Redebeitrag
Dieser Redebeitrag zu Holger wurde bei der antifaschistischen Demo am 20. November 1999 in Münster gehalten.
Es war am 19.September letzten Jahres, Wahlkampfzeit. Die NPD und die JN hatten zu einem Aufmarsch mobilisiert, nach Rostock-Lichtenhagen. Das ist der Ortsteil, wo 6 Jahre vorher (1992) Faschisten unter der Parole "Ausländer raus" ein Wohnhaus von vietnamesischen Vertragsarbeitern angriffen, während Polizisten zuschauten und rassistische Anwohner applaudierten. Die Provokation der NPD, sich positiv auf diesen Progrom zu beziehen, hatte auch mehrere tausend Antifas motiviert, zu einer Gegendemo nach Rostock zu kommen.
Der NPD-Aufmarsch wurde zwar in Lichtenhagen verboten, doch in Dierkow, einem anderen Stadtteil Rostocks erlaubt. Die Gegendemo in der Innenstadt war von starken Polizeikräften eingekesselt, als vom Lautsprecherwagen bekanntgeben wurde, daß das Antifa-Infozelt von Faschos angegriffen wird. Einige Leute, die außerhalb des Kessels waren, unter ihnen Holger, machten sich auf den Weg zum Infozelt.
Auf der Straße vor dem Infozelt spielte sich dann laut Augenzeugen etwa folgendes ab: Ein Auto hält an einer roten Ampel. Da kommt ein aufgemotzter dunkler Kleinwagen angerast, macht eine Vollbremsung, wobei er am Bordstein entlang rutscht, und kommt nicht mal einen halben Meter vor dem anderen Auto zum stehen. Der Fahrer legt den Rückwärtsgang ein und vollbringt mit quietschenden Reifen eine sogenannte Chikagowende. Dann fährt er stark beschleunigend wieder in die Richtung aus der er kam.
Holger und eine weitere Person waren gerade auf der Straße um sie zu überqueren. Der andere konnte gerade noch zur Seite springen, doch Holger wurde vom Auto erfasst, durch die Luft geschleudert und blieb dann mit schweren Kopfverletzungen liegen. Obwohl der Fahrer freie Sicht und auch Ausweichmöglichkeiten hatte, unternahm er keinen Versuch zu bremsen oder auszuweichen. Im Gegenteil, er beschleunigte noch und fuhr auch danach ohne Zögern weiter. Ein später von der DEKRA erstelltes Gutachten berechnete aus den Spuren am Wagen eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern beim Aufprall.
Zum Glück kam recht bald ein Krankenwagen und brachte Holger in die Uniklinik, wo er bald operiert wurde. Wenig Interesse das Geschehen zu registrieren zeigte jedoch die Polizei. Vorbeikommende Einsatzkräfte erklärten sich für nicht zuständig, eine Verkehrsstreife erschien erst nach einer halben Stunde. Zeugen mußten sich regelrecht aufdrängen, um gehört zu werden. Ermittlungen wie Ausmessen von Bremsspuren, die sonst bei der Aufnahme von Unfällen üblich sind, wurden erstmal nicht gemacht.
Etwa nach weiteren 20 Minuten wurde die Strasse für den Verkehr freigegeben. Die Blutlache wurde vom fahrenden Verkehr verwischt...
Menschen, die gegen 14 Uhr die Straße aus Wut und Trauer besetzen wollten wurden von der Polizei brutal von der Straße geräumt. Wörtliche Antwort eines Polizisten auf die Bemerkung, dass dort ein Mensch überfahren wurde und sogar noch die Blutlache zu sehen sei: "Das ist doch nicht dein Blut, oder?"
Über die Verharmlosungspolitik der Polizeiführung schrieb die "Junge Welt":
Die Polizei räumte während der Pressekonferenz erst auf Nachfragen ein »schädigendes Ereignis im öffentlichen Verkehrsraum« im Bereich des Stadthafens ein. Es handele sich jedoch um einen normalen Verkehrsunfall und habe nichts mit dem Demonstrationsgeschehen zu tun. Der Fahrer habe sich »dem Unfallort abgewandt«, sich jedoch später der Polizei gestellt. Nach einer Vernehmung sei der Fahrer jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Auf Nachfrage erklärte Abramowski, daß er zu dieser Freilassung nichts weiter sagen könne und bat darum, die Fragen zu diesem Themenkomplex einzustellen: »Der Herr Minister hat noch einen anderen Termin.«
Zu dieser Informationspolitik paßt, daß der Polizeichef zunächst gegenüber der versammelten Presse erklärte, keine Erkenntnisse über eine Zugehörigkeit des Täters zur rechten Szene zu haben, dies jedoch unmittelbar darauf gegenüber einer Reporterin von ntv zugab, »aus ermittlungstechnischen Gründen« darüber aber keine weiteren Auskünfte geben könne.
In den folgenden Wochen, während Holger noch immer im Koma lag und das öffentliche Interesse an Rostock nachließ, ging es weiter mit der Strategie, aus dem Mordversuch eine Bagatelle zu machen. Der Mordkommission wurde das Verfahren entzogen, der Vorwurf auf "fahrlässige Körperverletzung" reduziert, noch bevor das DEKRA - Gutachten wichtige Indizien für die Frage "Absicht oder nicht?" liefern konnte. Der Fahrer bekam seinen Führerschein zurück. Die Gerichtliche Zuständigkeit wurde von Rostock nach Tecklenburg im Münsterland verlegt, da der Fascho hier in Lengerich wohnt. Ihm wurde das Jugendrecht zugestanden, womit die Öffentlichkeit vom Verfahren ausgeschlossen ist und auch das Strafmaß begrenzt ist.
Der zuständige Jugendrichter fühlte sich von diesem Fall wohl überfordert und beantragte die Übernahme durch das Jugendschöffengericht Ibbenbüren. Dieses wies Ende April die Übernahme zurück und gab zu verstehen, daß es das Verfahren gegen Zahlung von ca 2000 DM einstellen würde. Begründet wurde dies mit einem erheblichen Mitverschulden des Geschädigten, also Holgers," der einfach auf die Straße gelaufen sein soll". Außerdem sei bei dem Fahrer von einer Panikreaktion auszugehen, "in der sich ein Fluchtinstinkt durchsetzte".
Einige Monate später beantragt dann der Jugendrichter die Einstellung. Holger als Nebenkläger hätte keine Möglichkeiten gehabt, die Einstellung zu verhindern. So lag die Entscheidung bei der Staatsanwaltschaft Münster. Vor zwei Wochen hat sie nun entschieden, dass das Verfahren nicht eingestellt werden soll, dass Prozesse stattfinden sollen. Mal eine positive Meldung, vielleicht sogar ein kleiner Erfolg für uns, für alle die sich gegen das stillschweigende Vergessen dieser und anderer faschistischer Gewalt engagiert haben.
Doch machen wir uns nichts vor. Die Staatsgewalt wird nicht unsere Interessen vertreten. Die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ist pure Fassade, die Geschichte auch in diesem Fall zeigt das Gegenteil. Vielleicht können wir den Staat dann und wann dazu bringen, etwas in unserem Sinne zu tun, weil er seine Fassade aufrechterhalten will, doch eine Perspektive bietet uns eine solche Forderungspolitik nicht. Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, müssen wir unsere eigene Stärke aufbauen, uns selbst organisieren.
Nicht Butter und Quark, Solidarität macht stark !
Solidarität hat auch Holger wieder stark gemacht. Er wäre gerne hergekommen, doch aus versicherungstechnischen Gründen kann er nicht. Aber er sagt, daß es ihm gut geht, daß er froh ist noch zu leben und daß es ihm gut tut, soviele Freunde und Freundinnen überall zu haben.
Er ist weiterhin in der Reha-Klinik, wo er nach dem allmählichen Erwachen aus dem Koma elementare Fähigkeiten wie essen, laufen, sprechen, schreiben und lesen von neuem erlernen mußte. Im ersten halben Jahr bekam er eine intensive Betreuung von Freunden und Freundinnen aus Dresden und Frankfurt, so daß täglich jemand für ihn da war. Dazu noch viele Kurzbesuche. In dieser Zeit machte er gesundheitliche und Lernfortschritte, die sogar die Ärzte und Pfleger in Erstaunen versetzte.
Doch Solidarität stärkt nicht nur die, denen die Solidarität gilt, sondern auch die, die sie ausüben. Ich hab jedenfalls die Solidarität mit Holger immer wieder als ermutigend empfunden. Zum Beispiel die Spontandemo in Uelzen am Tag danach, wo die Stadt gleichzeitig von DVU-Plakaten gesäubert wurde. Wenn Anfragen kommen, wie's Holger geht, Nachrichten von Soliveranstaltungen, wenn Zeitungen bis nach Bern hinunter von dem Fall berichten und Aufrufe veröffentlichen, wenn ich beim Besuch von Holger auch andere Freunde treffe, dann ist das immer auch ein kleines Stück verwirklichte Utopie von einer solidarischen Gesellschaft.
Was zu wünschen bleibt, ist daß die Solidarität nicht bei Holger stehn bleibt, daß darüber die anderen Opfer faschistischer und rassistischer Gewalt nicht vergessen werden. Holger hatte das Glück oder das Privileg mittendrin zu sein in Strukturen, die den Vorfall an die große Glocke hängen konnten. Andere, besonders Menschen mit anderer Hautfarbe und aus anderen Ländern, haben dies nicht. Sie müssen oft allein mit den Folgen der Angriffe fertig werden. Wir sollten nach Möglichkeiten suchen, sie in unsere Solidarität miteinzubeziehen.
Zum Schluß noch ein Gruß von Holger:
"Laßt euch nicht unterkriegen! "
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