|
Erklärung der Roten Hilfe e.V. Heidelberg zur MOVE-Veranstaltung am 07.12.1999 im Karlstorbahnhof
Am 07.12.1999 fand im Heidelberger Kulturhaus "Karlstorbahnhof" unter dem Titel "Freiheit für Mumia Abu-Jamal - Weg mit der Todesstrafe" eine Informationsveranstaltung von MOVE (from Philadelphia, Pennsylvania) statt. Diese Veranstaltung, zu der etwa 140 Menschen gekommen waren, war Teil einer mehrtägigen Rundreise durch die BRD von drei VertreterInnen von MOVE bzw. ICFF-MAJ (International Concerned Friends and Family of Mumia Abu-Jamal). Organisiert wurden die Veranstaltungen aus Berlin vom dortigen "Aktionsbündniss für Mumia Abu-Jamal", vor Ort erfolgte die Organisation zumeist durch lokale (linke/linksradikale) Gruppen. In Heidelberg erklärte sich die Ortsgruppe Heidelberg der Roten Hilfe e. V. bereit, die Veranstaltung durchzuführen. In Heidelberg war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, dass es vor einigen Jahren innerhalb der Linken heftige Auseinandersetzungen über MOVE - die "Bewegung für das Leben" - gegeben hatte, da sich MOVE auf der Grundlage heterosexistischer Bevölkerungsstrategien gegen Homosexualität und gegen Abtreibung ausgesprochen und (vor allem schwarze) Frauen auf ihre Rolle als Gebärmaschinen reduziert hat. Wir haben die Veranstaltung als einen Beitrag zur internationalen Mobilisierung für die Freiheit von Mumia Abu-Jamal verstanden. Mumia hat vor seiner Verhaftung viel über MOVE berichtet und wurde nicht zuletzt wegen dieser Berichterstattung verhaftet und soll nun hingerichtet werden. Wir gingen also davon aus, dass die damalige Diskussion auch Mitglieder von MOVE erreicht und bei ihnen vielleicht etwas bewegt hat. Vor allem aber dachten wir, dass es in den Veranstaltungsbeiträgen von MOVE vor allem um Mumia und dessen aktuelle Situation - und nur am Rande um MOVE ginge. Zu unserem Erstaunen sprach vor allem Ramona Africa (MOVE/ICFF-MAJ) jedoch fast nur über MOVE und deren Ideologie. In diesem Zusammenhang erläuterte sie auch, dass das höchste Ziel für MOVE ein Leben "in Einheit mit der Natur sei". In weitreichenden Ausführungen schilderte sie einige Betrachtungsweisen von MOVE in sehr blumigen Worten. In der Pause äußerten zahlreiche BesucherInnen der Veranstaltung ihren Unmut über die Inhalte des Vortrags und erhoben den Vorwurf, dass die Aussagen zum Teil einen reaktionären Kern und religiösen Charakter haben (z. B.: "Wenn ihr euch nicht direkt in die Kämpfe einbringen wollt, so könnt ihr ja auch andere Menschen mit dem Auto fahren, für sie etwas kochen oder ihre Kinder hüten.") Die OrganisatorInnen teilten diese Kritik, dachten jedoch, dass die am besten geeignete Reaktion darauf sei, bei der anschließenden Diskussionsrunde dahingehend direkte Fragen zu stellen oder eigene Stellungnahmen abzugeben (die nicht zur weiteren Diskussion bestimmt sind), um ihre Kritik öffentlich zu machen. Dies wurde jedoch von Seiten der KritikerInnen zumeist als nicht praktikabel abgelehnt, und es wurde betont, eher die Veranstaltung bei einer Wiederholung der Argumente unter Protest zu verlassen.
Bald nach Beginn der Diskussionsrunde, die nach einem kurzen Agit-Prop-Stück eröffnet wurde, kam dann eine Nachfrage aus dem Publikum, ob Ramona etwas zu der früher schon geführten Auseinandersetzung um die Einstellung von MOVE zu Homosexualität und Abtreibung sagen könne. Sie erklärte daraufhin, dass sie und die anderen Mitglieder von MOVE "nicht an Homosexualität oder Abtreibung glauben" ("We donīt believe in homosexuality, we donīt believe in abortion"). Auf eine weitere Nachfrage, wie denn dieser (religiöse) Glaubens-Begriff zu verstehen sei, antwortete sie, da MOVE in "Einheit mit der Natur" leben wolle (s. o.), glaubten die Mitglieder nicht an Homosexualität und Abtreibung, weil, "wenn alle homosexuell wären, würde niemand mehr Kinder bekommen, und das wäre gegen die Natur". Daraufhin verließen zahlreiche Personen unter Unmutsäußerungen den Raum. Es erfolgten dann noch weitere Klärungsversuche, die Antworten von Ramona machten jedoch deutlich, dass sie nicht falsch verstanden worden war, auch wenn sie beteuerte, dass MOVE Homosexuelle, die Opfer von Übergriffen wurden, unterstütze und nicht gegen Homosexualität sei. An diesem Punkt unterbrach eine Person der Roten Hilfe e. V. Ortsgruppe Heidelberg die Veranstaltung, um sich im Namen der Organisation mit den KritikerInnen, die den Raum verlassen hatten, solidarisch zu erklären und sich im Namen der Roten Hilfe von den Aussagen und Inhalten von MOVE zu distanzieren. Sich zu distanzieren von dem übers Podium transportierten kruden Mix aus plakativem Revolutionstaumel, bevölkerungspolitischer Verschwörungstheorie, biologistischer LebensschützerInnenargumentation und volksgemeinschaftlichem Unity-Gewäsch. Hierauf erfolgte nochmals eine kurze Diskussion, in deren Verlauf ein weiteres Mitglied der Roten Hilfe e. V. Ortsgruppe Heidelberg in einer Stellungnahme verdeutlichte, dass sich MOVE aktiv an der Diskriminierung von Homosexuellen und an der sexistischen Anti-Abtreibungsdiskussion beteilige, die Frauen die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben abspricht,. Deshalb distanziere sich die Rote Hilfe von den Aussagen Ramonas. Kurze Zeit später wurde die Veranstaltung dann ganz beendet von Seiten der OrganisatorInnen, da sich die Ressentiments nur zu wiederholen drohten.
FAZIT:
Die Ortsgruppe Heidelberg der Roten Hilfe e. V. distanziert sich hiermit nochmals eindeutig von den Aussagen der MOVE-Vertreterin Ramona Africa, aufgrund ihres homophoben, sexistischen, bevölkerungspolitischen und verschwörungstheoretischen Inhalts. Wir sind den im Vorfeld aufgekommenen Zweifeln nicht gründlich genug nachgegangen, was auch daran lag, dass wir von der Veranstaltungsplanung überrumpelt wurden, da alles sehr kurzfristig entschieden und zugesagt werden musste. Diese Reduktion der OrganisatorInnen vor Ort auf die Zurverfügungstellung der (technischen) Infrastruktur und die Rolle der GeldbeschafferInnen hat z. B. in Frankfurt dazu geführt, dass die dortige Veranstaltungsgruppe, das Frankfurter Solidaritätskomitee Mumia Abu-Jamal, im Vorfeld daran gehindert wurde, auf der Veranstaltung (am 06.12.1999) einen eigenen Kurzbeitrag zu verlesen, indem die ganze Veranstaltung - nun unter ICFF-MAJ-Eigenregie - kurzfristig vom universitären Kommunikationszentrum (KOZ) an einen anderen Ort verlegt wurde. In einer Erklärung der Frankfurter Vorbereitungsgruppe für die geplante Veranstaltung mit Ramona Africa und für die Freiheit von Mumia Abu-Jamal heißt es unter anderem: "Es war für uns wichtig, öffentlich präsent zu sein und die Gründe für unser Engagement bei der Umsetzung der Veranstaltung zu erläutern. Solidarität ergibt sich für uns aus gemeinsamen politischen Zielen und Grundlagen, die diskutiert und bestimmt werden müssen. (...) Leider hatte ICFF-MAJ kein Interesse, diese wichtige Diskussion mit uns, auch außerhalb der Veranstaltung, zu führen. (...) Unser Konzept sah (...) vor, dass wir die Veranstaltung moderieren, wobei klar war, dass Ramona Africa die Hauptrednerin sein sollte und nach einem einleitenden kurzen Beitrag unsererseits den weiteren Verlauf der Veranstaltung bestimmt. [Erst] spät [hat] sich herausgestellt, dass ICFF-MAJ ein völlig anderes Konzept für die Veranstaltung hat und nicht bereit ist, dieses zu verändern. Es wurde betont, dass ein Beitrag von uns für die Veranstaltung unnötig und uninteressant sei... Diese Unvereinbarkeiten haben dazu geführt, dass sich ICFF-MAJ für die eigenständige Durchführung ihrer Veranstaltung an einem anderen Ort entschieden haben." (Stand: 05.12.1999) Was wir trotz alledem im Moment jedoch nicht wollen, ist, uns vom Engagement für die Freiheit von Mumia Abu-Jamal zu distanzieren, da Mumia inzwischen zu einem internationalen Symbol gegen die Todesstrafe und für den weltweiten Kampf gegen Rassismus geworden ist. Uns ist dabei allerdings auch bewusst, dass erstens eben dieser Symbolcharakter Mumias inzwischen problematisch ist (auch für ihn) und zweitens auch Aussagen Mumias (der MOVE bekanntlich unterstützt) in seinem zweiten Buch ("Ich lebe, um zu schreiben") sich indirekt gegen Abtreibung wenden. Mumia kämpft auch aus dem Todestrakt unbeugsam gegen ein rassistisches, nationalistisches, sexistisches und homophobes System in den USA, das in diesen Aspekten keinen Unterschied zum politischen System der BRD darstellt. Aus diesem Grunde verhalten wir uns solidarisch zu ihm. Gleichzeitig wollen wir in Zukunft die Unterstützung von Organisationen, mit denen wir Veranstaltungen durchführen, kritischer hinterfragen (vor allem, wenn wir schon Anhaltspunkte für politisch problematische Aussagen haben).
Wir wollen nochmals unsere Solidarität mit allen, welche die Veranstaltung aus den oben genannten Gründen verlassen haben, ausdrücken. Wir hätten lieber eine direkte Auseinandersetzung auf der Veranstaltung gehabt (das heißt nicht unbedingt in Form einer Diskussion!), aber wir wollen es uns nicht anmaßen, über die Protestformen der KritikerInnen zu diskutieren, da es sich hierbei (soweit wir dies einschätzen können) um Menschen handelt, die sehr klare Positionen zu Sexismus, Homophobie und Rassismus haben, die wir (wiederum soweit wir dies einschätzen können) im Großen und Ganzen teilen.
Die für die Organisation der Veranstaltung vom 07.12.1999 verantwortlichen Personen der Roten Hilfe e.V. Heidelberg
|