|
[Quelle: Freie Presse Online 4.10.99]
zurück zur Übersicht...
Punker und Skinheads machen Hohenstein-Ernstthal zum Schlachtfeld
"Die Rache kommt - verlasst euch drauf".
(jf) In Oberlungwitz weiß man, wo es ist. Der Taxifahrer an der Imbissbude kennt den Weg, der Kfz-Mechaniker in der Werkstatt auch. "An der kleinen Holzbrücke, 50 Meter weiter die Straße runter." Hier schlugen sie in der Nacht von Freitag auf Sonnabend auf die beiden Punker ein. Den einen, Patrick, 17 Jahre alt, trafen die Schläge so hart und unglücklich, dass er wenige Stunden später an deren Folgen starb.
Von dem Tod des Jungen zeugte am Montag nur noch ein kleines Holzkreuz an einer alten trostlosen Mauer am Ortsausgang der kleinen Stadt. Darauf ein kleiner Text in Blau ("Patrick, wir werden dich nie vergessen") und ein Anarcho-Symbol. Ringsherum ein paar Blumengebinde. Und dann noch ein Blatt Papier, in eine Klarsichtfolie gehüllt. In grüner Farbe ein großes Fragezeichen. Und dann, schnell hingekritzelt, als habe der Schreiber es eilig gehabt: "Die Rache kommt. Verlasst euch drauf."
Wen aber soll die Rache treffen? Die Kripo ermittelt, hat aber noch keine Täter. Klar ist nur, von wo die Tragödie ihren Lauf nahm. Patrick war in seiner Todesnacht Gast bei einem Punk-Festival im Hohenstein-Ernstthaler Jugendclub "Off is". Eine schummrige Bleibe, die Fenster sind blau verklebt, der Boden schwarz. Abgewetzte Sofas in der Ecke. Freitag Nacht war hier die Hölle los. Drogen, Alkohol, laute Musik. Aggressionen ablassen. Doch dann, so erzählt man im Club, kam das Unheil von draußen. Gegen zehn Uhr abends sollen sich etwa 25 "Glatzen" vor dem Club versammelt haben und drei Festival-Besucher zusammengeschlagen haben. Drei Stunden später wollten 50 Punker Rache nehmen. Mit Latten, Flaschen und Steinen bewaffnet, zogen sie zur nur wenige Meter entfernten Diskothek "La belle", wo sie ihre Gegner vermuteten.
Vier Sicherheitsleute vom Ordnungsdienst stemmten sich im engen Treppenhaus gegen die aufgewühlten und lattenschwingenden Angreifer. Und hielten stand. Schnittwunden am Hals und Prellungen am ganzen Körper zeugen davon. "Die nahmen in Kauf, dass einer drauf geht", erzählt einer. Warum die Punker ausgerechnet die Disco stürmen wollten, versteht er nicht: "Hier verkehren ganz normale Leute, keine Skins."
Erst dreißig Minuten später traf die Polizei ein, sperrte die Straße ab, nahm Einige fest. Bis dahin hatten die Punker ihre Spuren in der ganzen Straße hinterlassen. Zerstörte Autos, zerschlagene Fensterscheiben, ein kaputter Zaun. Ein alter Mann steht fassungslos davor: "Letzte Woche erst haben sie den Zaun repariert und gestrichen."
Wann Patrick seinen letzten Heimweg antrat, war bis Montag abend noch nicht klar. Fest steht nur, dass er schon eine ganze Weile unterwegs sein musste, denn der Weg von der Hohenstein-Ernstthaler Innenstadt bis zum Ortsausgang von Oberlungwitz ist einige Kilometer lang. Jugendliche aus dem Club meinen, die Skinheads seien abends mit ihren Autos in der Absicht herumgefahren, Punker aufzuspüren. "Das machen sie öfters", sagt einer, der am Wochenende dabei war. Jetzt läuft er nervös hin und her. "Ja", bekennt er, "ich habe Angst." Deshalb nennt er seinen Namen nicht. "Sonst bin ich der Nächste." Er selbst wurde im März diesen Jahres von einer Gruppe "Glatzen" angegriffen. "Zwei habe ich fertig gemacht", erklärt er heldenhaft. "Dann bin ich abgehauen. Das waren doch zu viel." Sein Freund lehnt lässig an der Club-Theke und behauptet: "Ich habe keine Angst. Aber das Ganze hat doch keinen Sinn. Sicherlich geht das weiter. Auch wenn sie den Club zumachen."
Darauf hoffen jetzt viele Anwohner, denen das "Off is" schon lange ein Dorn im Auge ist. Manchen genügt schon ein Stichwort, um aus der Haut zu fahren. "Macht das Ding zu, macht es zu!" ruft einer aus der Nachbarschaft. Dann läuft er weg, wie von der Tarantel gestochen.
Der Bäcker Dirk Müller ist ruhiger. Während er in der Todesnacht drinnen in der Backstube damit anfing, den Hohenstein-Ernstthaler ihre Frühstücksbrötchen zu backen, klirrten bei ihm im ersten Stock die Scheiben - im Zimmer seiner kleinen Tochter. "Als wir hörten, was draußen los war, haben wir schnell die Rolläden runtergelassen. Wir hatten Angst."
Fürchterliche Sorgen machte sich auch Sandra Wegler. Während des Überfalls saß sie in der Diskothek fest, bange hoffend, daß zu Hause ihrer anderthalb Jahre alten Tochter nichts passiert. Spät in der Nacht fand sie sie in ihrem Bettchen wohlbehalten wieder. Das Kindermädchen, das hätte aufpassen sollen, hatte sich davon gemacht. Zu einer Fete. Gegenüber, im "Off in".
|