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Quelle: indymedia - 21.5.2001

Die Dombesetzung vom 19.5.

Ein ausführlicherer Bericht der Vorgänge nach der Residenzpflicht-Demonstration am Samstag.

Samstag 19.5. gegen 16:00; der Demozug hat den Zielort erreicht. Während der Schlossplatz noch überfüllt ist von Leuten, die der Abschlusskundgebung lauschen, entsteht am Eingangsportal des Berliner Doms auf der anderen Seite der Strasse plötzlich Bewegung. Kurz darauf dann die Durchsage: der Altarraum des Doms ist von mehreren DemonstrationsteilnehmerInnen besetzt worden! Etwa 20 Menschen war es gelungen, ohne den geforderten Eintritt in Höhe von 8.-DM zu bezahlen am Sicherheitspersonal vorbei in den Hauptraum der Kirche zu gelangen. Dort entrollten sie ein mitgebrachtes Transparent, um ihr Anliegen deutlich zu machen; wenige Minuten später war dann auch schon die Polizei vor Ort.. Über Lautsprecher wird darum von den OrganisatorInnen der Aktionstage dazu aufgefordert, ebenfalls zur Kirche hinüberzugehen, um eine Eskalation und Verhaftungen vermeiden zu helfen. Immer mehr Leute strömen nun über die Strasse, um der Immobilie Gottes ebenfalls einen Besuch abzustatten, werden jedoch bereits am oberen Rand der Treppe von der Polizei empfangen, die beginnt, den Eingangsbereich abzuriegeln; lediglich etwa 15 Personen - abgesehen von sich schon im Kircheninneren befindlichen BesetzerInnen - hatten es kurz zuvor noch geschafft, in den Vorraum des Domes zu kommen. Dort war dann versucht worden, mit dem anwesenden Wachschutzpersonal wegen des Einlasses ins Kirchenschiff zu verhandeln, aber umsonst: Die zu diesem Zeitpunkt das Gebäude stürmende Polizei demonstrierte mit einer spontanen Gewaltperformance ihre bevorzugte Variation von Konfliktmanagement. Dabei wurden einige Personen u.a. durch Schlagstockeinsatz leicht verletzt, eine Türglasscheibe ging bei dem Gerangel zu Bruch. Der Zugang zum Hauptschiff wurde in beide Richtungen abgeriegelt, es kam zu zwei Festnahmen. Einer der Festgenommenen berichtete, dass ihm Landfriedensbruch mit Widerstand zur Last gelegt werde. Grund: Er hatte sich mehrmals nach der Dienstnummer eines behelmten Gewalttäters erkundigt, der kurz zuvor wild in die Menge der DemonstrantInnen geschlagen hatte. Ein zweiter Mann wurde festgenommen, nachdem er von einem Polizisten geduzt wurde und dieses Freundschaftsanbot durch abermaliges Duzen erwiderte - ihm wird nun Beamtenbeleidigung vorgeworfen. Beide Personen mussten sich den üblichen erkennungsdienstlichen Massnahmen unterziehen, waren aber glücklicherweise in Besitz deutscher Pässe.

Währenddessen hat sich eine grosse Menge von Menschen vor dem Dom versammelt; Transparente wurden entrollt, Sprechchöre fordern die Freilassung der eingeschlossenen DemonstrantInnen, es finden Diskussionen mit SpaziergängerInnen und verhinderten DombesucherInnen statt. Die den Eingang umgebenden Gitterportale wurden inzwischen von der Polizei trotz massiver Proteste der KundgebungsteilnehmerInnen geschlossen, denn für den gesamten Innenraumbereich dieses für alle offenen Ortes der Andacht sei von der Kirchenleitung ein 'Hausverbot für DemonstrantInnen und Presse' erteilt worden. Ausserdem läge - lt. Aussagen mehrerer Polizisten - ein Antrag des 'Hausrechtsinhabers' auf Anzeigen wegen Hausfriedensbruches gegen die im Hauptraum des Doms festgehaltenen Menschen vor. Diese Auskunft ist vor allem deswegen besorgniserregend, da sich unter den Eingeschlossenen ca. 15 Personen ohne deutschen Pass befinden, für die eine entsprechende Strafanzeige massivste Folgen bis hin zur Ausweisung nach sich ziehen könnte. ...-Kirchenasyl?!...auch einige durch den Hinterausgang hinausgeschleuste DombesucherInnen, die sich selber als 'ChristInnen' bezeichnen, zeigen wenig Verständnis für die Situation der 'AsylantInnen': 'Wir zahlen 8.- DM um hier friedlich zu gucken', empören sie sich, mensch sei ja schliesslich nicht hergekommen, um sich so ein 'Remmidemmi' anzusehen; es gäbe schon genug Ärger auf der Welt und 'ein Haus Gottes sollte man damit nicht entweihen' - O-ton christl. Näxtenliebe. Ein 'deutscher Demonstrant' verbrennt derweil auf den Stufen vor dem Hauptportal seinen Reisepass.

Kurz nach Fünf: Im Inneren der Kirche verhandelt inzwischen der das Organisationsteam unterstützende Rechtsanwalt mit Polizei und BesetzerInnen; letztere waren zuvor auch nach mehrmaliger Aufforderung seitens ersterer nicht bereit, den Altarraum freizugeben. Sie hatten BesucherInnen sowie anwesendem Kirchenpersonal in der Hoffnung auf Unterstützung versucht, ihr Anliegen nahezubringen; erst nach dem Gespräch mit dem Anwalt erklären sie sich damit einverstanden, in den Bänken des Publikumsbereiches Platz zu nehmen um dort auf die Ankunft der schon zuvor erwähnten 'Gebäuderechtsinhaberin' zu warten; dadurch besteht auch die Chance auf Ver- und nicht erkennungsdienstliche Be-handlung.

Besagte Frau Hillmann rauscht dann endlich gegen halb sechs durch den Hintereingang herein. Im Verlauf der folgenden Unterhaltung, so berichtete später eine Person, die im Dom mitdabeigewesen war, zeigte Hillmann sich verständnisvoll: Sie sei selber auch - da aus der 'DDR' stammend - Flüchtling gewesen, wisse daher, was das heisse und garantiere den Festgehaltenen somit die Freiheit; es werde keine Anzeigen geben. Ausserdem versprach sie, der Kirche das Anliegen der BesetzerInnen zu vermitteln. Unklar blieb jedoch, von wem denn nun das Hausverbot erteilt bzw. der Antrag auf Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt worden war...können Christen lügen?..Oder hatte die Polizei sich selber den Einsatzbefehl erteilt?..ach, weiss GOTT... Für die, die wollten, gab es dann noch die Möglichkeit, an einem kurzen gemeinsamen Gebet mit der Originalgebäuderechtsinhaberin teilzunehmen, anschliessend durften alle AktivistInnen die Heiligen Hallen unbehelligt - von div. blauen Flecken und bangen Wartezeiten abgesehen - verlassen. Der Empfang draussen gestaltete sich aufgrund der immensen Erleichterung aller Beteiligten dann auch erstmal entsprechend ausgelassen; Jubel, Klatschen, Umarmungen von Menschen, die sich vorher noch nie gesehen hatten..

Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Die Vorsichtsmassnahmen während der gesamten Veranstaltung wegen Übergriffigkeiten seitens der Polizei aufgrund von 'Verstössen gegen die Residenzpflicht' behielten weiterhin traurige Aktualität. Bis zur Abfahrt der Busse, die einen Grossteil der KampagnenteilnehmerInnen wieder nach nirgendwo-zu-hause brachten, blieb die Anspannung bestehen, die die ganzen Aktionstage meist mehr als weniger offen begleitet hatte; unsichtbarer Stacheldraht hatte die enggesteckten Grenzen klar markiert. Während der Vorfälle am Dom brachte ein Bullizist die Situation auch im erweiterten Sinne recht schön auf den Punkt:

"Wir hatten eine angemeldete Versammlung und die hatte einen bestimmten Endplatz und das kann man nicht ohne weiteres ausdehnen. Das kostet hier auch Eintritt in der Kirche und da kann man nicht einfach so reingehen." ..- und nach D-land eben auch nicht.

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