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Quelle: Infocafé Aachen - 15.9.2000

Kalenderpanden-Newsletter Nr. 1

Ja, hallo: hier endlich der erste Teil des versprochenen "Kalenderpanden-Newsletters". In diesem liefern wir 1) einen kurzen Abriss der Geschichte der Kalenderpanden und 2) eine Skizzierung der BesetzerInnenkultur in den Niederlanden allgemein.



1) Die Kalenderpanden
Gestern
Die Kalenderpanden Amsterdam, ein Fabrikkomplex am Entrepotdok 93-98, sind im November 1996 von einer Gruppe AktivistInnen der Amsterdamer BesetzerInnenszene bezogen worden. Schnell war ein Teil des Gebäudes hergerichtet und ist bereits im Sommer 97 einem grösseren Publikum bekannt geworden, als es als Pennplatz für auswärtige DemonstrantInnen gegen den EU-Gipfel diente. Seitdem ist sowohl der öffentliche Raum als auch der Wohnraum im Gebäude kontinuierlich ausgebaut worden.

Heute
Zur Zeit wohnen etwa 20 Menschen in den Kalenderpanden. Diese BewohnerInnen sind es, die einen Grossteil der Aktivitäten, die dort stattfinden, planen und durchführen. Dazu werden die Räume auch von Gruppen und Menschen ausserhalb des Hauses genutzt. Das kulturelle Programm der Kalenderpanden orientiert sich grundsätzlich an unkommerziellen Massstäben und ist auf Publikum - auch szene-externes - mit kleinem Geldbeutel zugeschnitten. Nach den verschiedenen Ausbauphasen gibt es - zusätzlich zum Wohnraum - inzwischen zwei Konzerträume, eine Bar, einen Essraum, einen Filmsaal, einen Proberaum für Theater- und Musikgruppen, verschiedene Arbeits- und Werkstatteinrichtungen, ein Büro als politische Anlaufstelle, einen Schlafsaal für Gäste, einen "Bakfietsen"-Verleih (Fahrräder mit "Beiwagen" zum Warentransport), einen Fitnessraum und einen Radiosender. Neben Konzerten, Filmabenden und politischen Informationsveranstaltung findet wöchentlich ein Akustik/Elektronik-Musikabend unter dem Motto "Kraakgeluiden in de binnenstad" (Besetzungs-Geräusche in der Innenstadt) statt. Einmal im Monat gibt es eine Gothic Dance Night, die fest in der örtlichen Gothic-Szene verankert ist. Regelmässig finden studentische Veranstaltungen statt, und es kommt immer wieder vor, dass "ausländische BesucherInnen" spontane Veranstaltung, z.B. zu politischen Aktivitäten in ihren Heimatländern, organisieren. Alles in allem sind die Kalenderpanden ein vorbildliches Modell für die Integration von Wohnen und Arbeit unter einem Dach. "Arbeit" ist dabei sowohl wörtlich, als auch natürlich weitergefasst im Sinne von politischer und kultureller Arbeit zu verstehen.

Morgen?
Um es kurz zu machen: Dieses einmalige Projekt soll 47 Luxusappartments und einem privaten Parkhaus weichen! So ist der Wille des Eigentümers, der Gemeinde Amsterdam. Und wie zu erwarten war, hat sich nach jahrelangem Streit ein Gericht gefunden, dessen Wille das auch ist. Unser Wille ist sicher ein anderer, und jetzt liegt es alleine an uns, unseren Willen gegen die Schergen der Macht durchzusetzen. Der Verkauf der Appartments, von denen das billigste umgerechnet 800.000 DM kosten soll, hat jedenfalls begonnen. Versalzen wir den Bonzen das Geschäft!



Einen guten zusätzlichen Überblick über die Kalenderpanden bietet die folgende Darstellung der NutzerInnen in leicht verständlichem Englisch:

"NO EVICTION FOR THE "KALENDERPANDEN" IN AMSTERDAM!
Eviction possible from 3rd October

WEEKEND OF ACTION: Saturday 30th September and Sunday 1st October DEMONSTRATION: Sunday 1st October, 2pm, Dam Square, Amsterdam

Luxury apartments in the "Kalenderpanden", whatever next?! In these squatted warehouses in Amsterdam you can find concerts, performances, food, an infocafe and giveaway shop, information evenings, parties and many other activities - something happening almost every day. But if the city council get their way, in the very near future there will be, instead of all these cultural activities, 47luxury apartments with private parking spaces... From 3rd October, the current users of the Kalenderpanden can be evicted by the police. We refuse to leave because Kalenderpanden is not only a non-commercial venue, but also a protest against the direction Amsterdam is developing in. The form of the 'new Amsterdam' is becoming clearer and clearer: a city where the centre is affordable only for the rich, with lower-income people, immigrants and students pushed out to deprived neighbourhoods. People living in houseboats, artists and other non-conformists are dumped out in industrial areas. All this to make space for the rising population of bourgoise hard-working yuppies. Their streets are kept clean by city guards, chewing-gum cleaners and other underpaid workers - all to present an appealing investment climate for big companies like Albert Heijn, Heineken and McDonalds. The middle-class consumer lifestyle is selling itself well! Never before has Amsterdam been so boring and never before has the city reaped so many hundreds of millions of guilders in profit and rising property prices. And as if all this isn't enough, they now want to build millionaires' apartments in the Kalenderpanden, because they say there is a 'need' for ludicrously expensive living spaces. Who came up with that? What sick mind thinks seriously that a rich citizen is some kind of "ubermensch" that can solve all the problems of our city?
The Kalenderpanden has had an important public function for the last 4 years: everything has deliberately been made affordable for everybody, and initiatives that haven't yet really 'made it', or maybe never will, are all given a place. This is how it must stay. Over the last few years there has been an endless list of squats evicted in Amsterdam. This must end. The owner of the Kalenderpanden is the city of Amsterdam. They have the choice how it is used. Choosing to evict is therefore a political choice: a choice for high incomes, privatisation, polarisation and stamping down on culture.

Our demands are therefore:
NO EVICTION OF THE KALENDERPANDEN, NO RICH-ONLY NEIGHBOURHOODS!

entrepot@dds.nl
http://www.kalenderpanden.nl
Kalenderpanden
Entrepotdok 93-98
1018 AD Amsterdam
Tel. 0031-(0)20 4206645

2) Die BesetzerInnenkultur in den Niederlanden
Hausbesetzungen haben in den Niederlanden eine lange Geschichte. Bereits in den 60er Jahren war Amsterdam, was das angeht, eine Hochburg (trotz - oder wegen?- der ausgeprägten Hippiekultur). Aber auch in jeder anderen grösseren Stadt und sogar in vielen Dörfern gab es BesetzerInnenszenen. In den Niederlanden ist ein eigenständiger Begriff für das Besetzen von Häusern geprägt: "kraak". Die "kraker" sind seit jeher die mit Abstand grösste und erfolgreichste Gruppe der undogmatischen, radikalen Linken in den Niederlanden. Seit Ende der 80er/ Anfang der 90er Jahre stagniert die Szene wie die europäische Linke im allgemeinen. Aber insbesondere in Amsterdam hat sich ein AktivistInnenpotential gehalten, das je nach Anlass durchaus ein paar hundert Menschen auf die Beine bringen kann. Alleine durch die relativ arbeitsaufwendige Politikform der Hausbesetzung ist der Anteil tatsächlich im Alltag aktiver MitstreiterInnen relativ hoch.

Den "krakern" kommt die niederländische Gesetzgebung zugute, die relativ unfreundlich gegenüber Spekulanten war und teilweise noch ist. Ein "Hausfriedensbruch" ist in den Niederlanden noch nicht gegeben, wenn mensch ungefragt ein Gebäude betritt, das jemand anderem GEHÖRT, sondern erst bei Gebäuden, die tatsächlich von anderen GENUTZT werden. Leerstehende Gebäude bzw. auch leerstehende Etagen haben also keinen juristischen "Hausfrieden". Diese Gesetzeslage ist 1993 verschärft worden. Seitdem gilt ein Gebäude erst dann als nicht genutzt, wenn es mindestens ein Jahr lang leergestanden hat. Das ist in der Praxis z.T. recht schwer nachzuweisen. Hat aber erstmal eine "gesetzeskonforme" Besetzung stattgefunden, so geht das Hausrecht automatisch auf die BesetzerInnen über. Der Hausbesitzer bleibt zwar der Hausbesitzer, muss nun aber die Gerichte bemühen und nachweisen, dass er den Leerstand aufheben will.

Zudem gehen viele Gerichte schon von einem "genutzten Zustand" aus, wenn sich nur ein Bett, ein Stuhl, ein "persönlicher Gegenstand" und keine allzu dicke Staubschicht in einem Gebäude befinden. Ein Umstand, den sich viele Hausbesitzer zunutze machen, indem sie sogenannte "kraakwachten" (BesetzungswächterInnen) mietfrei in ihren Spekulationsobjekten wohnen lassen, um einer möglichen Besetzung entgegenzuwirken. Das sorgt zwar für eine gewisse Menge bezahlbaren "Wohnraum" in Amsterdam, dient aber letztlich nur der Spekulation. Ein Grund, warum die "kraakwachten" (oft ausländische Studierende) bei den BesetzerInnen nicht sehr beliebt sind... Das Recht auf bezahlbares Wohnen ist natürlich nicht das einzige Ziel der "kraker". Kurz gesagt, decken vor allem AktivistInnen aus der Bewegung "in ihrer Freizeit" alle Felder autonomer Politik ab, die uns in Deutschland auch bekannt sind.

Ein weiterer Umstand, der der Bewegung gelegentlich dient, ist die Existenz eines "bürgerlich linken" und liberalen Milieus, wie es das in Deutschland schon lange nicht mehr gibt. Bei den Kalenderpanden ist es konkret so, dass ein Grossteil der AnwohnerInnen die Ziele der BesetzerInnen teilen und den Erhalt des Projekts befürworten - oder andersrum betrachtet keinen Bock auf eine versnobte Nachbarschaft haben. Das sollte im Umfeld eines Räumungsversuchs dazu führen, dass "wir" gewissermassen als "die Guten" dastehen. Dies sollte unserer Meinung nach als Erweiterung des Handlungsspielraums betrachtet werden.



infocafe-aachen@gmx.de

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