet. NGOs verstehen sich häufig als Stellvertreter_innen der sog. Zivilgesellschaft und werden als solche auch von den Politiker_innen wahrgenommen. Es folgt z.B. auch die Akkreditierung von bestimmten NGOs bei der UNO, die dann dort mit Konsultativenstatus eingebunden sind. Politikberatung ist ein neues Schlagwort mit dem sich viele NGOs angesprochen fühlen. Am wohlregulierten Katzentisch sitzen NGOs und sehen nicht wie begrenzt ihre Beteiligungsmöglichkeiten sind.
NGOs können häufig nicht unabhängig agieren, da sie auf finanzielle Unterstützungen angewiesen sind, seien dies staatliche Finanzierungen, Stiftungen, Spenden oder sogar Mittel von Konzernen. Sie sind am Medien- und Spendenmarkt orientiert. Das heißt nicht, dass wir nicht auch Gelder von bestimmten Stiftungen nehmen und Spenden benötigen. Aber wir richten unsere Politik nicht nach unseren Geldgeber_innen aus.
„... NGOs werden ....als Bestandteil eines politischen Herrschafts- und Regulationskomplexes aufgefasst, der nach Gramsci als 'erweiterter Staat' bezeichnet wird. NGOs sind demnach an 'der Transformation des Staates' beteiligt. Weil sich der Staat internationalisiert, ist er auf größtmöglichen Konsens innerhalb der Zivilgesellschaft angewiesen, die ihrerseits als Antwort auf die Globalisierung transnationaler Strukturen sprich Netzwerke bildet. NGOs fungieren als gesellschaftliche Regulationsinstanz, die dem hegemonialen Projekt der neoliberalen Globalisierung Legitimität verschafft – und so ambivalenter Weise zur Akzeptanz der Globalisierung beitragen.“1
NGOs verlieren meist den Blick für das Ganze, die strukturellen Zusammenhänge. Sie beziehen sich nur auf ihre Einzelforderungen und stellen realistische systemkorrigierende Forderungen auf. Basisbewegungen hingegen kämpfen für eine andere Welt und begnügen sich nicht mit kleinen machbaren, von den Herrschenden akzeptiert Zugeständnissen. NGOs als Vertreter_innen der sog. Zivilgesellschaft können als „TÜV für gute Regierungspolitik“ gelten. Staatskritik, antikapitalistische Haltung passt grundsätzlich nicht zu NGOs, da sie mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten wollen und nur kleine Dinge verändert wollen und nicht das System an sich in Frage stellen. Die Deutungshoheit der Regierungen wird von NGOs beibehalten, die Regierungen nehmen berechtigte Kritik auf und verstehen sie in Bahnen zu lenken, so dass sie das System nicht ins Wanken bringen können, sondern eine der Weg für eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung geebnet wird. Viele NGOs leisten Zuarbeit und sehen nicht, dass sie in ihrer Beteiligung die Arbeit der Regierungen oder Konzerne erledigen und damit weitreichender Kritik den Wind aus den Segeln nehmen Die Machtkonzentration und die zugrunde Herrschaftsverhältnisse müssen aber in Frage gestellt werden, um weltweite Veränderungen herbeizuführen. Die neoliberale Globalisierung muss als ganzes in Frage gestellt werden, um eine solidarische, demokratische und emanzipatorische Gesellschaft zu schaffen.
Wie eingangs geschrieben, es gibt keine eindeutige Definition von NGOs, aber wir werden spätestens dann hellhörig, wenn sich eine Organisation als NGO bezeichnet oder bezeichnet wird. Wir möchten uns kritisch mit NGOs auseinander setzen und eine Debatte anstoßen und stehen dabei den Menschen, die sich NGOs zugehörig fühlen mit kritischer Solidarität gegenüber. Uns ist es wichtig möglichst viele Menschen auch in die Diskussion, Vorbereitung und Durchführung des KlimaAktionCamps miteinzubeziehen, d.h. für uns dass das linksradikale Spektrum hier seinen Platz haben soll, sich beteiligt und seine Positionen klar zum Ausdruck bringt. Was wir wollen? Wir wollen die Zerschlagung von Kapital, Patriarchat, Staat,... , die Abschaffung weiterer Herrschaftsmechanismen wie Rassismus, religiösen Fanatismus, ... Dies werden wir nicht durch Appelle oder den Glauben an die besseren Argumente erreichen. Notwendig sind direkte Interventionen. Uns ist bewusst, dass wir bei den derzeitigen Kräfteverhältnissen „nur“ an einzelnen Punkten stellvertretend für das Ganze angreifen können. Dabei lassen wir uns in der Wahl der Mittel nicht beschränken. Doch nun zu unserer Utopie: Wir wollen einen gleichberechtigten Umgang miteinander. Und eine Wirtschaft, die sich nicht an Profitinteressen ausrichtet, sondern an den konkreten Bedürfnissen von Menschen. Wie mit unseren Problemen umgegangen werden soll, kann nicht auf ein Parlament abgeschoben oder in den Chefetagen der Wirtschaft entschieden werden. In unseren politischen Strukturen, Wohngemeinschaften, Bezugsgruppen, Kommunen, Kollektiven, ..... versuchen wir anders miteinander umzugehen. Dabei scheitern wir auch immer wieder an den auch von uns verinnerlichten herrschenden Verhältnissen. Diese wollen wir somit nicht nur politisch angreifen, sondern auch in uns selbst in Frage stellen. Das Klimacamp soll für uns daher auch ein sozialer Ort sein, an dem ein Umgang miteinander jenseits von Chef_in und Staat erfahrbar werden kann.
Zusammen mehr erreichen! Für eine freie und selbstbestimmte Gesellschaft
anti-atom-plenum berlin, januar 2008 |