Zum Tee bei Oberst Gaddafi
Das Tagebuch von Jörg Haiders Reise nach Tripolis: Der vom Kärntner Landeshauptmann mit koketten Andeutungen und beredtem Schweigen zum Staatsbesuch hochstilisierte Ausflug nach Libyen entpuppt sich als Wüstentrip mit Freunden. Und dazu: Das Interview mit Wolfgang Schüssel über die bisherige Arbeit mit der FPÖ. Es war eine Aktion ganz nach Jörg Haiders Geschmack für dramatische Inszenierungen. Dienstag, 9. Mai, kurz nach 17 Uhr, auf halber Strecke zwischen dem Regierungsviertel von Tripolis und dem Airport der libyschen Hauptstadt: Der Wagen des Kärntner Landeshauptmanns wird plötzlich von Sicherheitskräften gestoppt. Hektische Bodyguards, ein Gewusel von Geheimpolizisten, höchste Alarmstufe - Eskorte ins Allerheiligste des Gaddafi-Regimes. Der Revolutionsführer höchstpersönlich läßt zur Privataudienz bitten.
Alpen-Gaddafi
Die Frage, was die beiden Landesväter dabei hinter verschlossenen Türen ausgeheckt haben mögen, blieb fast drei Wochen lang unbeantwortet. Ging es um die Anbahnung von Milliardengeschäften? Die Finanzierung der europäischen Rechten durch Gelder aus Libyen? Oder gar einen geplanten Schulterschluß von international Verfemten? Immerhin haben die Herren Jörg Haider und Muammar al-Gaddafi einiges gemeinsam: In Israel dürfen sie nicht einreisen, die westliche Gemeinschaft steht ihnen äußerst reserviert gegenüber, ihre Vorstellungen vom Umgang mit Landesverrätern weisen gewissen Parallelen auf. Nicht von ungefähr trug Haider schon in den achtziger Jahren parteiintern den Spitznamen Alpen-Gaddafi (Ex-FPÖ-Chef Norbert Steger). Nachdem FORMAT und „profil“ vergangene Woche über die Begegnung berichtet hatten, setzten die Freiheitlichen alles daran, die wahren Umstände des Trips nach Tripolis zu verschleiern. Erst hagelte es Dementis. „Völliger Blödsinn“, erklärte Haiders getreuer Adlatus Karlheinz Petritz: Es habe kein Treffen mit dem libyschen Staatschef gegeben, sein Chef sei einer „privaten Einladung“ von Saif al-Islam al-Gaddafi, dem ältesten Sohn des Revolutionsführers, gefolgt, der in Wien studiert hat und den er seit Jahren kennt. Zwei Tage später bekannte Haider plötzlich freimütig, er habe Gaddafi senior sehr wohl persönlich besucht - und zwar bereits zum dritten Mal. Den FORMAT-Bericht, wonach ihn dabei ein Bankdirektor begleitet habe, verwies er drei weitere Tage später in einem „News“-Interview ins Reich der Phantasie: „Es wäre schön gewesen, wenn mich ein Banker begleitet hätte, dann hätte wenigsten jemand meine Reise finanziert.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wiener „Falter“ den Mann jedoch längst stellig gemacht: Wolfgang Kulterer, Chef der Hypo Alpe Adria Bank AG. 52-Prozent-Besitzer: das Land Kärnten. Kulterer war mit von der Partie gewesen, als Haider am Montag, dem 8. Mai, um 7.20 Uhr vom Flughafen Klagenfurt-Annabichl gen Tripolis abhob - in einem siebensitzigen Learjet 55 mit dem Kennzeichen OE GRR, betrieben von der Goldeck Flug GmbH des (liberalen) Bauindustriellen Hans Peter Haselsteiner. Besitzer des Vogels ist der Villacher Bau- und Tourismusunternehmer Robert Rogner. Dritter Passagier an Bord: Haiders langjähriger Privatsekretär und FPÖ-Kurzzeit-Bundesgeschäftsführer Gerald Mikscha, 28. Nach zweieinhalb Stunden Flugzeit landete die zweistrahlige Maschine auf dem Tripolis International Airport.
Andeutungen
Das Trio wurde von einem offiziellen Empfangskomitee des Gaddafi-Regimes begrüßt und ins Hotel Al-Mahari begleitet. Die folgenden zwei Tage verliefen weitaus weniger spektakulär, als Haider in der Öffentlichkeit durch kokette Andeutungen („Schon möglich, daß es um Tourismus gegangen ist. Kärnten hat aber auch exzellente Exportgüter“) und Rückzieher („Das war eine Privatreise“) insinuierte. Die Afrikareisenden spulten in Wahrheit ein Kulturprogramm wie aus dem Neckermann-Katalog herunter: Stadtrundfahrt, Museumsbesuch, am Nachmittag römische und griechische Ausgrabungsstätten entlang der Mittelmeerküste. Tags darauf Visite bei der libyschen Nationalbank und einem Bürokomplex in der Al-Hadaba-Al-Khadra im Herzen der libyschen Metropole, wo österreichische Unternehmen wie AUA und Voest residieren. 24 Stunden Tripolis und keine diplomatischen Aktivitäten, keine Spur von Gaddafi senior oder junior. Erst kurz vor der Rückreise die Rechtfertigung für den 200.000 Schilling teuren Flug - eine dreißig Minuten dauernde Unterredung Haiders mit dem Revolutionsführer, bei der man Tee nippte und sich gegenseitiger Wertschätzung versicherte. Einziger Österreichbezug des Palavers: „Gaddafi hat seiner Freude darüber Ausdruck verliehen, daß sein Sohn in Österreich studieren konnte“, berichtet Banker Kulterer nach seinem Outing als Reisebegleiter: „Um Geschäfte ist es meiner Erinnerung nach nicht gegangen.“ Ein paar Stunden später, um 22.10 Uhr, trifft das Trio am 9. Mai auch schon wieder im heimatlichen Klagenfurt ein.
Verbindungen
Daß ausgerechnet Wolfgang Kulterer, Chef der im Mehrheitsbesitz des Landes stehenden Hypo Alpe Adria Bank, in Nordafrika mit von der Partie war, ist kein Zufall. Die Bank und ihr 48-Prozent-Aktionär, die Grazer Wechselseitige Versicherungs AG, stehen mittlerweile zu einem erheblichen Teil im Einflußbereich der FPÖ und mit ihr sympathisierender Manager. Über Friedrich Fall, den Generaldirektor der Grazer Wechselseitigen, lernte Haider wiederum den steirischen Industriellen, Multimilliardär und FPÖ-Gönner Ernst Hofmann kennen. Hofmann, bei dessen 50. Geburtstag vor drei Wochen die gesamte FPÖ-Parteispitze antanzte, ist Großaktionär und Aufsichtsratschef des Internet-providers YLine, der von der Werbeagentur des Ex-FPö-Bundesgeschäftsführers Gernot Rumpold vermarktet wird. Auch Tripolis-Flieger Gerald Mikscha („Das war eine Privatreise, und die kommentiere ich nicht“) ist mittlerweile bei YLine untergekommen: Er verdient sein Geld neuerdings bei der YLine-Tochter proof it. Über Mikscha kam auch der aktuelle Kontakt zwischen Haider und den Libyern zustande. Doch schon Jahre zuvor knüpften die Blauen Verbindungen mit Emissären des Wüstenstaates. Lange vor Haiders Aufstieg zum Parteichef reiste der ehemalige Justizminister Harald Ofner in die nordafrikanische Volksrepublik, um dort zu antichambrieren.
Libysche Traditionen
Im Jahr 1988 machte Haider, inzwischen Parteiobmann, den Unternehmer Harald Göschl zum Bundesgeschäftsführer - eine Bestellung, die wegen Göschls intensiver Busineßconnections nach Libyen und Syrien für erhebliche Aufregung sorgte. Zehn Jahre später, im Juli 1998, wanderte Göschl kurzfristig sogar hinter Gitter. Der Vorwurf: Versuchter Waffenschmuggel mit Gaddafiland. Und bei den von der FPÖ veranstalteten Weißensee-Gesprächen tauchte 1995 unvermutet der libysche Nachrichtendienstler Mahmoud Hamza auf. Bei der Abschlußfeier der Veranstaltung im Casino Velden wurde er beim Smalltalk mit freiheitlichen Spitzenpolitikern, Haider inklusive, beobachtet. Spekulationen, daß Gaddafi über Jörg Haider und die FPÖ die europäische Rechte finanziere, lassen sich allerdings nicht belegen. Einer der wenigen, dem westliche Geheimdienste derartige Machinationen zutrauen, ist Alfred Mechtersheimer, Vorsitzender der erzkonservativen Deutschland-Bewegung in Bayern. Der nach rechts abgedriftete ehemalige Grünabgeordnete flog 1989 aus dem deutschen Bundestag, nachdem er als Verwalter einer mit zehn Millionen Dollar dotierten Muammar al-Gaddafi-Stiftung für Frieden und Solidarität in Liechtenstein enttarnt worden war. Vor drei Wochen trat Mechtersheimer am großen Festkommers der Burschenschaften in Innsbruck auf, zu dem sich auch allerlei FPÖ-Prominenz einfand - eine mehr als wacklige Indizienlage. Eine andere Finanzierungsfrage ließe sich viel leichter klären: Wer hat den Ausflug Jörg Haiders nach Libyen berappt? Doch nur Hypo-Chef Kulterer will derzeit etwas dazu sagen: „Ich bin von Herrn Haider eingeladen worden. Für den Fall, daß ich eine Aufforderung erhalte, meinen Anteil der anfallenden Kosten zu zahlen, werde ich das nach dieser Aufregung wohl tun müssen.“
Auftrag von Haider
Die Buchung für den Learjet 55 OE-GRR kam jedenfalls von ganz oben. FORMAT hat den Piloten, der beim Flug von Klagenfurt-Annabichl nach Tripolis und retour im Cockpit saß, Freitag abend im ägyptischen Sharm el Sheik am Roten Meer erreicht. Paul van der Klein, seit 1992 im Dienst von Learjetbesitzer Robert Rogner: „Der Auftrag für die Libyenreise lief über das Büro von Landeshauptmann Jörg Haider. Dorthin hat die Goldeck Flug auch am Tag nach der Rückkehr die Rechnung geschickt.“ Eine Darstellung, die auch Goldeck-Flug-Geschäftsführer Joachim Helmig gegenüber FORMAT bestätigt. Bleibt nur eines offen: Hat Jörg Haider den 200.000-Schilling-Trip als Privatperson aus der eigenen Tasche bezahlt, oder mußten die fleißigen und anständigen Kärntner Steuerzahler für das Privatvergnügen des Trios aufkommen?
H. Reichmann, M. Staudinger
(artikel 2: interview met Wolfgang Kulturer)
Der Kärnter Hypo-Chef Wolfgang Kulterer über Haiders Begegnung mit Oberst Gaddafi.
Format: Was hat der Chef der Kärntner Landes-Hypo mit Jörg Haider beim libyschen Revolutionsführer Gaddafi zu suchen?
Kulterer: Der Landeshauptmann hat mich kurzfristig angerufen, mir von seiner Privatreise nach Libyen erzählt und gesagt, er hat noch einen Platz in seiner Maschine frei. Da ich gerade auf Urlaub war, habe ich zugesagt.
Format: Wie ist es zum Treffen mit Gaddafi gekommen?
Kulterer: Wir waren am zweiten Tag unseres Aufenthalts bereits wieder am Weg zum Flughafen, als unser Auto gestoppt wurde. Eine Eskorte hat uns in einen Vorort von Tripolis gebracht. Dort mußten wir erst einmal längere Zeit warten.
Format: Wie ist das folgende Gespräch verlaufen?
Kulterer: Haider und Gaddafi haben sich ungefähr eine halbe Stunde unterhalten. Um Geschäfte ist es meiner Erinnerung nach nicht gegangen. Es war im wesentlichen ein Austausch von politischen und diplomatischen Floskeln. Gaddafi hat seiner Freude darüber Ausdruck verliehen, daß sein Sohn in Österreich studieren konnte.
Format: Haider war schon öfter Gaddafis Gast. Wie wurde er empfangen?
Kulterer: Äußerst zuvorkommend. Bei unserer Ankunft waren einige Funktionäre am Flughafen, die haben Haider offensichtlich von früheren Besuchen wiedererkannt.
Format: Haben Sie vor, ins Libyen-Geschäft einzusteigen?
Kulterer: Wenn Libyen nicht so weit weg wäre, würde die Hypo Alpe Adria dort sicher investieren. Das ist ein boomender Markt. Ich selbst werde ganz sicher wieder nach Libyen reisen. Allerdings nur mehr ganz privat und mit einem Linienflug. Die Aufregung um diese Reise ist eine Lehre für mich.