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Quelle: junge Welt - 28.11.2001
In der Sitzvitrine
Die neue Ausstellung über die "Verbrechen der Wehrmacht" ist in Berlin eröffnet worden.
Christian Esch
"Es ist alles neu, außer der These", verkündete die Historikerin Ulrike Jureit am Dienstag in den Berliner "Kunst-Werken". Unter einem großem Medienansturm wurde dort die neue Wehrmachtssausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung vorgestellt - und Jureit als Sprecherin des Autorenteams war bemüht, sich von der vielgescholtenen Vorgängerausstellung desselben Instituts zu distanzieren.
Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" soll keine Überarbeitung der alten sein. Das geht aus der - allerdings recht unscheinbaren - Verschiebung im Titel hervor ("Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht. 1941-1944", hatte die Vorgängerin gehießen), und das hatte Institutsvorstand und -Mäzen Jan Philipp Reemtsma schon vor der Eröffnung deutlich gemacht. Er wiederholte es am Dienstag. Man gehe diesmal "analytischer und deduktiver" vor.
Habe die alte Ausstellung den Stoff nach drei Kriegssschauplätzen geordnet, so gliedere die neue ihn nach sechs "Dimensionen": Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, Ernährungskrieg, Deportationen von Zwangsarbeitern, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen. Die Darstellung völkerrechtlicher Rahmenbedingungen und eine fallbezogene Untersuchung der "Handlungsspielräume" seien dazugekommen. Vor allem zeichne sich die nunmehrige Ausstellung durch ihre "differenziertere Argumentation" aus.
Damit sind die Mängel der alten Ausstellung benannt. Diese beschränkten sich eben nicht auf jene falschen Bildzuordnungen, die Kritiker wie Bogdan Musial und Krisztian Ungvary entdeckt hatten; die von Reemtsma einberufenen Gutachtern beanstandeten vielmehr ganz allgemein, es solle doch bitte "die Argumentation der Ausstellung weniger durch den Gestus der Staatsanwaltschaft als durch die Theorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft geprägt sein."
Man fühlt sich an diesen Satz erinnert, wenn man die neue Ausstellung betritt. Nicht, weil der "Gestus der Staatsanwaltschaft" geblieben wäre - die Texte sind nun in der Tat viel differenzierter, vorsichtiger, und das heißt vor allem auch: ausführlicher, der Textanteil auf Kosten der Fotos stark gestiegen; sondern weil sich die Raumgestaltung eindeutig an das Mobiliar eines Kriegsverbrechertribunals anlehnt. Reemtsma hatte in der Pressekonferenz die Präsentationsideen von Andreas Heller als "durchaus neu" bezeichnet und in der ihm eigenen Diktion gelobt, dass sie "die notgedrungene Sprödigkeit des Materials für die Besucher aufzuheben in der Lage sind." In der Praxis heißt das, dass die Ausstellung unterteilt ist in Stellwände, die einzelnen Schauplätzen des Verbrechens gewidmet sind, und in sogenannte "Sitzvitrinen", die der allgemeinen Information vorbehalten sind. Wer sich in einem dieser Glaskästen niederlässt, sich die Kopfhörer aufsetzt und auf einem Tischchen die jeweilige Dokumentation mit Organigrammen und Dokumentauszügen durchblättert, der sieht für die anderen Besucher aus wie Eichmann in Jerusalem. Die im Raum errichteten Schranken und die strengen weißen Sitzreihen ergänzen das Bild.
Das hat natürlich mit dem Anspruch der Aussteller zu tun, einen neuen Schwerpunkt in der Darstellung der 1941 verbindlichen Völkerrechtsnormen und ihrer bewussten Außerkraftsetzung durch die Nationalsozialisten und die Wehrmachtsführung zu setzen - wobei offen bleibt, wie weit einzelne der grausamen Geiselerschießungen nach damaligem Verständnis überhaupt völkerrechtswidrig waren, und ob uns das für unsere Einschätzung der Brutalität interessieren sollte.
Die gesamte Ausstellung - die mit 1000 Quadratmetern laut Jureit doppelt so groß ist wie die alte - ist auf diese Weise formal streng gestaltet. Doch wird das Konzept gerade dort durchbrochen, wo es juristisch besonders interessant wird: wo es nämlich um die Handlungsspielräume der Wehrmachtsangehörigen geht. Dass ein und derselbe Befehl auf unterschiedliche Weise ausgelegt, befolgt oder missachtet werden konnte - ohne dass dies notwendigerweise schwere Konsequenzen für die Verweigerer haben musste - erfährt man in einem mit Tüchern verhängten Raum, auf Polsterhockern sitzend; als müsste die Menschlichkeit mancher Wehrmachtsangehöriger sich in größerer Gemütlichkeit spiegeln.
Der Streit um die alte Ausstellung hat in der neuen deutliche Spuren hinterlassen. Zum einen ist an deren Ende ein eigenes Kapitel den Kritikern gewidmet; es ist kurz, aber angemessen offen und selbstkritisch gehalten und erwähnt auch, wie die Ausstellungsmacher von damals mit juristischen Mitteln gegen seriöse Wissenschaftler vorgegangen sind. Zum anderen wird die wichtigste der damals strittigen Fragen - sind auf einzelnen Fotos Opfer der Deutschen oder Opfer des NKWD zu sehen? - ausführlich an einem zentralen Beispiel abgehandelt: dem Pogrom von Tarnopol im Juli 1941.
In der alten Ausstellung waren Fotos deutscher Soldaten vor Leichenhaufen gezeigt worden; es war ohne weitere Erklärungen suggeriert worden, es handele sich bei den Toten um Opfer eines von den Deutschen beförderten Pogroms. Wie der polnische Historiker Bogdan Musial deutlich machte, zeigen manche der Bilder jedoch eindeutig Gefangene des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, die dieser kurz vor dem Einmarsch der Deutschen ermordet hatte.
Die damals gezeigten Fotos aus einem Wiener Archiv sind nun um eine weitere Fotoserie aus dem Militärhistorischen Archiv Prag ergänzt worden; zugleich nimmt die Deutung des Bildinhaltes breiten Raum ein. Die "Prager Serie", so belegen die Ausstellungsmacher, zeigt eindeutig neben Opfern des NKWD auch ein Opfer des Pogroms. Im Text dazu heißt es: "Das Pogrom von Tarnopol ist nicht der 6. Armee anzulasten, wie in der Ausstellung ‘Vernichtungskrieg’ geschehen." Die Tarnopol gewidmeten Stellwände zeugen von größter Vorsicht in der Aussage (was soweit geht, dass Dokumente mehrmals unweit voneinander gezeigt werden). Aber diese Vorsicht ist löblich, und gerade dann, wenn sich darin ein gesteigerter Respekt vor anderen Forschern ausdrückt.
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