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[Quelle: junge Welt - 20.4.2000]
Maifestspiele in Berlin
Keine Nachwuchssorgen bei Linksradikalen, aber Demos auf getrennten Wegen.
Die Vorbereitungen für die diesjährigen Demonstrationen und Kundgebungen zum 1. Mai laufen bei der Berliner Linken auf Hochtouren. Unzählige Solipartys und Infoveranstaltungen füllen die Terminkalender, Tausende von Plakaten und Flyern werden geklebt und verteilt.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts gilt der 1. Mai als internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Davon ist beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) kaum noch was zu spüren. Im Aufruf zur alljährlichen Maikundgebung in Berlin um 10 Uhr vor dem Roten Rathaus wird die "sozialregulierte Marktwirtschaft" in höchsten Tönen gelobt. Mit einer Inline-Skater-Tour versucht der DGB krampfhaft, junge Leute für die Kundgebung zu gewinnen. Auch bei der PDS-Kundgebung, die um 12 Uhr am Alexanderplatz stattfindet, wird wie in den vergangenen Jahren der Altersdurchschnitt bei über 50 Jahren liegen.
Nachwuchssorgen hingegen haben die linksradikalen Mai-Aktivitäten nicht. Doch auch in diesem Jahr heißt es in dem Spektrum wieder, getrennt marschieren. Ein maoistisches Bündnis wird ab 13 Uhr wie jedes Jahr unter dem Motto "International kämpfen gegen Ausbeutung und Unterdrückung - keine Befreiung ohne Revolution" vom Oranienplatz durch Kreuzberg ziehen. Die Mehrheit des antifaschistischen und linksradikalen Spektrums hingegen ruft zur Verhinderung des Naziaufmarsches mit dezentralen Aktionen auf (jW berichtete). Im Anschluß sollen auf einer revolutionär-antikapitalistischen Demonstration eigene politische Inhalte vermittelt werden. Um 16 Uhr beginnt eine Auftaktkundgebung mit Live-Bands und politischer Agitation auf dem Oranienplatz. Um 18 Uhr soll dann eine Demonstration, zu der bundesweit mobilisiert wird, von Kreuzberg nach Mitte ziehen.
Die Route ist nicht zufällig gewählt. "Kreuzberg ist der Bezirk mit der höchsten Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerrate in Berlin. Von dort gehen wir zu den Palästen der Reichen und Mächtigen, ins symbolische Zentrum der Macht, um ihnen zu zeigen, daß wir ihrer rassistischen, neoliberalen und imperialistischen Politik unseren entschlossenen Widerstand entgegensetzen", äußerte ein Kreuzberger Altaktivist gegenüber jW. Dementsprechend lautet das diesjährige Motto des Aufzugs "Imperialistische Zentren angreifen - für die soziale Revolution weltweit". Mit einem Verbot der Demo rechne man nicht.
So eindeutig die Forderungen auch sind - unter den vorbereitenden Gruppen streitet man heftig über das Verhältnis zwischen jugendlicher Popkultur und politischen Inhalten. Es wird kritisiert, daß die "Antifaschistische Aktion Berlin (AAB)" in den letzten Jahren die Demo dominiert und ihre Entpolitisierung vorangetrieben habe. Um diesem Trend entgegenzuwirken und das politische Profil der 1.-Mai-Demonstration zu schärfen, haben antifaschistische, anarchistische, kommunistische und internationalistische Gruppen zu einem "Unabhänigen Block" aufgerufen. Wie jedes Jahr wird es zudem Straßenfeste am Humanplatz (Prenzlauer Berg), Mariannenplatz (Kreuzberg) und am Rosa-Luxemburg-Platz geben.
Arian Wendel
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