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Quelle: Berliner Morgenpost - 30.11.2001

Angst vor brauner Gewalt

Die Menschen in der Spandauer Vorstadt wappnen sich gegen die Rechtsradikalen

Von Hendrik Werner

Der Graffito in der Spandauer Vorstadt spricht eine deutliche Sprache. «01. 12. 01», ist da mit schwarzer Farbe auf eine Häuserwand an der Kleinen Auguststraße gesprüht worden, «NPD angreifen! Nazis aufs Maul». Zweihundert Meter weiter, in der Auguststraße, hat sich ein Mannschaftswagen der Polizei vor den Kunst-Werken postiert, in denen seit Dienstag die neu konzipierte Wehrmachtsausstellung zu sehen ist, gegen die sich der geplante Aufmarsch der Neonazis richtet. «Niemand reißt sich darum, am Sonnabend im Einsatz zu sein», sagt ein Beamter. «Dann wird hier nämlich der Teufel los sein.» Es sei «unfassbar», sagt eine Potsdamerin beim Verlassen jener Schau, die Gräueltaten der Wehrmacht zeigt, «dass NSDAP-Nachfolgeorganisationen unter Polizeischutz demonstrieren können».

Zwei Tage vor dem wohl größten Aufzug einer rechtsextremen Partei seit Kriegsende, zu dem die NPD bis zu 4000 Teilnehmern erwartet, sind nicht nur die Bewohner des Scheunenviertels, dem einstigen Berliner Stetl, verängstigt. Hier, am früheren Mittelpunkt jüdischen Lebens, das seit kurzem zaghaft wieder aufblüht, fürchtet man antisemitische Übergriffe. Etwa im «Kolbo» an der Auguststraße, einem Geschäft, das mosaische Kultgegenstände und koschere Speisen anbietet. Zwar bleibt der Laden wegen des Shabbat am Sonnabend ohnehin geschlossen. «Aber wir werden die Schaufenster sicherheitshalber verrammeln», sagt eine Verkäuferin. Nur einen Steinwurf von hier, in der Großen Hamburger Straße, hatte die Gestapo 1942 ein Sammellager eingerichtet, von dem aus mehr als 55 000 Juden in die Vernichtungslager Auschwitz und Theresienstadt deportiert wurden. «Wenn die Demonstration in diesem Viertel genehmigt wird, wäre das ein ungeheuerlicher Skandal», sagt Ingrid Heber, Angestellte des jüdischen Restaurants «Oren» an der Oranienburger Straße. «Das hatten wir doch alles schon mal. Wer um alles in der Welt erlaubt denn so etwas nur?»

Auch Touristen wundern sich über die mangelnde Handhabe des Senats gegen den Aufmarsch und dessen mögliche Route durch historisches Terrain. «Terribile - schrecklich», findet Vittoria Fausti aus Bergamo, die sich eben noch am Anblick der Neuen Synagoge erfreut hat, die Vorstellung, gläubige Juden könnten nach dem Feiertagsgebet auf Rudel von Neonazis treffen. Ihr ist «unverständlich, wie verantwortungsvolle Politiker zumal in Deutschland so etwas überhaupt zulassen können».

«Vielleicht zerlegen die wegen des Namens den Laden», bangt Uta Boroevics vom Restaurant «Mendelssohn». Diese Sorge treibt viele Geschäftsleute um. «Hoffentlich werfen die nicht mit Pflastersteinen», sagt Normen Welz, Angestellter des Masken-Geschäftes «Metamorph». Eine konzertierte Gegendemonstration der Einzelhändler sei nicht geplant. «Wir müssen unsere Arbeit machen. Obwohl ich persönlich viel lieber gegen die Nazis demonstrieren würde», sagt ein Kellner des asiatischen Restaurants «Goa» an der Oranienburger Straße/Ecke Auguststraße.

Starker Regen hat sich mittlerweile auf die Spandauer Vorstadt gelegt. Auch auf die Grasnarbe hinter der Häuserzeile Oranienburger Straße, Ecke Große Hamburger Straße, wo 1672 der erste Friedhof der Jüdischen Gemeinde entstand. Schätzungsweise 6000 Berliner Juden liegen hier.

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