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Grenzcamp

Das Programm gibt's hier beim Stressfaktor.

Hier erfahrt ihr, was beim Anti-Grenze-Camp bei Zittau (7.-15.8.99) so los war. Die aktuellsten Nachrichten stehen immer ganz oben.


Montag, 9.8.99: [Sächsische Zeitung]

NPD-Funktionäre bedrängt
Zittau. In einer Presseerklärung erklärt der NPD-Kreisvorsitzende Torsten Hiekisch, dass er und zwei weitere Mitglieder seiner Partei am Sonnabend auf dem Zittauer Marktplatz am Rande der Veranstaltung "Kein Mensch ist illegal" von "Linken" bedrängt wurden. "Ein Mitglied der NPD und Kommunalabgeordneter wollte allein den Platz verlassen. Was dann folgte, war eine regelrechte Menschenjagd auf ihn", heißt es in der Pressemitteilung weiter. Die NPD wolle Strafanzeige stellen. Der Polizei liegen keine Erkenntnisse über Vorfälle dieser Art vor, erklärte das Polizeirevier Zittau auf Anfrage.


Montag, 9.8.99: [Sächsische Zeitung]

Vom Gebirge an die B 99
Aktion "Kein Mensch ist illegal" geht heute in seine vierte Runde
Umzug auf neue Fläche hinter Zittauer Weinau

Landkreis/Zittau. "Kein Mensch ist illegal". Seit nunmehr vier Tagen sorgt ein Grenzcamp dieser bundesweiten Kampagne im Zittauer Gebirge für Aufsehen. Eigentlich schon ein paar Tage mehr, denn nach dem Verbot des Zittauer Landratsamtes, auf einer Wiese bei Lückendorf zu zelten, waren die Organisatoren des Camps fieberhaft auf der Suche nach einer Ausweichfläche.
Ein ehemaliges NVA-Gelände im südlichen Stadtteil Zittaus stand zuerst zur Debatte. "Als wir am Freitag gegen 16 Uhr mit dem Bundesvermögensamt (Eigentümer der Fläche - d. Red) sprachen, sah es so aus, als ob wir auf das Gelände könnten", erzählte einer der Organisatoren. "Wir sollten uns nur noch mit dem Pächter der Fläche, einem Schäfer, wegen eines Mietvertrages in Verbindung setzen. Gegen 18 Uhr erfuhren wir jedoch, das Bundesvermögensamt habe den Abschluss eines Mietvertrages untersagt." Zu dieser Zeit standen bereits etwa 100 Teilnehmer des Camps mit Fahrzeugen und Bauwagen auf dem Parkplatz am Lückendorfer Forsthaus. Auf die Wiese kamen sie nicht, hier setzt die Polizei das Aufenthaltsverbot noch bis zum 15.August um. Ein Angebot des Zittauer Landratsamtes, auf umliegende Zeltplätze auszuweichen, fand keine Zustimmung bei den Veranstaltern. Und auch die Überlegung, im tschechischen Hradek zu zelten, wurde vorerst nicht weiter verfolgt. So kam es, dass sich am späten Freitagabend die Teilnehmer des Camps Richtung Zittau bewegten. Und das zum Teil mit Polizeieskorte und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn km/h - mehr gaben veraltete Zuggeräte wie Traktoren nicht her. Kurz vor 23 Uhr schob sich der Tross von etwa 30 Fahrzeugen dann über die Zittauer Süd-, die Ziegel- und die Sachsenstraße aufs ehemalige Gelände der Offiziershochschule, um hier zwischen zwei Panzerhallen sein vorläufiges Domizil einzurichten.
Am Sonnabendmittag dann erneut Aufregung: Das Camp sollte geräumt werden. "Wir wollten zu dieser Zeit ja mit unserer Aktion auf dem Zittauer Markt beginnen", erzählt Organisator Hagen Kopp. Es kam zu Verzögerungen, erst nachdem das Zittauer Landratsamt den Verbleib des Camps bis heute Mittag 12 Uhr genehmigt hatte, konnte die Veranstaltung, eine deutsch-polnische Parade, beginnen. Vor dieser Parade wurde jedoch der Zittauer Markt gehörig beschallt. Mehrere Bands traten auf, die Kampagne "Kein Mensch ist illegal" informierte über das Anliegen des Grenzcamps, T-Shirts wurden feilgeboten. Am Markt ansässige Gaststätten dürften sich über unerwarteten Umsatzzuwachs gefreut haben. Und immer in Sichtweite: die Polizei. Die zeigte jedoch nur schwache Präsenz, hatte aber auch keinen Ärger mit den großteils jungen Leuten aus mehreren europäischen Ländern. Schon am Freitag attestierte der verantwortliche Einsatzleiter: "Die Leute verhalten sich friedlich."
Gegen 15 Uhr formierte sich dann aus den etwa 200 Teilnehmern auf dem Markt ein Zug, der lautstark und mit Losungen wie "Gegen Schleuserhetzer - für aktive Fluchthilfe" über die Frauen- und die Rosa-Luxemburg-Straße zur Chopinstraße und zum dortigen deutsch-polnischen Grenzübergang zog. Hier traf man sich mit den Teilnehmern eines polnischen Protestzuges und machte auf einer Kundgebung nochmal auf die Ziele des Camps aufmerksam: Flüchtlinge solidarisch unterstützen und auf die Lage in den Grenzregionen aufmerksam machen. "Wir wollen ein unüberhörbares und deutliches Nein zu den hiesigen Verhältnissen zum Ausdruck bringen, in denen Menschen illegal gemacht oder sonstwie aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden", so die Veranstalter. Die Anwohner der Strecke wurden übrigens ebenso wie viele andere Zittauer über diese Ziele informiert. Eine Campzeitung fand sich in Briefkästen und hinter Scheibenwischern.

Oberbürgermeister bot neue Fläche an
Und auch bezüglich eines neuen Zeltplatzes gab es am Sonnabend Neues zu vermelden. Nach Aussage der Veranstalter bot Zittaus Oberbürgermeister eine Wiese an der B 99 an. Gestern Vormittag fiel dann die Entscheidung der Organisatoren: "Wir ziehen um." Bereits gestern Nachmittag sollten am neuen Ort verschiedene Workshops sowie eine Diskussionsveranstaltung zum Thema "Fluchtpolitik während des Kosovo-Krieges" stattfinden. Heute geht das Grenzcamp nun in seine mittlerweile vierte offizielle Runde. Und zwar mit einer Dauerkundgebung auf dem Zittauer Markt. Ab 12 Uhr wollen hier Flüchtlinge aus Afrika, Asien und Osteuropa über ihre Erlebnisse berichten. Oder wie es im Programm der Veranstalter heißt: "Über die Barbarei der Grenzregime."


Sonntag, 8.8.99: [Pressegruppe Grenzcamp 99, Zittau, 11.00 Uhr]

Antirassistisches Grenzcamp bei Zittau eröffnet, Platzfrage geklärt
Mit einem Musikumzug und einem Konzert hat am Samstag, dem 8. August das Sommercamp von rund 500 AktivistInnen der Kampagne "Kein Mensch ist illegal" begonnen.
In der Auseinandersetzung um das Gelände für die Veranstaltung wurde am Freitag zwischen den Organisatoren des Camps und den örtlichen Behörden ein altes NVA-Gelände in Zittau als Übergangslösung ausgehandelt.
Am heutigen Sonntag zieht das Grenzcamp auf eine Wiese an der Görlitzer Strasse am Ortsausgang von Zittau um. Damit hat sich das Camp in der Platzfrage gegen den Willen des Bürgermeisters durchgesetzt.
Am Rande des gestrigen Konzertes auf dem Zittauer Marktplatz betonte ein Sprecher der Kampagne, der Streit um den Standort des Camps sei jetzt beendet. "Wir sind hier, um darüber zu sprechen, wie das System der Abschottung und Grenzsicherung immer mehr Menschen, die nach Europa kommen wollen, in die Illegalität treibt." Während die Bands sich den Themen Herrschaft, Grenze und Kommunikation musikalisch annährten, wurde eine Campzeitung an interessierte PassantInnen verteilt. In einer Auflage von über 20.000 Exemplaren werden darin Ziele, Inhalte und Hintergründe der Kampagne und des Camps dargestellt.
An dem Camp beteiligen sich antirassistische und antifaschistische Gruppen sowie MusikerInnen, InternetaktivistInnen, DJ's und KünstlerInnen aus Deutschland, Tschechien, Frankreich, Grossbritannien, Bulgarien, aus der Ukraine und Russland sowie die Organisation afrikanischer Flüchtlinge "The Voice".
Eine Gruppe polnischer AktivistInnen wurde nachmittags am Grenzübergang begrüsst. Sie berichteten von Aktionstagen an der ukrainisch-polnischen Grenze, von denen sie gerade angereist waren.
Eine Woche lang werden die CampteilnehmerInnen im Dreiländereck präsent sein, um gegen die Genzpolitik Widerstand zu leisten und eine rassistische Grundstimmung aufzubrechen.
Weitere Informationen geben wir interessierten MedienvertreterInnen gerne unter der Rufnummer 0170 9530783.


Samstag, 7.8.99: [Webjournalredaktion vom Camp]

Bericht vom Samstag
Die ersten Gitarrensounds des Camp-Frauen-Band-Projekts schallen über das ehemalige NVA-Gelände. Und so manche ist froh, daß dieser diskussionsreiche Tag jetzt in den netteren Teil übergeht (außer für die eifrige Webjournalredaktion, aber zu uns mehr im Editorial, wenn's fertig is). Die Bierbestände werden ausgepackt und ganz Schlaue kommen gerade aus Tschechien: dort ist das Bier nicht nur billiger, sondern auch richtig gut. Diskutiert wurde heute in nicht endenwollenden Plena, wo wir denn nun eigentlich unsere Zelte endgültig aufschlagen wollen. Nachdem der ursprünglich von den Camporganisatoren angemietete Platz plötzlich als Naturschutzgebiet vor uns geschützt werden mußte, hat die Stadt Zittau zunächst ein altes NVA-Gelände zur Verfügung gestellt. Das ist nicht nur wie NVA-Gelände eben so sind, sondern auch einfach zu klein.
Mittlerweile sind hier knapp 500 Leute und ein Platz zum Zeltaufstellen ist kaum noch zu finden. Morgen ziehen wir um, aber ob das so richtig besser wird, daran zweifeln noch einige. Zumindest wird es wohl eine große Wiese geben - die ist allerdings eingekreist von einer Bundesstraße, einer Bahnstrecke und einer Zementfabrik. Und das ist in diesem idyllischen Dreiländereck wirklich schade. Ringsum Wald und Berge - ein kleiner Spaziergang über die grüne Grenze ist nicht nur aus politischen Gründen angesagt - Seen laden zum Baden ein. Aber die Stadt Zittau freut sich wohl nicht so über uns wie über ihre sonstigen Touristen.
Vor allem einige Zittauer Sprösslinge sind sauer. Deren Bekanntschaft konnten wir auf dem Auftaktsmove - einem gemeinsamen Spaziergang durch die Zittauer Innenstadt - machen. Ein kleiner Haufen Glatzen griff nach den Zaunlatten, bevor wir ihren Grillabend stören konnten. Sie feierten im Garten des Hauses des Nationalen Jugend Blocks - Garten mit Haus vermietet die Stadt an die Jungnazis für knappe 80 DM im Monat. Dabei stieß die Aktion unter der Zittauer Bevölkerung und vor allem die Campzeitung, die in 1000er Auflage in Briefkästen und an Interessierte verteilt wurde, auf reges Interesse. Ob in Berlin, Hamburg, München oder sonstwo, Flugiverteiler kennen das gelangweilte oder genervte Abwinken von Schaulustigen und Demonstrierenden - nicht schon wieder das hundertste Flugi mit den gleichen Parolen. Zittau ist ein ganz anderes Erlebnis: Fahrradfahrer hielten an, um an die Zeitung zu kommen, Autofahrer kurbelten das Fenster runter.

Turbulent wurde es bei der gegenseitigen Grenzbesichtigung. Von polnischer wie von deutscher Seite sollte eine Demo auf die Grenze zulaufen - und sich von der jeweiligen Seite aus zuwinken - so war es wohl von den Organisatoren geplant. Die polnischen Freunde waren leider nicht so zahlreich. Das Grüppchen von zehn Aktivisten entschloß sich spontan einfach zu uns rüber zu kommen. Auf dieser Seite der Grenze fanden viele, daß so ein Rüberwinken nicht genug wäre. Der BGS ließ sich dann auch überzeugen, die Sperre 30 Meter vor der Grenze zu räumen und sich erst wieder direkt vor Polen aufzustellen. Als einige selbstverantwortlich die BGS-Sperre passierten und nach Polen spazierten, fanden das die Organisatoren gar nicht lustig. Wir wären doch für offene Grenzen und gerade würden wir die Grenze blockieren, meinte einer von ihnen und verwies auf die wartenden Autofahrer. Die Logik, daß man bei Aktionen keine Autofahrer blockieren sollte, war nicht jedem einleuchtend. Aber trotz mancher grundsätzlicher politischer Differenzen ist der Sound der Frauenband mit Bernadette von "Die Braut haut ins Auge" und Katrin von irgendwas anderem super geil.


Freitag, 6.8.99: [www.contrast.org/borders/neu.html]
Die erste Nacht endete für die CamperInnen auf einem Ersatzgrundstück, das die Polizei nach Verhandlungen anbot, nachdem der Zutritt zum eigentlichen Camp-Grundstück verwehrt wurde.

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