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Quelle: junge Welt - 01.12.2001
Dissensgeschichte
Der schwarze Kanal: Die Wehrmachtsaustellung und die »Werte der Nation«.
Arnold Schölzel
In dem jüngst bei Aufbau erschienenen Taschenbuch »Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege« schreibt Mitautor Johannes Klotz: »Die breite Öffentlichkeit nahm dem Vernichtungscharakter des von der Wehrmacht geführten Krieges erst 50 Jahre später wahr, vermittelt durch die Ausstellung ›Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht‹ des Hamburger Instituts für Sozialforschung.« Der Satz bezieht sich, darf unterstellt werden, auf die westdeutsche Öffentlichkeit. Wer Schulen oder Hochschulen in der DDR durchlaufen hatte, bedurfte der Belehrung im allgemeinen nicht.
In der Bundesrepublik gehörte der Mythos von der sauberen Wehrmacht zum ersten ideologischen Stützmaterial des Landes. Konrad Adenauer selbst hatte den Persilschein »ritterlich« erteilt. Die Kommißköpfe des Führers meldeten sich wenige Jahre nach 1947 im neuen Feldzug gen Osten zur Stelle. Das Diktum Rudolf Augsteins, die neue Armee sei nicht gegründet worden, weil der Staat sie brauchte, sondern der Staat sei gegründet worden, weil man eine Armee benötigte, bleibt gültig. Die Heroisierung des Kreuzzuges gegen den Bolschewismus unter dem Hakenkreuz prägte das Land. Mit Brecht gesprochen: Dem Kreuz fehlten nach 1945 ein paar Haken, sonst hatte sich personell, ideologisch und politisch wenig verändert.
An der Interessenlage, der Teilhabe an der imperialistischen Weltaufteilung, schon gar nicht. Bis 1989 war den damit verbundenen Intentionen und ihrer Durchsetzung ein Riegel vorgeschoben. Der Anschluß der DDR war aus der Rückschau Voraussetzung für die neue Ermächtigung zum Kriegführen auf internationaler Ebene.
In eine Zeit der Kriegsförderung – in Jugoslawien war die Bundesrepublik mit allen Interventionsmitteln außer eigenen Streitkräften seit den 80er Jahren tätig – und der Kriegsvorbereitung paßte eine Ausstellung wie die von 1995 schlecht. Von autoritativer Stelle, z.B. den Leitartikeln der FAZ, war zu vernehmen, daß die Werte der Nation in Frage gestellt würden. Eckhard Fuhr bezeichnete die Ausstellung als »üble Erscheinung neuer deutscher Volkskultur«: »Die Lust an nationaler Psychoanalyse und -therapie ist heute die auffälligste Erscheinungsform eines deutschen Nationalgefühls.«
Seit Mittwoch dieser Woche, als die neu gestaltete Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht in Berlin eröffnet wurde, scheint alles anders. »Irritation ist an die Stelle moralischer Eindeutigkeit getreten«, hieß es in der Frankfurter Rundschau, und die FAZ nannte die Exposition »Ein gutes Stück Konsensgeschichte.« Die Gründe für den Sinneswandel werden bereitwillig geliefert: »An die Stelle der ursprünglichen Indoktrination durch den Krieg der Bilder ist indessen ein Überangebot an Dokumenten getreten...« (FAZ); »der Gestus der Anklage gegen die Wehrmachtsangehörigen, der die alte Ausstellung prägte, wird nicht aufrechterhalten.« (Frankfurter Rundschau); »die gelungene Metamorphose einer Vergangenheitswahrnehmung, die nun selbst historisch geworden ist«. (FAZ); »Mit der neuen Ausstellung reklamiert die Wissenschaft den Vorrang vor der Vergangenheitspolitik.« (Eckhard Fuhr in Die Welt).
Was auch immer die Ausstellung dokumentieren und zeigen mag – sie soll im Selbstverständigungsmärchen der Bundesrepublik ankommen, dort, wo sich auf der einen Seite Frau Marktwirtschaft und Lady Demokratie die Hände reichen, auf der anderen HitlerStalinSaddamHusseinMilosevicCastroOsamabinLaden im totalitären Block zusammengeschweißt sind, hier die Unschuld, dort das Böse.
Wo SPD und Bündnis 90/Die Grünen die deutschen Kriege besorgen, muß auch an der Heimatfront Idylle herrschen. Die Ausstellung selbst allerdings könnte sich mit dem, was sie zeigt und auch dem, wonach sie Fragen aufwirft, wie z.B. der Kontinunität deutscher Kriegsziele seit 1914, als sperrig erweisen. Die deutsche Dissensgeschichte ist noch lange nicht zu Ende.
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