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Die erste Gaskammer stand in Brandenburg
Die Ideologie der Ungleichheit hat im Nationalsozialismus vorerst ihren Höhepunkt gefunden
gruppe [t]
c/o Infoladen Intercambio
Pressemitteilung
Berlin,
31.10.2000 9.November
1938 - 9. November 2000 62 Jahre
nach der Reichspogromnacht - Kein
Vergessen! Kein Vergeben! Die Antifaschistische
Initiative Moabit führt seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten
am 9. November eine Gedenkkundgebung mit anschließender Demonstration durch.
In diesem Jahr wird sie dabei von weiteren antifaschistischen und antirassistischen
Gruppen unterstützt: Der Antifaschistischen Gruppe im Prenzlauer Berg (AgiP),
B.O.N.E., gruppe venceremos, Revolutionäre Antifa Nord (RAN), kraC, Spandauer
Bündnis gegen Rechts, Antifa Spandau und der gruppe [t]. An diesem Tag wollen
wir der mehr als 6 Millionen Juden und Jüdinnen gedenken, die von Deutschen
ermordet wurden. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 war ein bedeutender
Schritt von der totalen Ausgrenzung, Entrechtung und Beraubung der Juden und
Jüdinnen hin zum Holocaust. Der rassistisch-biologistischen Ideologie fielen
auch Millionen von Sinti und Roma, sogenannte Behinderte, Homosexuelle und BewohnerInnen
der überfallenen Länder in Europa zum Opfer. Die Lehren von der biologistischen
und rassistischen Ungleichheit der Menschen und daraus abgeleitet, deren unterschiedliche
Stellung in der Gesellschaft ist jedoch keine Erfindung der Nazis. Lange vorher
sind sie gewachsen. Viele Deutsche sind heute immer noch von diesen Lehren überzeugt.
Die Ideologie des Nationalsozialismus hebt sich aber von seinen Vorläufern,
Mitläufern und Nachahmern durch ihre Konsequenz ab. Sie wandte die radikalste
Methode an, um bestimmte Gruppen aus der "Volksgemeinschaft" auszugrenzen -
den Massenmord. Auch heute werden Millionen von Menschen, die sogenannten "Anderen"
ausgegrenzt, geschmäht und beleidigt. Die Anschläge auf Synagogen wie in Erfurt,
Düsseldorf und Berlin-Kreuzberg, die Schändungen von jüdischen Friedhöfen wie
in Berlin-Weißensee und Potsdam reißen nicht mehr ab. Eine gesellschaftliche
Mehrheit, die sich entschieden gegen diese Entwicklung stellt gibt es zur Zeit
nicht. "Es kann nicht sein, daß die Bekämpfung des Rassismus und Antisemitismus
sowie der Fremdenfeindlichkeit den Juden und Jüdinnen überlassen wird, während
ein Teil der Bevölkerung sich dadurch eher belästigt fühlt, ..." stellte der
verstorbene, ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland,
Ignatz Bubis, 1998 fest. Zwei Jahre später fragt sich sein Nachfolger Paul Spiegel,
angesichts der Anschläge auf Synagogen und der geringen Beteiligung an Demonstrationen
gegen Rechts, ob es richtig war, jüdische Gemeinden in Deutschland wieder aufzubauen.Der
jüdischen Gemeinde und ihren offiziellen VertreterInnen, den Sinti und Roma
und allen Menschen die am 9. November zur Großdemonstration gehen werden, weil
sie in diesem Land strikt gegen Rassismus und Antisemitismus sind, wollen wir
hiermit unsere Solidarität erklären. Diese Demonstration wird aber auch von
der Bundesregierung, Parteien und Gewerkschaften mitgetragen. Jahrelang haben
diese den Rassismus aus der Mitte der deutschen Gesellschaft, der auch immer
laute antisemitische Untertöne hatte, verharmlost. Nach den rassistischen Pogromen
von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen (gegen Romas!) haben sie das Recht
auf Asyl faktisch abgeschafft. Es sind die gleichen Personen, die sogenannte
AusländerInnen in Haft nehmen, nur weil diese aus ihren Ländern flüchten mußten,
um sie dann in den sicheren Tod abzuschieben. Sie nehmen in Kauf, daß es eine
Vielzahl von verzweifelten Menschen gibt, die dadurch in den Selbstmord getrieben
werden. Per "Greencard" werden AusländerInnen in nützliche und unnütze Menschen
sortiert. Alle die nicht die gewünschten Qualifikationen mitbringen, werden
weiterhin vom Bundesgrenzschutz an der Grenze abgefangen und zurückgeschickt,
in Flüchtlingsheimen kaserniert und brutal abgeschoben. Die gleichen Personen
sind es auch, die im Namen von Auschwitz Krieg im Kosovo führten, die bei den
Entschädigungsverhandlungen für die ehemaligen NS- ZwangsarbeiterInnen auf der
Seite der deutschen Wirtschaft standen, die jetzt nicht einmal die lächerliche
Summe von 5 Milliarden DM zusammenbekommen will. Wir vermuten daher, daß das
aufgeregte Engagement gerade der Initiatoren dieser Politik mehr eine Frage
des Standortfaktors ist, als der wirklichen Solidarität mit den Opfern von Rassismus
und Antisemitismus. Der 9. November darf niemals ein Feiertag der Deutschen
werden. Gerade an diesem Tag heißt Deutschland denken auch Auschwitz denken.
Do, 9.11.2000, 17 Uhr Gedenkkundgebung am Mahnmal Lewetzowstraße (Moabit) anschließend
antifaschistische Demonstration zum Mahnmal auf der Putlitzbrücke Begleitend
zu Kundgebung und Demonstration wird es unterschiedliche Veranstaltungen zum
Thema geben. 5. November : 19 Uhr Dragofumante, Kinzingstr. 9, Friedrichshain,
gruppe [t] Mobilisierungsveranstaltung für den 9. November Facetten der Morde
im NS Vortrag und Film "Sichten und Vernichten" (Ernst Klee) 14. November: 19
Uhr im "Frei Spielen", Esmarchstr. 5, AgiP ( Tram 2, 3, 4 Hufelandstr.) Jüdischer
Widerstand im Prenzlauer Berg und Berlin Referent Michael Kreuzer 16. November:
19 Uhr Regenbogenkino, Lausitzer Str. 22, Kreuzberg, gruppe [t] Kontinuitäten
psychiatrischer bzw. medizinischer Praxis in Deutschland Verwicklung der Ärzte
in den NS und das Weiterwirken der Personen und des Denkens Mit dem Film "Der
Pannwitzblick" und dem Referenten Udo Sierck Bei Rückfragen stehen wir unter
der oben genannten Adresse und e-mail zur Verfügung. Am 7. November 2000 werden
wir in der Zeit von 15 - 18 Uhr gerne ihre Fragen beantworten. Sie treffen uns
dann im Infoladen Intercambio, Kreutziger Str 18, 10247 Berlin oder erreichen
uns unter folgender Telefonnummer : 030/29491699 Mit freundlichen Grüßen gruppe
[t], 31.10.2000 Die erste Gaskammer stand in Brandenburg
Brandenburg an der Havel wurde als der Ort gewählt, an dem man das technische
Verfahren zur Vergasung von Menschen entwickeln sollte. Gewählt wurde er wahrscheinlich,
weil die Stadt nur eine kurze Bahnfahrt weit von Berlin entfernt lag. Das alte
Zuchthaus in der Neuendorferstraße 90 c lag mitten in der Stadt. Als die dortige
Strafanstalt in ein neues Zuchthaus nach Brandenburg-Görden verlegt worden war,
wurde in ihm das erste Mordzentrum geschaffen. Als Verhöhnung der Opfer kann
es nur zu bezeichnet werden, daß diese Mordstätte den Namen Landespflegeanstalt
Brandenburg a. H. trug . Es sollte auch nur ein Tarnname sein, denn sie war
niemals eine Einrichtung des Gesundheitswesens. Der erste Direktor war Adolf
Gustav Kaufmann, Leiter der Inspektionabteilung von T 4.Die Aktion T4 war der
Name für das "Euthanasieprogramm" ,benannt nach der Tiergartenstraße 4, in der
sich der Sitz der zentralen Mordverwaltung befand. Kaufmann überwachte die Arbeiten,
die zur Umgestaltung der Strafanstalt in ein Mordzentrum notwendig waren. Er
übergab seinen Posten an den Leitenden Arzt Irmfried Eberl, sobald die Umbauarbeiten
beendet waren. Eberl, ein begeisterter österreichischer Nationalsozialist, arbeitete
nebenbei noch als T4 -Gutachter und bereiste brandenburgische Anstalten, um
weitere Kranke zum Töten auszusondern. Doch selbst diese verbrecherischen Taten
waren noch nicht alles. Eberl ging später in den Osten, um seine "Kenntnisse
und Fähigkeiten", die er bei der Aktion T4 erworben hatte, bei der Vergasung
von Juden zur Verfügung zu stellen. Er wurde Lagerkommandant von Treblinka.
Kreutziger Str. 18
10247 Berlin
Im Dezember 1939 oder Januar 1940 fand in der Gaskammer in der Neuendorferstraße 90 c die erste Probevergasung statt. Auf diese Methode des Tötens wurde sich nach einem Gespräch zwischen Hitler und Brandt geeinigt. Auf die Frage Hitlers, welche Tötungsart die "humanste Methode" sei, empfahl Brandt die Vergasung. Bei der Vergasungsvorführung waren folgende Personen anwesend: die beiden Euthanasie-Beauftragten Hitlers, Karl Brandt und Philipp Bouhler, sowie Leonardo Conti, Staatssekretär im RMdI (= Reichsministerium des Innern) und zuständig für Gesundheitsfragen, außerdem Herbert Linden vom RMdI und Bürokraten der KdF (=Kanzlei des Führers), die für die Durchführung der Euthanasie verantwortlich waren, nämlich Viktor Brack, Werner Blankenburg, Hans Hefelmann, Reinhold Vorberg, Richard von Hegener und Gerhard Bohne. Ebenfalls anwesend waren die T4-Ärzte Werner Heyde, Paul Nitsche, Irmfried Eberl, Horst Schuhmann und Ernst Baumhard sowie die KTI-Chemiker Albert Widmann und August Becker. August Becker war deutscher Experte für die Vergasung von Menschen und er arbeitete weiter auf seinem Spezialgebiet als er von T4 in das RSHA (=Reichssicherheitshauptamt) zurückgekehrt war. Ab Ende 1941 beteiligte er sich im Osten an den Vergasungen von Juden. Der Stuttgarter Kriminalpolizeibeamte Christian Wirth wohnte dem Verbrechen ebenfalls bei. Er spielte später auch eine wichtige Rolle bei den Mordaktionen der Nationalsozialisten. Während der Probevergasung wurden einige Opfer nicht durch Gas getötet, sondern durch Injektionen. Dies diente dem Vergleich, bei dem bewiesen werden sollte, daß die Vergasungen eine höhere "Effizienz" ermöglichten. Brandenburg war zum ersten Mordzentrum, das in Aktion trat, geworden.
Die Organisatoren der T4-Massenmorde richteten insgesamt sechs Mordzentren ein: Grafeneck, Brandenburg an der Havel, Hartheim bei Linz, Sonnenstein in Pirna, Bernburg an der Saale und Hadamar. Brandenburg und Grafeneck wurden als erste eingerichtet, jedoch im September bzw. Dezember 1940 nach Bernburg bzw. Hadamar verlegt. Jedes Mordzentrum war mehr oder weniger für die Tötung der behinderten Patienten aus Anstalten einer bestimmten Region zuständig. Das Gebiet, für das die Tötungsanstalt in Brandenburg verantwortlich war, umfaßte die preußischen Provinzen Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein, die Länder Braunschweig, Mecklenburg, Anhalt und Hamburg sowie die Reichshauptstadt Berlin.
Im Zeitraum Dezember 1939 bis September 1940 wurden in Brandenburg mindestens 9772 Menschen ermordet. Ein Großteil des Personals diente zur Verschleierung und falschen Beurkundung der Tötungen. Es gab sogenannte Schemabriefe, in die nur noch der Name und die Todesursache eingesetzt werden mußte. Den Ärzten wurde eine Liste an die Hand gegeben, welche "Todesursachen" für einen plötzlichen Tod in Frage kommen. Alle Ärzte der Tötungsanstalten unterschrieben mit falschen Namen. Die Urnen, die mit der Asche des "Verstorbenen" an die Angehörigen geschickt wurden, enthielten niemals die Asche der Ermordeten, dazu hätte man nach jeder Verbrennung den Ofen kalt werden lassen müssen, um die Asche herauszuholen und das hätte die ganze Aktion in ihrer "Effizienz" beeinträchtigt.
Das ehemalige Zuchthaus Brandenburg war außerdem einer der ersten Tatorte des rassistischen Völkermords an Jüdinnen und Juden. Am 15. April war ein Erlaß des Reichsinnenministers herausgekommen, der die Erfassung aller jüdischen Anstaltsinsassen binnen dreier Wochen forderte. Im Juni 1940 wurden 200 Kinder, Frauen und Männer mit sechs Reichsbahnbussen aus der Anstalt Berlin-Buch abgeholt und nach Brandenburg gebracht. Dort wurden sie noch am gleichen Tag vergast. Dieser wahrscheinlich ersten Tötung an Jüdinnen und Juden folgten im Juli weitere "Judentransporte".
Das ehemalige Zuchthaus war nicht der einzige Ort in Brandenburg, an dem gemordet wurde. Ganz in der Nähe vom Euthanasie-Mordzentrum für Erwachsene befand sich die Landesanstalt Brandenburg-Görden, die die erste Kindermordstation beherbergte. Der Anstaltsleiter war Hans Heinze, der außerdem einer der drei Gutachter für die Kindereuthanasie war. Heinze führte hier die neuen Methoden zur Durchführung der Kindermorde ein und bald wurde die Station zu einem Ausbildungszentrum für Ärzte auf diesem Gebiet. Görden verfügte außerdem über umfangreiche Forschungseinrichtungen, wo Heinze und seine Studenten medizinische Experimente an den Kindern vor und nach deren Ermordung durchführten. Zusätzlich nutzte Görden das nahegelegene Mordzentrum in Brandenburg, um die rasche Tötung ganzer Gruppen von Kindern sicherzustellen. Es wurden später im gesamten Reichsgebiet solche Kindermordstationen eingerichtet. Die genaue Zahl der ermordeten Kinder läßt sich aufgrund verlorengegangener Unterlagen nicht genau bestimmen, aber die wahrscheinlichste Schätzung liegt bei mindestens 5000 Kindern. Lothar Kreyssig war der einzige unter 1400 Amtsrichtern, der versucht hat gegen die Massenmorde der " Euthanasie-Aktion T4" vorzugehen. Er suchte am 20. August die Anstalt Brandenburg-Görden auf und erklärte den Ärzten, daß den Euthanasiemaßnahmen jede gesetzliche Grundlage fehle. Auf Grund dessen gestattete er nicht mehr die Verlegung von Kranken, die seiner richterlichen Vormundschaft unterstanden. Kreyssig zeigte den Chef der Kanzlei des Führers und Euthanasie-Beauftragten Phillip Bouhler wegen Mordes an. Sein Engagement blieb erfolglos. Ihn erwartete jedoch keine harte Strafe, die andere argumentieren hätte lassen können, daß Widerstand den Tod bedeutet hätte. Kreyssigs Strafe war lediglich die Zwangspensionierung.
Insgesamt wurden in Brandenburg innerhalb von zehn Monaten mindestens 9772 Menschen ermordet. Danach ging das Töten in Bernburg weiter.
Erst 1997 wurde auf dem Standort der Gaskammer auf dem Anstaltsscheunengelände ein Gedenkort eingerichtet. Auf vier Stelen sind dokumentarische Text-Bild-Tafeln angebracht. Nach Auskunft eines Mitarbeiters der Dokumentationsstelle Zuchthaus Brandenburg befinden sich nur spärliche Forschungsergebnisse im Archiv der Gedenkstätte. Eine wirkliche Aufarbeitung ist auch hier nie passiert.
Verwendete Literatur:
1. Henry Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid,
Berlin Verlag, 1997
2. Ernst Klee, "Euthanasie" im NS-Staat - Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens",
Fischer Taschenbuch Verlag, 1997
3. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin, Gedenken und Lernen
an historischen Orten, 1999
Die Ideologie der Ungleichheit hat im Nationalsozialismus vorerst ihren Höhepunkt gefunden
Wesentlich bei der Betrachtung des Nationalsozialismus ist seine geschlossene rassistisch-biologistische Ideologie. Die Lehren von der rassischen und biologischen Ungleichheit der Menschen und der daraus abzuleitenden unterschiedlichen Stellung in der Gesellschaft hat vielfältige Vorläufer, Mitläufer und Nachahmer. Sie ist bis heute stärker als die Gleichheit der Menschen in ihrer Verschiedenheit.
Die Nazis erhoben diese Ungleichheitslehre zur quasi-religiösen Ideologie der deutschen Volksgemeinschaft. Auch ohne den Blick vom arischen Olymp glaubten die Deutschen seit langer Zeit daran, daß man fleißiger, ordentlicher und treuer war als der "faule Pole", der "klauende Zigeuner" und der "geldgierige Jude". Manchmal waren die Nazis aus der Sicht der (anderen) Deutschen vielleicht etwas brutal in ihren Methoden, aber im Grunde genommen sorgten sie endlich einmal für "Ruhe und Ordnung". Das Vernichtungswerk funktionierte so reibungslos, weil die erdrückende Mehrheit der Deutschen sich wirklich als "Herrenrasse" begriff. Die Ungleichheitslehre beruhte auf einer Fiktion. Der "Normaldeutsche" sah sich im Körper des kühnen Siegfrieds, des stolzen und starken Recken. Die Diskrepanz zwischen wirklichem Mittelmaß und der halluzinierten Sagenrolle brutalisierte Himmlers "Sozialismus des Blutes" zusätzlich.
Die deutsche Volksgemeinschaft drängte sich in Odins Hallen und erhob Hitler, einen der ihren, zum Gott. Auch als man noch nicht ganz in den heiligen Hallen saß, sah man sich von äußeren und inneren Feinden bedrängt. Es war an der Zeit den "germanischen Körper" zu überholen. Diese Reinigung sollte nicht nur gründlich, sie sollte auch wissenschaftlich sein. Der erste Lehrstuhl für Rassenhygiene wurde bereits 1923 mit Fritz Lenz besetzt. Dieser bescheinigte dem "Führer der Germanen": "Hitler ist der erste Politiker mit wirklich breitem Einfluß, der erkannt hat, daß der zentrale Auftrag aller Politik die Rassenhygiene ist, und der diesem Auftrag aktiv nachkommen wird."1 Die Wissenschaft der Rassenhygiene war die deutsche Form der Eugenik. In der Gesellschaft existierende Vorurteile und vorgefaßte Anschauungen wurden so in "wissenschaftliche" Bahnen gepreßt.
"In Deutschland ... wurde die Eugenik von akademischen Psychiatern getragen, die Medizin und Biologie studiert hatten und an staatlichen Heilanstalten und Universitätskliniken arbeiteten. Die Psychiater teilten die Ansichten ihrer Kollegen - Biologen, Genetiker und Anthropologen - bezüglich der Degeneriertheit der unteren Gesellschaftsklassen, doch darüber hinaus machten sie die Urteile >Entartung< und >Minderwertigkeit< zu >diagnostischen Begriffen<, die sie auf Befunde wie Alkoholismus, Homosexualität und Hysterie anwandten."2
Man betrachtete sich als den großen Arzt, der den Körper stärken wollte, in dem er die schlechten Stellen entfernte und die angreifenden Viren und Bakterien vernichtete. "Die Nazi-Ideologie gewann ihre Wirklichkeit nicht aus dem isoliert, staatlich gesteuerten Haß gegen Juden oder Geisteskranke, Zigeuner3 oder Slawen, sondern aus der totalitären Einheit sogenannter negativer und positiver Bevölkerungspolitik."4 Was Götz Aly hier als totalitäre Einheit bezeichnet, ist für mich das tradierte Denken der Bevölkerung in Deutschland, die über Jahrhunderte gewachsenen Vorstellungen zu Juden, sogenannten Geisteskranken, Sinti und Roma oder Slawen.
Das "edle Germanentum" sah sich in vielfältiger und sehr unterschiedlicher Weise bedroht. Die Juden waren die "Gegenrasse", die Deutschland, eigentlich die ganze Welt zerstören wollten. Sie vereinigten alle schlechten Eigenschaften auf sich, konnten habgieriger Spekulant und Bolschewist in einer Person sein. Sie standen weder an der Spitze der Evolution, da sah man sich schließlich selber, auch nicht am Ende, sie standen der Evolution entgegen. Über die Jahrhunderte waren aus den "Gottesmördern" die "teuflische Rasse" schlechthin geworden.
Zum anderen waren da die "minderwertigen Rassen". Die Schwarzen, die man als "Neger" in das Reich der Tiere verwies. Die Slawen, die "faul und dumm" waren. Die Sinti und Romas, die als "umherziehende, wahrsagende und kriminelle Bande" verachtet wurden. Diese "minderwertigen Rassen" mußte man kontrollieren, mußte sie "eindämmen", wenn es zu viele wurden, mußte die "Schlimmsten" vernichten, mußte sie anleiten und vor allem durfte man sich, bei Strafe des eigenen Untergangs, nicht mit ihnen "vermischen".
Nicht zuletzt lauerte die Gefahr der "ungenügenden Auslese" in der eigenen "Rasse". Alle die anders waren, alle, die gesellschaftlich nicht geschätzt wurden, sollten entfernt werden, sogenannte Geisteskranke und Behinderte, sogenannte Asoziale, Homosexuelle, Alkoholiker und Kriminelle.
Der "normale Rassismus", die gängige Abschätzigkeit der Mehrheitsbevölkerung gegenüber dem Anderen erhob sich im Nationalsozialismus zur Ideologie der Elimination des Anderen. Die Verachtung schlug um in Mord.
Der Jude war das reinste, das "wirklich Andere", die "teuflische Rasse". Hier konnte sich Jahrhunderte eingeübter Haß gegen die "listigen Gottesmörder" austoben. Der eliminatorische Antisemitismus war frei von ambivalenten Gefühlen. Man konnte einfach nur hassen. Anders verhielt es sich beim "Euthanasieprogramm". Hier beschlich manch Deutschen ein ambivalentes Gefühl. Dem Haß und dem Abscheu gegen die "Fratzen der Blöden", die "Häßlichkeit der Verstümmelten" stand das Gefühl gegenüber, daß es die "eigenen Kinder" waren, daß man selbst so werden konnte. Dieser halbherzige "Aufstand der Anständigen" führte zur offiziellen Einstellung der Vergasungen im "Euthanasieprogramm". Eingestellt wurde der Mord jedoch nicht. Nach 1941 fielen den "heimlichen Aktionen" sogar doppelt so viele Menschen zum Opfer, wie den "offiziellen Vergasungsmorden".
T4, so der Name für das "Euthanasieprogramm", war nur ein Teil des gesamten Mordprogrammes. "Der Förderung und Bevorzugung der >Höherwertigen< entsprach die Marginalisierung der >Minderwertigen<. Erst in dieser Spannung gewann der totale Biologismus jene Dynamik, die zunächst zum Mord an den deutschen Geisteskranken5 und dann zum Mord an den europäischen Juden und Zigeunern3 führte. Die >Aktion T4< war insofern nicht allein als konkrete Erfahrung für den Holocaust grundlegend, sondern ebenso als Exempel: Sie legitimierte den Gedanken biologistischer >Ausscheidung< als immanentes Lebensprinzip der Herrenrasse selbst und ließ sich so um so leichter nach außen wenden und auf andere Kollektive übertragen."6
Während des "Euthanasieprogrammes" wurden Methoden entwickelt Menschen zu vergasen und ihre Leichen zu verbrennen. "Die Mörder, die in den Euthanasie-Mordzentren Brandenburg, Grafeneck, Hartheim, Sonnenstein, Bernburg und Hadamar ihr Handwerk gelernt hatten, stellten auch das Personal für die Mordzentren Belzec, Sobibor und Treblinka."7
Viele Ärzte hatten Jahrzehnte warten müssen, bis sie unter den Nazis die Arbeitsbedingungen vorfanden, die sie sich gewünscht hatten. Die Nazis machten den Weg frei. In vielen Veröffentlichungen wiesen die Ärzte auf die "Notwendigkeit" der Sterilisation der sogenannten "Minderwertigen" hin, auch die Tötung wurde oft in mehr oder minder verbrämter Form schon lange vor den Nazis gefordert. Hier greift das "Argument" der armen manipulierten Ärzte nicht, genauso wenig wie das der armen und manipulierten Bevölkerung. Die Umkehrung des Satzes - die Deutschen fielen auf Hitler herein - kommt den Tatsachen wahrscheinlich wesentlich näher. So bezog Hitler seine Weisheiten auch aus den "wissenschaftlichen Werken" der Rassenhygieniker. "1921 gab der Münchner Verleger Julius Friedrich Lehmann das Buch heraus, das zum Standardwerk der Rassenlehre werden sollte, >Grundriß der menschlichen Erblehre und Rassenhygiene<. Drei Autoren zeichneten für das zweibändige Werk verantwortlich - Erwin Bauer, Eugen Fischer und Fritz Lenz -, und bald hieß es nur noch >Bauer-Fischer-Lenz< ... Der >Grundriß< übte einen gewaltigen Einfluß auf die Entwicklung und die praktische Anwendung der Rassenlehre aus. Der Verleger Lehmann schickte dem inhaftierten Adolf Hitler ein Exemplar der 1923 erschienenen zweiten Ausgabe. Hitler las es und verarbeitete das darin enthaltene Gedankengut in >Mein Kampf<."8 Hitler war ein Produkt der ihn umgebenden Gesellschaft. Er entwickelte keine neuen Ideen, er nahm nur ernst was er hörte und versprach den Deutschen eine Politik, die diese Probleme ernsthaft anging. Das war der Grund, warum man ihn wählte. Vorherrschende Denk- und Handlungsanleitungen, die in Jahrhunderten gewachsen waren, hatten es dem Nationalsozialismus ermöglicht sich in dieser Form in Deutschland zu etablieren. Diese Traditionen sind 1945 nicht plötzlich verschwunden. Sie bewiesen ihre Hartnäckigkeit in der bedingungslosen Kapitulation, die durch den Kampf um den letzten Quadratmeter erzwungen wurde, ebenso wie im Jahrzehnte langen Schweigen über die Opfer. Es erscheint unmöglich, daß über Jahrhunderte gewachsenes Denken in wenigen Jahrzehnten verschwindet. Die verweigerte Auseinandersetzung der Deutschen hat den explosiven Stoff jedoch erhalten. Das eigene rassistisch-biologistische Weltbild wird nicht als Gefahr erkannt, geschweige denn bekämpft. Die Idee der unterschiedlichen Bewertung ist immer noch eine Grundsäule unserer Gesellschaft.
Vernutzenden und machtorientierten Systemen ist es immanent, die Verschiedenheit der Menschen in "Werteskalen der Ungleichen" zu drücken. Die warenproduzierende Gesellschaft prüft so, wie geeignet der Einzelne für den Vernutzungsprozeß ist. Das geprüfte Subjekt kann so besser und gewinnbringender in die Gesellschaft eingeordnet werden. Der Wert des Menschen wird durch seine Prüfung bestimmt. Die Methoden der Prüfung sind vielfältig. Sie reichen vom Hochschulabschluß bis zum "diagnostischen Urteil" eines Psychiaters. Falls es überhaupt Kritik an diesen Formen von Bewertung gibt, so beschränkt sich diese meistens an die Bewertungskriterien und -methoden. Für die übergroße Mehrheit steht es außer Frage, daß Menschen unterschiedliche Wertigkeiten besitzen. So wird der Intelligenzquotient nicht an sich in Frage gestellt, nicht der Begriff der Intelligenz, sondern nur die Arten der Bestimmung. In diesem "vernünftigen System" der Einordnung von Menschen muß die Angst entstehen, am Ende der Stufenleiter zu stehen. Die meisten Menschen entwickeln keine Angst vor dem System an sich, sie stellen es nicht in Frage, sie entwickeln Angst vor der "falschen Bewertung". Der Kampf aller gegen alle, der Kampf um die bessere Einordnung, wird in diesem Klima zur gesellschaftlichen Normalität. Der Sozialdarwinismus lieferte die "wissenschaftliche" Erklärung dieser gesellschaftlich historisch entstandenen Verhältnisse. Das System tritt im Denken der Menschen in einer naturgesetzhaften Form auf sie zu.
Kann man die Verhältnisse schon nicht ändern, so kann man sie wenigstens überlisten. Man baut seine eigene halluzinierte Pyramide auf, in der man selbst auf der Spitze sitzt und der Prüfer ist. Auf diese Art glaubt man der vernutzenden und warenproduzierenden Gesellschaft beizukommen. In Deutschland entstand die bislang gefährlichste Form einer solchen Fiktion den kapitalistischen Verhältnisse entgegenzutreten. Der Blut- und Bodennationalismus gipfelte hier im Mord an Millionen von Menschen. Wer in diesen Gedanken einen Teil der Erklärung findet, die zum NS-Genozid führte, der kann kaum daran glauben, daß die Gefahr des Nationalsozialismus marginal ist oder durch "kosmetische Maßnahmen" am "rechten Rand" bekämpft werden kann. Wer den Nationalsozialismus beseitigen will muß den Kapitalismus mitdenken und die Formen des "verkürzten Antikapitalismus", die ihn in den Griff bekommen wollen.
1 Henry Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid, S.45, Berlin Verlag,
1997
2 ebenda, S.40
3 besser Roma und Sinti
4 Götz Aly, Endlösung, S.375, Fischer Taschenbuch Verlag, 1999
5 besser - was Deutsche für Geisteskrank hielten
6 Götz Aly, Endlösung, S.382
7 Henry Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid, S.60
8 ebenda, S.46