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[Quelle: infopool - 4.5.2000]

Meine Erlebnisse vom 1. Mai

Dieses Jahr habe ich mich zum Revolutionären 1. Mai nach Berlin begeben, um dort an den Demonstrationen teilzunehmen. Was ich dort erlebt habe, war für mich außerordentlich schockierend, weshalb ich es hier wiedergeben möchte.

Bereits im Vorfeld machten sich Stadt und Polizei durch unnötige Provokationen bemerkbar. So wurde der Naziaufmarsch der NPD in Hellersdorf genehmigt, die antifaschistische Gegendemonstration dagegen verboten. Aufgrund dieser Situation entschieden wir uns in unserer Gruppe, nicht nach Hellersdorf zu fahren und an der Demonstration in Kreuzberg teilzunehmen.

Der gesamte Ablauf des Tages war geprägt durch Kraftdemonstrationen der Polizei. Man konnte gepanzerte Mannschaften sehen, Wasserwerfer, gepanzerte Polizeifahrzeuge, Hubschrauber, bereits bevor es zu irgendwelchen Konflikten kam, stellte die Polizei unübersehbar ihren Willen zur Auseinandersetzung dar.

Ich trug zu Beginn der Demonstration ein Halstuch, da ich leicht erkältet war. Als wir die erste Polizeisperre am frühen Mittag passieren wollten, war ein Bulle der Ansicht, dass mein Halstuch ein Vermummungsgegenstand sei, und wollte dieses Beschlagnahmen. Erst nach längerer Diskussion ließ er sich klarmachen, dass ich wirklich krank war.

Die Demo um 13:00 Uhr verlief, ohne dass ich Zwischenfälle bemerkt habe, und mit sehr wenigen Teilnehmern. Bei einer weiteren Kontrolle, es war nun etwas wärmer und ich hatte meinen Kapuzenpulli im Rucksack, war ein weiterer Bulle der Ansicht, dass dieser ebenfalls ein Vermummungsgegenstand sei, und es sei ja warm genug, ich könne ja im T-Shirt rumlaufen (Es war gerade gegen 14:00 Uhr, und ich hatte vor, noch länger unterwegs zu bleiben).

Beim Versuch, gegen 16:00 Uhr den Oranienplatz, wo die Hauptdemonstration um 18:00 Uhr starten sollte, zu erreichen, kamen wir durch eine weitere Kontrolle. Ein Mitglied unserer Gruppe hatte ein Halstuch um den Bauch gewickelt. Dies wertete ein Polizist als Versuch, einen illegalen Vermummungsgegenstand durch die Kontrolle zu schmuggeln. Daraufhin wurde er festgenommen. Insgesamt blieb er circa 12 Stunden in Haft - wegen eines Halstuches. Solange er noch im Mannschaftswagen saß, blieben wir zwei übriggebliebenen dort, um ihm zu zeigen, dass wir für ihn da sind und uns drum kümmern. Ein Bulle wies uns mehrfach darauf hin, dass man darüber nicht unbedingt erfreut sei und dass wir uns doch bitte entfernen sollten. Zum Abschied durften wir noch ein paar kurze Worte wechseln. Während dieser Festnahme sprach ich einen Reporter des ZDF an. Dieser meinte, sie machen gerade eine Reportage über "Deeskalationsstrategie der Polizei" und es interessiere ihn nicht (Man bemerke "Deeskalation" - Festnahme wegen eines Halstuches).

Nun, auf zwei Personen reduziert, nach diversen Schikanen waren wir auf dem Oranienplatz, an dem die Demonstration starten und enden sollte. Hier wurde uns auch verkündet, was wir schon vorher gerüchtehalber gehört hatten: Von den zwei Lautsprecherwagen der Demo war einer von der Polizei beschlagnahmt worden, der Fahrer, sowie die Menschen auf dem Wagen, unter anderem eine Punkband, die zur musikalischen Untermahlung der Veranstaltung anwesend war, wurden festgenommen.

Die Auflagen der Bullen dienten aufgrund ihrer Unmöglichkeit eher der Erheiterung. Beispiel: Der Veranstaltungsleiter sei verpflichtet, alle Transparente (bei über 10.000 Demonstrationsteilnehmern) auf verfassungsfeindlichen Inhalt zu überprüfen.

Nach einigen Reden ging die Demonstration um circa 18:30 Uhr los. Der Demonstrationszug verlief, von einigen kleinen Konflikten, sowie von der permanenten provokanten Anwesenheit von Polizeigerät (das manchmal eher wie Militärgerät aussah) abgesehen, friedlich.
Als die Demonstration ihren Rundgang beendet hatte und wieder zum Oranienplatz ging, begann das Chaos. Kurz bevor die Spitze der Demonstration den Oranienplatz erreichte, wurde die Straße von Bullen gestürmt, die auf jeden einprügelten, der ihnen in die Finger kam. Ich konnte vor ein Fenster einer Gaststätte flüchten und verbrachte dort die nächsten Minuten. Vor mir spielte sich ein schockierendes Schauspiel ab. Drei Demonstranten in der Mitte der Straße zeigten durch hochhalten der Hände, dass sie hilflos waren. Sie wollten nur unverletzt bleiben. Einer von ihnen wurde gepackt und mehrere Bullen prügelten auf ihn ein.

Auf dem Oranienplatz wurde der Wasserwerfer gegen die Menschen am Lautsprecherwagen eingesetzt. Ein Demonstrant wollte in die Gaststätte flüchten, wurde aber von einem Bullen am Kopf gepackt und auf die Straße zurückgeschleudert. Es flogen Flaschen. Von beiden Seiten kamen immer mehr wahllos prügelnde Bullen. Der gesamte Oranienplatz war von Bullen besetzt, ein Wasserwerfer stand ebenfalls schon bereit.

So schockierend es auch für mich war, so wenig war es wegzuleugnen: Die Strategie der Polizei hatte ein geordnetes, friedliches Ende der Demonstration überhaupt nicht vorgesehen. Der Oranienplatz, auf dem die Abschlusskundgebung stattfinden sollte, war voll von Bullen, bevor der Demonstrationszug diesen erreichte. Bevor die Demonstration beendet werden konnte, wurde sie durch die Prügelbullen gewalttätig aufgelöst.

Wir beide waren weitgehend unverletzt, mein Begleiter hatte lediglich einige Tritte gegen sein Bein abbekommen, konnte jedoch laufen. Wir versuchten, das Chaos zu verlassen. Dies gestaltete sich als nicht so einfach: Sämtliche Bahnhöfe in und um Kreuzberg waren gesperrt. Überall tobten Straßenschlachten. Die Polizei machte es friedlichen Demonstranten weitgehend unmöglich, das Schlachtfeld zu verlassen. Erst nach einem längeren Fußmarsch, vorbei an vier gesperrten Bahnhöfen, erreichten wir einen nicht geschlossenen Bahnhof und konnten uns auf den Heimweg machen.

Ich habe die Situation deshalb so genau geschildert, um eins klarzumachen: Die gesamte Strategie der Polizei zielte auf Provokation. Die Krawalle waren keine Zwischenfälle, sie waren von der Polizei geplant und gingen auch von ihr aus. Die gesamte "Deeskalationsstrategie" war eine einzige große Lüge.

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