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Quelle: Berliner Zeitung - 30.11.2001

Rabbiner wollen sich der NPD in den Weg stellen

Auch Kultursenatorin und viele Prominente rufen zum Protest auf

M. Emmerich und J. Haak

Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wollen am Sonnabend den geplanten Aufzug der NPD durch das ehemalige Scheunenviertel notfalls durch eine Sitzblockade verhindern. "Wir werden uns den Nazis in den Weg stellen", sagte Annetta Kahane von der Jüdischen Gemeinde am Donnerstag. Verschiedene Organisationen und Politiker haben angekündigt, sich an Gegendemonstrationen zu beteiligen. Die NPD hat vor, gegen die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht zu protestieren.

Der gesamte Gemeindevorstand, Gemeindeparlamentarier und Rabbiner würden sich gegen den Nazi-Aufzug im Gebiet zwischen der Oranienburger Straße, Tucholsky- und Auguststraße "zur Wehr setzen", sagte Kahane. "Wenn die Polizei Rabbiner wegtragen will, dann muss sie das tun". Es werde sicherlich "interessant", wenn die Polizei Juden wegtrage, um den Nazis den Weg frei zu machen. Annetta Kahane bezeichnete es als "besonderen Zynismus", dass der Neonazimarsch durch durch die frühere Heimat vieler Berliner Juden gehe. Annetta Kahane ist Mitglied im Gemeindeparlament. Beginn der Gegenaktion ist um 13 Uhr an der Auguststraße.

Für Kultursenatorin Adrienne Goehler (Grüne) ist es "zur Not eine meiner leichtesten Übungen", sich von der Polizei wegtragen zu lassen. Die Grünen werden wegen der Teilnahme an den Anti-NPD-Protesten die Koalitionsrunde unterbrechen, die PDS ihren Landesparteitag. Die Initiative "Europa ohne Rassismus" als Veranstalter erwartet außerdem den neuen Parlamentspräsidenten Walter Momper, Familienministerin Christine Bergmann (SPD), den DGB-Landeschef Dieter Scholz, Verdi-Vorsitzende Susanne Stumpenhusen sowie Vertreter der christlichen Kirchen. Das Bezirksparlament in Mitte, Geschäftsleute und Galeriebesitzer kündigen ebenfalls Aktionen an.

Rabbiner Chaim Rozwaski nannte es einen "Skandal", dass die "Unmenschen" von der NPD und andere Nazis ausgerechnet an der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße vorbeiziehen dürften. "Es gibt keinerlei Ausrede für die Genehmigung einer solchen Demonstration", sagte der Rabbiner. "Es muss wegen Volksverhetzung ermittelt werden", sagte Irene Runge vom Jüdischen Kulturverein. Es sei keine Meinungsäußerung, die Kriegsverbrechen der Nazis zu leugnen.

Adrienne Goehler nannte "Ort, Zeitpunkt und Anlass" des Naziaufmarsches - die Eröffnung der Wehrmachtsausstellung - "unerträglich". Auch Thomas Heppener vom Anne-Frank-Zentrum forderte, sich gegen "die Legende von der sauberen Wehrmacht" zu stellen. Annetta Kahane sprach von einem "schwierigen Land", in dem Bürger eine Ausstellung mit historisch belegten Wahrheiten schützen müssten. Der DGB-Landeschef bezeichnete die Ausstellung als notwendig, um über die NS-Verbrechen aufzuklären.

Im Scheunenviertel deutete am Donnerstag noch nichts auf den NPD-Aufzug hin. Rotweiße Absperrgitter standen wie gewohnt vor jüdischen Einrichtungen. Eine Meinung haben Passanten und Geschäftsleute jedoch. "Es ist traurig, dass diese Demonstration erlaubt ist", sagt eine junge Frau, die beim Gedanken an 4 000 NPD-Demonstranten am Wochenende am liebsten wegfahren würde. Die Jugendlichen Sven und Achim werden eher gezielt herkommen:"Wenn man den Aufmarsch nicht verbieten kann, muss man sich selbst in den Weg stellen." Am Donnerstag stehen sie nur zufällig vor dem Geschäft "Kolbo" in der Auguststraße. Der Laden für koschere Lebensmittel hat geschlossen. Auch am Sonnabend bleibt er wegen des Sabbath zu. Sven deutet auf die Schaufensterscheibe: "Irgendwer muss aufpassen, dass hier kein Stein reinfliegt." Linke Gruppen kündigten an, den gesamten NPD-Aufzug ab S-Bahnhof Friedrichstraße zu begleiten.

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