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[Quelle: Freie Presse Online 4.10.99]
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HOHENSTEIN-ERNSTTHAL: Nächtliche Schlacht in der Stadt
Bislang größte Krawalle in der Stadt - Zehntausende Mark Schaden vor der Discothek "La belle" - Ein Toter.
(HÜB) Die bislang größten Straßenkrawalle in der Stadt ereigneten sich in der Nacht zum Sonnabend: Etwa 50 Punks zogen nach Mitternacht zur Diskothek "La belle", Steine flogen, innerhalb weniger Minuten war ein Auto schrottreif, die Fenster der Bäckerei neben dem "La belle" wurden bis in den zweiten Stock eingeschlagen. 50 Meter Zaun an einem Privatgrundstück gingen zu Bruch, "60 000 Mark Schaden an elf abgeparkten Pkw", bilanzierten die Sachverständigen der Polizei am Sonntag. Am Sonnabendmorgen stirbt ein 17-Jähriger, der in der Nacht zusammengeschlagen worden war.
Was sich nachts an der Conrad-Clauß-Straße ereignete, erzählen Augenzeugen am Morgen nach der Krawallnacht. "Wir haben mit Barhockern versucht, zu verhindern, dass die Punks das "La belle" stürmen", sagt Betreiber Frank Richter. Einen tieferen Sinn für den Überfall kann er nicht finden: "Es gibt überhaupt keinen Grund für einen Überfall, bei uns sind keine Szenen angesiedelt, wir haben normales Publikum."
Das haben die Gäste des Zweiten 99er-Punk-Festivals im Jugendhaus offenbar anders gesehen. Schon 22 Uhr fuhr hier der erste Krankenwagen. "Durch die Werbung haben Rechte vom Punkfestival erfahren. Die sind hier aufgelaufen und haben unsere Gäste zusammengeschlagen", erinnert sich Hauptorganisator René Hollerit. Daraufhin geriet die Situation endgültig außer Kontrolle. Die Linksextremen vermuteten die rechte Szene im "La belle" und griffen die Diskothek, in der sich 300 Leute befanden, an. Das gläserne Eingangsschild und nahezu alle Fensterscheiben gingen zu Bruch. Von 15 Verletzten sprach man Sonnabendmorgen im Lichtensteiner Krankenhaus.
Zeuge der Geschehnisse ist auch Oberbürgermeister Erich Homilius. "Mich erreichte ein Hilferuf von Frank Richter, daraufhin habe ich die Polizei angerufen. Nach Mitternacht sah es am "La belle" aus wie auf einem Schlachtfeld. Junge Leute, teils unter Drogen, hatten keine Kontrolle mehr." Für ihn steht fest: "Veranstaltungen, wie jene im Jugendhaus, auf denen die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, wird es nicht mehr geben. Gegen 5 Uhr räumte der städtische Bauhof die Überreste der Nacht. Drei Stunden zuvor hatte ein Sonderkommando der Polizei die Punks vor der Erstürmung des "La belle" abgehalten.
"Viel zu spät", meinen Anwohner, die das Geschehen "mit Angst" beobachtet hatten. "Wir haben schon 19 Uhr in der Polizeidienststelle angerufen. Uns wollte keiner anhören", erinnert sich Annegret Ernst. 21 Stunden nach dem Überfall in der Freitagnacht hat sich die Szenerie noch nicht beruhigt: Ein Dutzend Punks wartet 21 Uhr vor der Hohenstein-Ernstthaler Polizeidienststelle. "Einige von uns stehen unter Mordverdacht, mein Kumpel aus Oelsnitz ist vergangene Nacht draufgegangen", sagt ein junger Mann aus der Szene.
In der Tat bestätigt das Chemnitzer Polizeipräsidium am Sonntag, dass "am Sonnabendmorgen, 7.30 Uhr auf der Waldenburger Straße in Oberlungwitz ein 17-jähriger Jugendlicher mit schweren Kopfverletzungen und in nicht ansprechbarem Zustand aufgefunden wurde". Er starb 11.15 Uhr im Zwickauer Klinikum. Der Zusammenhang zu Freitagnacht liegt auf der Hand: "Die bisherigen Ermittlungen ergaben, dass der junge Mann Besucher des Punk-Konzertes war, und auf dem Nachhauseweg durch Unbekannte, die aus einem Transporter ausstiegen, zusammengeschlagen wurde", bestätigte das Chemnitzer Polizeipräsidium, das unter der Rufnummer 0371/499 3333 Hinweise (auch Beobachtungen zwischen 3 und 6 Uhr auf den Abfahrtswegen der Discothek "La belle") erbittet. Die Randale in der Nacht, die Schlägereien und nicht zuletzt die Nachricht vom Tod des jungen Mannes überschatten das Cityfest das ganze Wochenende.
"Schlimm ist, dass völlig Unbeteiligte wie das ,La belle' und die Pkw der Nachbarn in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber die wenigsten Punks, die die Schäden verursachten, kommen aus Hohenstein-Ernstthal", sagt Jugendhauschefin Heidi Urban, die derartige Ausschreitung gegen das "La belle" bisher nicht kannte und zieht eine erste Konsequenz aus der Straßenschlacht von Freitagnacht: "Künftig wird es im Jugendhaus keine Punk-Konzerte mehr geben."
Chronologie der Randale
(HÜB) Nach bisherigen Recherchen der Redaktion stellen sich die Ereignisse so dar:
Gegen 18.45 Uhr ziehen die ersten Punks grölend auf der Oststraße in die Stadt. Nachdem bereits Bürger angerufen hatten, wird in der hiesigen Polizeidienststelle auf besorgte Nachfrage von Journalisten bescheinigt, dass kein "Konzert bekannt" sei, "auf dem sich die Punks treffen könnten".
22 Uhr rollt der erste Krankenwagen vom Parkplatz vor dem Jugendhaus "off is". Gut 150 Anhänger der Rechten Szene hatten von dem "Zweiten 99er-Punkfestival" Wind bekommen und im Haus eine Schlägerei angezettelt. Nachdem sie verschwunden sind, vermuten die Punks die Rechte Szene in der Diskothek "La belle" an der Conrad-Clauß-Straße.
Gegen Mitternacht treffen etwa 50 Punks ein. Die bis dahin ruhige Straße verwandelt sich in ein Schlachtfeld. Autos werden beschädigt, mit abgerissenen Zaunslatten bewaffnet, wollen die Punks die Diskothek "La belle" stürmen.
1 Uhr: Frank Richter, Betreiber der Diskothek "La belle", weiß nicht, warum die Punks gegen das "La belle" vorgehen. Er schlägt Alarm. Weitere Bürger rufen in der hiesigen Polizeidienststelle an.
2 Uhr rückt ein Sonderkommando der Polizei an und hält die Punks vor der Erstürmung der Diskothek ab.
Bis gegen 4 Uhr dauern die Krawalle auf der Conrad-Clauß-Straße an. Zu dieser Zeit sind Besucher des Punk-Festivals auf dem Heimweg.
In der Zeit von 3 bis 6 Uhr wird ein 17-Jähriger in Oberlungwitz tödlich verletzt.
Sonntagmorgen: Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft erkennt die Haftgründe nicht an. Elf Tatverdächtige sind auf freiem Fuß.
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