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[Quelle: junge Welt - 22.6.2000]

Unruhe im Idyll

Proteste gegen »Club 88« in Neumünster. Treffpunkt militanter Neonazis aus dem Norden

Morgens um zehn in Neumünster-Gadeland, einer Vorstadt wie Hunderte andere in diesem Land: viel Grün, wenig Autoverkehr, Einfamilienhäuser. Eine junge Frau verstaut die beim Bäcker gekauften Brötchen im Fahrradkorb. Eine ältere Dame kommt aus dem danebenliegenden Friseurgeschäft. Auf dem Gehsteig eine Gruppe kichernder Jugendlicher, die den Pausenhof der gegenüberliegenden Hauptschule heimlich verlassen haben, um sich mit Süßigkeiten zu versorgen.

Inmitten dieses spießbürgerlichen Idylls ein unscheinbares Lokal, der »Club 88«. Doch der Schein trügt. Hinter dem düsteren Ambiente - Wand und Eingangstür schwarzgestrichen und wenig einladend - verbirgt sich der Treffpunkt der militanten Neonazi-Szene Norddeutschlands. »Club 88 - the very last resort«, übersetzt: »Heil Hitler, der allerletzte Ausweg«. Dieser Name ist Programm. Hinter dem »Club« stehen Leute wie die offizielle Betreiberin Christiane Dolscheid, Aktivistin im »Skingirl Freundeskreis Deutschland«. Die Akteure neben ihr rekrutieren sich aus dem Umfeld der sogenannten »Freien Nationalisten«. Zu ihnen gehört beispielsweise Jan Steffen Holthusen, wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft und Mitglied im »Hamburger Sturm«, einer sogenannten freien Kameradschaft. Ob in Flensburg, Hamburg, Kiel oder Rostock: »Club«-Mitglieder werden bei jedem faschistischen Aufmarsch in Norddeutschland gesehen, wo sie nicht selten Ordnerdienste übernehmen.

Das Brisante ist nicht nur, daß die Nazikneipe vermutlich als Ausgangsbasis für neofaschistische Aktivitäten und wahrscheinlich als Umschlagplatz verbotener CDs aus der »Rechtsrock-Szene« dient. Besonders gefährlich sei er, weil er als Freizeitangebot für Jugendliche genutzt werde. Die träfen dort auf die Stammgäste - Kader der organisierten Szene - und würden so in den Sog des braunen Sumpfes gezogen, charakterisiert der Journalist Dietmar Quante den »Club 88«.

Die Strategie geht auf: Der »Club« trifft bei den Neumünsteraner Jugendlichen auf große Akzeptanz. Die Forderung »Ausländer raus« teilen viele Kids. »Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg und machen sowieso nur Randale«, diesen Satz bekam ich während der Recherchen häufig von Jugendlichen zu hören. »Cool« finden es die Minderjährigen, wenn sie mit einem Bruder oder Arbeitskollegen aufwarten können, der regelmäßig den »Club« besucht. Bei Auseinandersetzungen mit Migrantinnen und Migranten werden sie dann auch selbst aktiv und stellen sich ohne zu zögern auf die Seite der 88er. »Da gab es eine Auseinandersetzung mit den Kurden. War doch klar, daß wir da mitgegangen sind«, erzählt ein etwa 17jähriger Auszubildender freimütig. Mitgegangen, damit meint er: mit den Faschos gegen die Kurden.

In Neumünster mehren sich mittlerweile Stimmen, die die Schließung des »Club 88« fordern. Dagegen setzen die Kameraden rohe Gewalt. Sie versuchen, ein Klima von Angst und Schrecken zu verbreiten. Eine grüne Ratsfrau, die öffentlich die Schließung des Etablissements gefordert hatte, wurde mehrfach bedroht. Eine Gruppe Antifas, die Flugblätter gegen den Nazitreffpunkt verteilten, wurden von Skins, mit Schlagstöcken bewaffnet, gejagt. Letzte Woche wurde ein Jugendlicher beim Plakatieren mit einem Holzknüppel krankenhausreif geschlagen. Doch die Menschen in Neumünster wollen sich davon nicht einschüchtern lassen. Ein »Bündnis gegen Rechts« wurde gegründet. Nach Elmshorner Vorbild engagieren sich darin Anitfaschistinnen und Antifaschisten aus allen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Schichten. Für Sonnabend, den 24. Juni, ruft das Bündnis zu einer Demonstration für die Schließung des »Club 88« auf. Treffpunkt ist um 11.30 Uhr am Gänsemarkt in Neumünster.

Katharina Stockmann

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