Mayday 2000
Zusammenfassung des 1. Mai 2000 in London von IndyMedia UK
Mit dem Erfolg der am Freitag durchgeführten CriticalMass Fahrraddemo fing ein aufregendes Wochenende von anti-kapitalistischen Ideen und Aktionen an.
Das Kapital rüstete sich für den Maifeiertag 2000. Das hauptsächliche Ereignis, die Guerilla-Gärtner-Aktion von Reclaim the Streets, sollte parallel zu nationalen und internationalen Events stattfinden, die vom "Karneval gegen Kapitalismus" im letzten Sommer inspiriert waren sowie von der Blockade der WTO in Seattle.
Die Events in London gingen um 10 Uhr morgens los mit einem "Karneval gegen Junkfood" vor einem McDonalds auf der Strand - eine der vornehmsten Straßen des Kapitals. Eine Polizeikette wurde vor dem Hamburgerladen gebildet, mit Verstärkung in der Nähe - bei der größten Polizeioperation in London seit den frühen 70igern gestattete es den Behörden, Beamte an Schlüsselstellen zu positionieren. AktivistInnen aus verschiedenen Tierrechtsgruppen und Anti-Genmanipulationskampagnen vereinten sich mit dem legendären französischen Bauern Jose Bove und verteilten kostenlos vegetarische Burger. Die Aktion sollte eine Alternative zu dem auf "Fabrikfarmen" erzeugten genmaniputlierten McDonalds-Produkt bekanntmachen und erwies sich als populär nicht nur bei AktivistInnen, sondern auch beim allgemeinen Publikum.
Trotz der Verhaftung von zwei Reclaim The Streets-AktivistInnen am frühen Morgen, die mit einem Transporter mit Gartengeräten durch die Stadtmitte von London gefahren waren, verlief das "Guerialla-Gärtner"-Projekt wie geplant gegen 12.30 Uhr. Als CriticalMass auf dem Parliament Square aus Richtung Hyde Park Corner eintraf, begann die "Transformation" des Platzes: Grassoden wurden "befreit" und auf den umgebenden Straßen ausgelegt, die sich so zeitweilig in ein grünes Meer verwandelten. Wo die Grassoden abgehoben worden waren, wurde Dünger ausgebracht und die Anpflanzung eines Gemeinschaftsgartens ging los. Der Boden war ungewöhnlich feuchtigkeitsgetränkt und wir fanden später heraus, daß das darauf zurückging, daß die Polizei das Gelände geflutet hatte. Wenn dies eine Maßnahme gewesen sein sollte, um die Leute davon abzuhalten, dann ging das nach hinten los, weil die GärtnerInnen es viel leichter hatten, die Grassoden abzuheben und Setzlinge zu pflanzen, und außerdem konnten sie so auch noch einen kleinen Teich anlegen. Während der Gartenarbeit wurden die Leute von mehreren Ständen mit Gedichten und Liedern unterhalten. Einige fertigten Skultpuren an und eine Ecke wurde zur Kunstgalerie.
Verschiedene Gruppen von Leuten aller Altersgruppen schlossen sich RTS bei dieser Aufgabe an, obwohl sie mit Plastikkellen und bloßen Händen arbeiten mußten - weit entfernt von den "Äxten, Schaufeln und Forken", die die bürgerlichen Presse vorhergesagt hatte. Das Aufstellen mehrere Transparente und eines Maibaums sowie die Ankunft einer Samba-Band und ihrer Tanztruppe beflügelte die Feierstimmung noch mehr. Die GärtnerInnen-Aktion verlief während des ganzen Tages friedlich.
Während die Gartenaktion lief, hatten die TeilnehmerInnen Gelegenheit, in einem Zelt auf der Nordseite an öffentlichen Terminals des Independent Media Centre UK (IMC) ihrer unzensierten Meinung Ausdruck zu verleihen. Bilder und Texte wurde dann ins Netz gestellt als Teil des IMC 'Street Media'-Projekts.
Ein IMC-Filmteam, das in Richtung Trafalgar Square ging, berichtete von einer großen Menge Leute in Whitehall und einer Vielzahl von Journalisten vor Downing Street. Am Trafalgar Square richtete sich die Aufmerksamkeit auf ein McDonalds, das von einer kleiner Gruppe für ca. 10 Minuten angegriffen wurde. IMC stellte fest, daß die folgende Berichterstattung der bürgerlichen Medien über die McDonaldsaktion völlig die frühere, gewaltlose Aktion auf der Strand hinten runterfallen ließ und es vorgezogen wurde, nur über den am McDonalds entstandenen Sachschaden zu berichten. Die Räume einer nebenan gelegenen Wechselstube wurden auch beschädigt.
Auf dem nahe Trafalgar Square drängten sich die Leute dicht an dicht - eine Mischung aus DemonstrantInnen, Journalisten und Touristen stand Schulter an Schulter unter dem Nelson-Standbild. Ein wesentlicher Teil der DemonstrantInnen bestand aus linken Gruppen, darunter auch die Socialist Worker's Party, maoistischen Gruppen und Mitgliedern der Kurdischen Kommunistischen Partei (für die der 1. Mai ein traditioneller und bedeutender Festtag für die Arbeiter ist).
Im anhaltenden Sonnenschein schlenderten die DemonstrantInnen zwischen beiden Orten auf und ab bis die Polizei die Menge teilte und eine Hälfte in Richtung Trafalgar Square abdrängte.
Ohne Warnung sperrte Riot-Polizei in großer Zahl alle Zugänge vom immer noch friedlichen Parliament Square ab und alle dort saßen in der Falle. Verstärkt wurden die Beamten von Ketten berittener Polizei und Polizei in Transportern. KeineR durfte den Platz verlassen, gleich ob bürgerliche Presse oder Mütter mit kleinen Kindern.
Auf dem Parliament Square begannen Verhandlungen zwischen RTS und Polizei, während die Menge zusehends aufmerksamer wurde. Leute appellierten an die Polizei, die die großen Straßen Richtung Westminster Bridge, St James Park, Victoria Station und Millbank bewachten als die Polizei Verstärkung herantransportierte, darunter 'snatch squads' [Abgreifteams?]. Angesichts des wachsenden Gefühls einer Konfrontation änderte sich die Atmosphäre spürbar. Anwesende hochrangige Beamte verweigerten den Leuten den Abzug. Mehrere Beamte äußerten Betroffenheit über die Verwirrung, die ihre eigenen Leute bezüglich der geplanten Durchlaßstellen zeigten und sagten, das sei nicht gerade hilfreich in dieser Lage.
Einer IMC-ReporterIn sagte ein Polizeibeamter in der Victoria Street, daß er meine, den Leuten den Abzug nicht zu erlauben würde nur eine unmögliche Situation für die im Parliament Square in der Falle sitzenden Leute mit sich bringen. Eine junge Frau aus Hackney in Ostlondon durfte mit ihrer Freundin erst abziehen, nachdem sie den Polizisten ihre Kontokarten und den Inhalt ihrer Handtaschen gezeigt hatten. Mehrere Personen beschwerten sich später, daß ihre Namen und Adressen notiert und sie erkennungsdienstlich behandelt worden waren (ohne über ihre gesetzlichen Rechte aufgeklärt worden zu sein). Die Polizei erklärte eineR IMC- ReporterIn, daß sie die Leute nur rauslassen, wenn die beweisen könnten, daß sie keine Straftat begangen hätten.
Die Zahl der Riot-Polizei rund um den Platz nahm weiter zu, und der Platz war bereits seit weit über einer Stunde gesperrt, so daß viele in der Menge nervös wurden, was die Absichten der Polizei betraf. Daher wurde eine Öffentliche Versammlung in der Mitte des Platzes angesetzt, um zu beschließen, was die Menge tun sollte. Eines der Lautsprechersystem, die vorher für Reden und kleinere Diskussionen und Musik benutzt worden war, wurde jetzt eingesetzt, um die Lage zu diskutieren. Während der Diskussion übermittelte ein RTS-Guerilla-Gärtner die Verhandlungspositionen der Öffentlichen Versammlung der Polizei. Die Versammlung beschloß dann, gemeinsam im Block vom Platz abzuziehen und das unverzüglich, nachdem die Polizei vorgeschlagen hatte, die Leute könnten raus, müßten aber wenigstens noch eine halbe Stunde warten. Unter Begleitung der Sambakapelle zog die Menge direkt auf die Polizeikette zu. Die Menge wartete dann noch kurz, dann gingen die Leute auf die Kette zu, kamen aber nicht durch. Es gab zwar etwas Geschiebe und Gedrängel, aber insgesamt blieb die Menge ruhig und zurückhaltend. Immer noch unter musikalischer Begleitung der Samba-Band machten sie einen erneuten Versuch und diesmal gelang der Durchbruch, weil sich die Polizeikette auflöste, während die Leute klatschend und jubelnd in Richtung Millbank durchliefen.
Das stand in deutlichem Kontrast zu den Erfahrungen auf dem Trafalgar Square, wo es keine solche ausdrückliche kollektive Initiative gab.
Die Menge wand sich aus dem Platz nach Millbank und über die Vauxhall Bridge, und viele AktivistInnen sahen das Gärtnern als großen Erfolg an Als die Spitze des Zuges schon über die Brücke war, waren die letzten erst gerade mal losgegangen; es gab eine lange Prozession. Kurze Zeit später wurde die Menge nach Überqueren der Brücke geteilt. Die weiter hinten waren fanden bald ihren Weg von Polizeitransportern verlegt und mußten über Seitenstraßen nach Kennington Park gehen, wo der vereinbarte Treffpunkt war. Das vordere Ende der Gruppe sah sich bereits von der Polizei umzingelt, als sie in die Nähe des Parks kamen. Die Spannung erhöhte sich wiederum und erst als die zweite Gruppe eintraf, konnten sie weiter in den Park.
Unter massiver Polizeipräsenz, darunter über 40 Transporter und berittene Polizei, wurden die letzten paar Hundert der Menge vom Parliament Square schließlich in den Park gedrängelt. Drinnen erholten sich die Leute von der Gartenarbeit und quatschten ein bißchen. Nach einiger Zeit begann eine kleine Gruppe von Leuten im Park, die Polizei zu bewerfen, während andere versuchten, die Straße zu blockieren, auf der mittlerweile der Verkehr wieder floß. Die Polizei griff diejenigen außerhalb des Parks mit einer großen Zahl Beamter an. Es sah danach aus, als würde die Situation eskalieren, aber die Lage wurde gerettet, als viele Leute anfingen, die Pferde zu streicheln und mit den Beamten zu reden - ein Fußball wurde organisiert und bald begann ein großes Fußballspiel neben der Polizeikette und die Spannung löste sich.
(Letzte Berichte ergaben, daß die Polizei später die noch im Park befindlichen Leute eingekesselt habe und alle fotografiert und durchsucht habe - dies muß noch bestätigt werden.)
Auf dem Trafalgar Square erhielt später abends eine Gruppe von DemonstrantInnen - die von Riot-Bullen umzingelt war - erst die Erlaubnis einzeln abzuziehen, nachdem alle durchsucht und fotografiert worden waren.
Das Londoner Stadtzentrum war Schauplatz der meisten Aktionen an diesem Tag, aber Aktionen in der Umgebung sind Berichten zufolge auch erfolgreich verlaufen.
Die mit viel Medienrummel beworbenen Aktionen in Canary Wharf, LondonEye und die "große Überraschung am Millenium Dome" banden große Zahlen von Polizeibeamten - viele AktivistInnen bemerkten mit trockenem Humor, die große Überraschung am Millenium Dome sei gewesen, daß da nichts lief.
Weitere Aktionen waren z.B. in Ostlondon, wo die Besetzung der Hackney Marshes organisiert wurde, wo Kinder fröhlich spielten und die OrganisatorInnen beschrieben die Sache als "Erfolg".
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