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[Text: Interim 497 - 23.3.2000]
Naziaufmärsche in Berlin - eine Nachbereitung
Am 29. Januar 2000 zogen ca. 1.000 Nazis fast ungestört durch Berlin-Mitte. An einer Gegendemo nahmen etwa 300 Antifas teil und insgesamt waren sicher nicht mehr als 500 Leute auf der Strasse, um den Nazis was entgegenzusetzen. Da klingt es schon etwas lächerlich, wenn im Interimvorwort der Nr. 493 suggeriert wird, dass wir (Antifas) ohne (Werthebachs) Bullen die Nazis schon vertrieben hätten. Das ist entweder grenzenloser Selbstüberschätzung geschuldet, oder die Redaktion war erst gar nicht vor Ort und vertraute auf die beschönigten Medienangaben. Positiv hervorzuheben sind allerdings die Angriffe auf Nazis vor und nach der Demo. Im Vorfeld gab es drei Anschläge auf NPD-Kader - u.a. auf den Anmelder der Nazidemo und den stellvertretenden NPD-Vorsitzenden von Berlin. Am 29.1. selbst wurden am Nordbahnhof etliche Nazis auf dem Heimweg nach der Demo mit Wurfgeschossen und Schlagwerkzeugen angegriffen und als Reaktion auf den Aufmarsch wurden dann noch bei zwei NPD-Kadern und einem Reisebüro (Busse für Nazis) Scheiben zerstört.
Der nächste Aufmarsch war für den 26. Februar 2000 angemeldet. Die "Freien Kameradschaften" konnten jedoch wegen eines Verbotes nicht Horst Wessel gedenken. Statt dessen demonstrierten etwa 100 antifas am Auftaktpunkt der Nazidemo, und im Vorfeld führten Antifas Grabungen auf den Gräbern von Wessel und seinem Vater durch. Doch nur zwei Tage später am 28.2. demonstrierten dann ca. 40 Nazis "gegen Grabschändung" am "Wesselfriedhof". Trotz mehrstündiger Mobilisierung waren nur ebenfalls ca. 40 Antifas vor Ort, die von den Bullen auf Abstand gehalten wurden. Das ganze wiederholte sich dann nochmal am 2. März 2000 mit jeweils etwa 30 Beteiligten.
Der bislang letzte Naziaufmarsch fand dann am 12.3.2000 wieder in Mitte statt. Etwa 600 Nazis wollten durch Kreuzberg und Mitte zum Brandenburger Tor ziehen. Doch diesmal gab es eine sehr gute Antifa-Infostruktur (Infotelefone und -radio, Fahrradkuriere...) und etwa 1.000 Menschen, die sich den Nazis lieber direkt entgegenstellen wollten, als am Pariser Platz mit Thierse und Co. für ein demokratisches Deutschland zu demonstrieren. Die gesamte Nazi-Route war mit Antifaplakaten und beiliegenden gefakten Bürger-Infos geschmückt. Und bereits am frühen Vormittag musste der Verkehr am Bahnhof Frankfurter Allee unterbrochen werden, weil etliche Nazis von engagierten Antifas angegriffen und vertrieben wurden. Den ursprünglichen Plan, Teile der Oranienstrasse durch Kreuzberg zu marschieren, gaben Nazis und Bullen auf, als die Route immer wieder blockiert und auch Barrikaden aus Baustellenzeug und Müllcontainern gebaut wurden. Also sollte es direkt durch Mitte gehen, doch auch hier wurden zwei grössere Barrikaden (umgestürzter Bauwagen und anderes Baustellenzeug) gebaut, und die Nazis liefen in einem wandernden Bullenkessel, umgeben von hunderten Antifas. Sie wurden immer wieder mit allerhand Sachen beworfen (u.a. ein Fahrrad) und lautstark beschimpft. Als die Bullen die Route mit Räumpanzern und Wasserwerfern räumten, gab es Ecke Friedrichstrasse und bei den Bullen Glasbruch. Auch bei der Abschlusskundgebung wurden die Nazis beworfen und die Bullen mussten Wasserwerfer einsetzen, um besseres zu verhindern. Es gab insgesamt über 200 Fest- bzw. Ingewahrsamnahmen (davon 17 Nazis).
Bleibt noch zu sagen...
Der 12.3.2000 war im Vergleich zu den anderen Anti-Naziaufmarsch-Aktivitäten der letzten zwei Jahre in Berlin schon sehr positiv. Aber es hätte auch noch besser sein können. Es war fast immer möglich, auch in Seitenstrassen Barrikaden zu errichten, um die Bullen auf Trab und von von anderen Ecken fernzuhalten. Auch die Leipziger Strasse (Hauptteil der Route) wurde den Bullen zu einfach überlassen, weil der überwiegende Teil der Leute auf dem Gehweg spazierte. Ausserdem sollte jeder Aufmarsch nicht nur für die Nazis, sondern auch für die Stadt so unattraktiv und teuer wie möglich sein. So gab es immer wieder die Chance, bei geeigneten Objekten (Banken, Nobelläden, Filialgeschäften...) die Scheiben zu smashen, ohne das dies ausreichend genutzt wurde. Und auch von Anschlägen auf Nazis war diesmal (noch?) nichts zu hören. Zu guter letzt noch der Aufruf an alle, auch bei "spontanen" Naziaktionen in die Gänge zu kommen. Der nächste NPD-Aufmarsch ist für den 1. Mai 2000 in Berlin-Hellersdorf geplant...
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