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Quelle: beide Texte sind der interim 537 (vom 1.11.2001) bzw. dem Ordner entnommen.
Linke klatschen Homos
We are not amused...
Am Sonntagmorgen den 7.10. gegen 01.00 Uhr wurden an der Revaler Str./Warschauer Str. in Friedrichshain zwei Schwule von einer Gruppe von 8-10 Vermummten angegriffen. Die beiden wurden mit Sprüchen wie "Scheiß Nazis" belegt, und mit Flaschen und Knüppeln u.a. gezielt auf den Kopf geschlagen. Die beiden Schwulen waren auf dem Weg zu einem schwulen Club im Friedrichshain, hatten ganz kurze Haare, der eine trug eine Armyhose, der andere Jeans, beide trugen Fliegerjacken, der eine weiße Turnschuhe, der andere Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln.
Die Angreifer kamen aus verschiedenen Richtungen auf die beiden zu und griffen ohne Vorwarnung an. Die Straße war relativ dunkel, so dass die Angreifer vermutlich nicht mehr als umrisshaft sehen konnten, was für Leute die beiden waren. Dass die Angreifer zuvor Details, etwa die Farbe der Schnürsenkel, Aufnäher an der Jacke o.ä. hätten wahrnehmen können, ist unwahrscheinlich.
Dem einen der beiden Schwulen, M., gelang es zunächst vor den Angreifern wegzurennen. Sein Freund L. hatte sofort einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen und konnte zunächst nicht wegrennen. Obwohl er laut schrie "wir sind keine Nazis" schlugen 5-6 der Angreifer auf ihn ein. M. rannte dann wieder zurück um seinem Freund zu helfen und versuchte L. aus dem Zugriff der Gruppe herauszuziehen. Die Angreifer schlugen dann auf die beiden weiter ein, bis die beiden Schwulen umkippten. Die beiden trugen Schnittwunden von den Flaschen, große blutende Platzwunden am Kopf, die genäht werden mussten, Prellungen am Oberkörper und einer einen gebrochenen Finger davon. Der Rest der Gruppe stand dabei und ließ die anderen darin gewähren, ihre beiden Opfer weiter zusammenzuschlagen.
Trotz der Hilferufe kam keiner der zahlreichen Passanten, die die Szene beobachteten, den beiden zur Hilfe oder versuchte Hilfe zu organisieren.
Der Umstand, dass die beiden Homos durch die vermummten Angreifer als "Scheiß Nazis" beschimpft wurden, und dass im RAW eine Genua-Soliparty stattfand, wohin sich die Gruppe der Angreifer nach dem Angriff zurückgezogen haben soll, lässt vermuten, dass sich die Angreifer als wehrhafte Antifaschistlnnen wähnten, während sie Schwule zusammenschlugen.
Scheinbar reicht ein völlig oberflächlicher Eindruck von einem Outfit auf einer dunklen Straße aus, um jemanden als "Nazi" zu identifizieren; scheinbar ist es selbst für eine zahlenmäßig weit stärkere Gruppe überflüssig, irgendwelche Worte an solche Menschen zu richten oder gar Fragen zu stellen; erst zuschlagen, dann nachdenken! Super! Ganz toll! Ihr seid richtige Helden!
Scheinbar legitimiert der vermeintliche Kampf gegen Nazis, Flaschen auf Köpfen von Menschen zu zerschmettern, auch wenn diese am Boden liegen und um Hilfe schreien.
Die Art des Angriffs hat Elemente von einer Gruppenvergewaltigung: Männer, die sich als größere Gruppe ein Opfer aussuchen, das ihnen körperlich eindeutig unterlegen ist, Umstände unter denen es unwahrscheinlich erscheint, dass die Tat Folgen für die Täter haben wird. Die ersten greifen an und schlagen zu, weil sie ihre Männlichkeit dadurch demonstrieren wollen, dass sie besonders entschieden und skrupellos sind, der andere Teil der Gruppe steht daneben, obwohl dem einen oder der anderen vielleicht auch Zweifel gekommen sein mögen; sie sind aber zu feige, einzugreifen und den Genossinnen in den Arm zu fallen, weil sie selbst nicht als die feigen und zimperlichen dastehen wollen.
Wir finden es empörend, dass Leute, die sich selbst als links definieren, so handeln und fordern die TäterInnen auf:
- sich bei ihren Opfern öffentlich zu entschuldigen,
- ihre Taktik im Kampf gegen Nazis zu überdenken, denn solche Opfer sind nicht als "Kollateralschäden" hinnehmbar.
Wir fordern die Zusammenhänge, in denen diese Leute aktiv sind, auf, sich von dieser Art des "antifaschistischen" Kampfs zu distanzieren und derartige Männergewalt weder zu unterstützen noch zu tolerieren oder schweigend hinzunehmen.
Die Militarisierung von Szene-Outifts betrifft nicht nur Homos, die Armyhosen, Bomberjacken und Springerstiefel tragen, sie betrifft auch Linke mit Szeneoutift. Auch hier wird mit szenegerechter Kleidung fleißig an der Ikone des - vorzugsweise männlichen - Kämpfers gearbeitet.
Keine Frage: dass einige linke und auch unpolitische Schwule sich des Bildes und der Inszenierung des Skins zur Inszenierung von Männlichkeit bedienen und den "geilen Skin" erotisch besetzen, lässt sich kritisieren. Insbesondere lässt sich die Frage stellen, wie diese schwulen Männer mit der Reaktion umgehen, die sie in ihrer Umgebung oder etwa auf der Straße auslösen, wenn sie von anderen nicht als Schwule wahrgenommen werden, sondern andere glauben, es handle sich um Naziskins. Das Outfit eines männlich-martialisch auftretenden Skins kann Unsicherheit und Angst auslösen. Auch wenn es sich bei dem Träger des Skin-Outfits um eine linke Schwuchtel handelt, kann alleine schon der Anblick von weitem dazu ausreichen, dass sich andere, etwa Migrantlnnen, Lesben oder Schwulen, Langhaarige, Behinderte etc. subjektiv bedroht fühlen, und dass diese Bedrohung so real ist, dass lieber die Straßenseite gewechselt wird.
Es ist vielleicht auch noch zu verstehen, wenn Menschen, die sich in einer solchen Situation durch einen Schwulen im Skin-Outfit bedroht gefühlt haben, in einer anderen Situation in der sie sich sicherer fühlen, dem Homo-Skin ein "Scheiß Nazi" an den Kopf schleudern, und es vielleicht keine Ebene gibt, auf der sich kommunizieren ließe, dass sie sich bereits durch das Outfit bedroht fühlen. Hier müssen wir unsere lieben kurzgeschorenen Mitschwuchteln in kritischer Solidarität dann auch fragen, was sie tun um diese, von anderen real erlebte Bedrohung zu verhindern, und ob sie es sich wirklich so einfach machen können, selbst so lange als "geile Skins" rumzulaufen, wie sie dazu Lust verspüren ("die Freiheit nehm ich mir") und den anderen die "Freiheit" abzunötigen, die Straßenseite zu wechseln.
Aber: Jemanden alleine auf Grund einer oberflächlichen Wahrnehmung eines Skin-Outfits mit Flaschen und Knüppeln blutig zusammenzuschlagen, hat mit emanzipatorischer Politik nichts mehr zu tun. Es zeugt von männlich-heterosexueller Borniertheit, für die eine erotische Besetzung von Männlichkeit so fremd ist wie ein vulkanisches Pon Farr. Hier wird von Leuten, die von sich selbst glauben, links zu sein, als Strassenkampf gegen Nazis verbrämte Männergewalt gegen Schwächere ausgeübt, die gerade das Pech haben, zufällig zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Solche Scheißaktionen, wie die oben dargestellte, sind nicht als "Dumm-Gelaufen" oder Missverständnis abzutun, derartige Argumentationen haben sich dem, was sie bekämpfen, schon weitgehend angeglichen.
We are not amused, not at all Ernsthaft aufgebrachte Tunten
Auch ein blindes Huhn ... trinkt lieber mal nen Korn
Am Abend des 06.10.01 fand im Friedrichshainer Kulturzentrum RAW-Tempel eine Solidaritätsveranstaltung zugunsten der im Rahmen der Proteste gegen den EU-Gipfel in Göteborg/Schweden und gegen das G8-Treffen in Genua/Italien Inhaftierten statt. In unmittelbarer Nähe kam es im Verlauf des Abends zu einer militanten Aktion gegen vermeintliche Nazis. Dabei wurden zwei (wegen ihrer Glatze) als Nazis identifizierte Menschen von einer Gruppe vermummter und bewaffneter Antifas angegriffen unter "Verpisst euch, ihr Faschoschweine"-Rufen mit Flaschen, Knüppeln und Totschlägern heftigst zusammengeschlagen. Die Opfer waren trotz ihrer kurzen Haare keine Nazis, sondern ein schwules Pärchen auf dem Weg in eine in der Nähe gelegene Diskothek. Neben diversen Platzwunden, Prellungen, gebrochenen Rippen etc. wurde einem der beiden der rechte Arm zertrümmert. Er wird ihn wohl nie wieder voll benutzen können.
Meine Wut und meine Empörung sind grenzenlos. Ich bin erschüttert über die Blindwütigkeit von Genossen, die sich anmaßen, auf jeden einzuschlagen, der ihrem oberflächlichen Feindbild auch nur ansatzweise entspricht. Ich möchte diesen Vorfall nicht zu dem schwulenfeindlichen Vorfall machen, der er nicht war, aber es fällt mir ehrlich gesagt sehr schwer, die Konsequenzen, die dieser Vorfall für die beiden hat, als "Kollateralschäden" a la "80% sind die Richtigen..." abzutun. Zumindest in den sogenannten innerstädtischen Szenebezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain oder Schöneberg muss man davon ausgehen, dass die zumindest statistisch gesehen wahrscheinlich richtige "80%"-Klausel nur umgekehrt ihre Richtigkeit behält. Und um zu wissen, dass gerade Schwule eine ausgesprochene Vorliebe für Kurzhaarfrisuren haben - wie so viele Antifas übrigens auch -, muss man wohl kaum selbst "betroffen" sein.
Seit einiger Zeit versuchen Nazis, klassisch linke Codes zu entwerten und neu zu besetzen. Anti-Antifa-Aktivisten kleiden sich in mit dem Konterfei Che Guevaras verzierte Kapuzenpullover, tragen sogenannte Palästinensertücher, schwenken schwarze Fahnen, haben auffallend oft längere Haare und entsprechen oft dem szeneüblichen Dresscode. Wir haben in der Vergangenheit feststellen müssen, dass die Identifizierung von Nazis anhand von solch oberflächlichen Kriterien wie Kleidungsstil (also Skinheadlook) zunehmend schwerer wird. Um so gefährlicher ist es, wenn wir nicht in der Lage sind, in bestimmten Situationen, an bestimmten Orten, zu differenzieren und genauer zu gucken, wen oder was wir da jetzt vor uns haben. Und der Anspruch, linke militante Politik zu machen, beinhaltet eben auch, dies verantwortungsbewusst und gezielt zu tun, und auch sagen zu können: "Wir sind uns nicht sicher, also lassen wir es bleiben". Ich würde mir wünschen, dass es eine solche Diskussion in den Kreisen, die es betrifft, gibt, und bei zukünftigen ähnlich gelagerten Fällen auch Resultate zeigt.
Um auf den Vorfall zurückzukommen: Diese Aktion wird wahrscheinlich für alle in diese dumme Geschichte involvierten Menschen Konsequenzen haben und es ist noch nicht genau abzusehen, welche. Im schlechtesten Fall wird die physische und psychische Integrität der beiden Opfer nie wieder vollständig herzustellen sein. Ich fordere hiermit die an der Aktion Beteiligten auf, sich zu überlegen, wie ihr jemanden mit einer lebenslangen Beeinträchtigung erklären wollt, warum er seine Zukunft nun komplett neu planen muss. Mir ist klar, dass eine öffentliche Auseinandersetzung quasi unmöglich ist, sie ist nichtsdestotrotz sehr wichtig. Ich fordere euch trotzdem auf, über eine Art der Entschädigung nachzudenken, mit dem Wissen, damit nichts wiedergutmachen zu können. Ich fordere ALLE auf, nicht zu spekulieren, wer nun daran beteiligt gewesen sein könnte und was er/sie sonst so tut, das bringt uns überhaupt nichts, im Gegenteil. Ich möchte aber auch noch einmal betonen, dass Menschen, die derartig blindwütige Aktionen durchführen und nicht bereit sind, ihr Handeln selbstkritisch zu überdenken, in Zukunft nicht mehr mit meiner Solidarität rechnen können.
FÜR EINE REVOLUTIONÄRE JUGENDBEWEGUNG!!!
GEGEN BLINDWÜTIGKEIT + GEWALTGEILHEIT!!!
ein Genosse, der sich wohl wegbewegt...
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