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Text 1: Tagesspiegel - 11.11.2000
Text 2: taz - 7.11.2000


[Quelle: Tagesspiegel - 11.11.2000]

Rassistischer Überfall oder nur Schlägerei?

Schwer verletztes polnisches Opfer konnte nicht aussagen: eine Woche vor dem Prozess abgeschoben

Krystian W. stammt aus Polen, er ist 24 Jahre alt. Er wird einen Großteil seines weiteren Lebens im Rollstuhl verbringen müssen, seit er im Juli vergangenen Jahres mit dem 25-jährigen Ronny K. in Streit geriet. Krystian W. fiel vor eine einfahrende S-Bahn und verlor einen Arm und ein Bein. Am Donnerstag sprach eine Amtsrichterin Ronny K. vom Vorwurf der schweren Körperverletzung und des Vorzeigens verfassungsfeindlicher Symbole frei. Das Gericht konnte sich nicht entscheiden, ob der Angriff auf Krystian W. ein rassistischer Überfall oder eine Schlägerei unter Betrunkenen war.

Zumindest der Anlass der Auseinandersetzung, die am 26. Juli 1999 auf dem S-Bahnhof in der Greifswalder Straße in einer Schlägerei gipfelte, war nach Zeugenaussagen eine rassistische Pöbelei. Bei der vorangegangenen S-Bahnfahrt soll die Gruppe Bauarbeiter, mit denen Ronny K. unterwegs war, die Punks um Krystian W. als "Polackenpack" und "Scheiss-Zecken" beschimpft haben. Auf dem S-Bahnhof eskalierte die Auseinandersetzung zur Schlägerei. Wer damit angefangen hat, ist im Nachhinein nicht mehr zu klären. Und während einige Zeugen berichteten, dass einer der Arbeiter sogar mit einem Schraubenschlüssel nach dem Polen geschlagen habe, bevor ihn Ronny K. vor sich her gestoßen habe, bis er auf die Gleise stürzte, behaupteten andere Zeugen, Krystian W. sei durch eigene Schuld gefallen.

Ohne den wohl wichtigsten Zeugen, das Opfer, war der Ablauf der Geschehnisse nicht genau zu rekonstruieren. Der junge Pole konnte am Donnerstag aber nicht vor Gericht aussagen, weil er nach Auskunft seines Rechtsanwalts Stephan Werle eine Woche vorher in Abschiebehaft gesteckt und noch am gleichen Tag nach Polen abgeschoben wurde.

Auf Grund der widersprüchlichen Aussagen sah sich die Anklagevertreterin gezwungen, einen Freispruch zu beantragen. Auch im Anklagepunkt Verwendung von verbotenen Kennzeichen - Ronny K. hatte damals ein auf dem Arm tätowiertes Hakenkreuz - beantragte sie Freispruch, weil er das Tattoo möglicherweise nicht absichtlich vorgezeigt habe. Zudem will K., der sich vom rechtsextremen Szenenanwalt Wolfram Narath verteidigen ließ, mit rechten Ideologien nichts zu tun haben.

Die Richterin schloss sich dem Antrag an und sprach Ronny K. auf Kosten der Landeskasse frei. Rechtsanwalt Stephan Werle, der Krystian W. als Nebenkläger vertritt, hat Berufung angekündigt.


[Quelle: taz - 7.11.2000]

Polnischer Punk wurde abgeschoben

Der 24-jährige Pole, der bei einer Schlägerei mit einem mutmaßlich neonazistischen Bauarbeiter von einem Zug erfasst wurde und dabei ein Bein und einen Arm verlor, ist nicht mehr in der Stadt. Übermorgen sollte er vor Gericht aussagen.

Der Punk, der in Folge einer offensichtlich rassistisch motivierten Schlägerei mit einem Bauarbeiter einen Arm und ein Bein verloren hat, ist in seine polnische Heimat abgeschoben worden. Dies bestätigte sein Anwalt Stephan Werle der taz. Die Abschiebung wurde am vergangenen Freitag durchgeführt - obwohl der Punk Krystian W. übermorgen vor dem Amtsgericht Tiergarten gegen den Bauarbeiter Ronny K. aussagen sollte. Wie berichtet, hatten sich Krystian W. und Ronny K. am 26. Juli vergangenen Jahres auf dem S-Bahnhof Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg geprügelt. Dabei war Krystian W. auf die Gleise gefallen und von einer S-Bahn erfasst worden.

Ein Sozialarbeiter des "Karuna-Mobils am Alex", der sich um obdachlose Jugendliche kümmert, sagte, nach seinen Informationen ist Krystian W. in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag in einem noch teilweise besetzten Haus von der Polizei aufgegriffen worden. Danach sei der obdachlose Punk, der sich illegal in Berlin aufhielt, noch in der Nacht in das Abschiebegefängnis in Köpenick gebracht worden. Bereits am Freitag Morgen wurde er abgeschoben.

Rechtsanwalt Werle bestätigte diese Informationen. Zwar sei es "eher ungewöhnlich", dass derart schnell abgeschoben werde, nachdem Krystian W. offenbar nur zufällig von der Polizei aufgegriffen worden sei. Er gehe aber davon aus, dass die Ausländerbehörde nichts von dessen Vorladung vor das Amtsgericht gewusst habe. Ohne ähnliche Fälle zu kennen, könne er sich vorstellen, dass Zeugen schon allein wegen des Gebots der Amtshilfe normalerweise nicht abgeschoben würden, solange sie nicht vor Gericht ausgesagt hätten.

Unklar sei, wo Krystian W. sich jetzt befinde. Bis zum Donnerstag wird es nach Einschätzung Werles kaum möglich sein, ihn in Polen zu finden, um ihn im Prozess gegen Ronny K. anhören zu können.

Der 24-jährige Krystian W. lag nach dem Sturz auf die S-Bahngleise wochenlang im Koma. Nach Aussage von Krystians W.s Freunden hatten Ronny K. und seine Bauarbeiterkollegen ihre Punkgruppe vor der Schlägerei mit rassistischen Sprüchen belästigt. Nachdem die streitenden Gruppen zunächst von einem Schaffner besänftigt und getrennt werden konnten, seien sie sich später im S-Bahnhof Greifswalder Straße wieder begegnet. Unklar ist, wie es dort zu der Schlägerei gekommen ist. Mehrere unabhängige Zeugen sagten, dass es Krystian W. gewesen sei, der auf Ronny K. losgegangen sei.

Ronny K., 25 Jahre alt, betonte vor Gericht, er habe den Streit nicht angezettelt. Krystian W. habe "irgendwie das Gleichgewicht verloren". Der Bauarbeiter hob hervor, er habe keine neonazistische Gesinnung. Dagegen spricht, dass Ronny K. eine in der Neonazi-Szene häufig anzutreffende Kurzhaarfrisur trägt. Nach Informationen von Rechtsanwalt Werle geht aus den Gerichtsakten hervor, dass der Bauarbeiter an einem Arm ein Hakenkreuz-Tattoo hat.

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