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Genua-News: 10.8.2001
Eine kleine Zusammenstellung von einigen Nachrichten zu Genua, die bei indymedia erschienen sind.
14.08. Göttingen: Podiumsdiskussion zu Genua
In Göttingen findet am Dienstag, den 14.08.01 eine Podiumsdiskussion zur Situation der Gefangenen in Genua statt. Heidi Lippmann (MdB, PDS) wird über ihre Besuche bei den Gefangenen und Verletzten berichten. Auch wenn die Veranstaltung recht kurzfristig angesetzt wurde, hoffen wir auf reges Kommen. (PS: Die Angaben bezüglich der noch Inhaftierten sind mittlerweile veraltet. Aktuelle Infos liefert der EA Genua (vormals EA Milano) - seid hiermit gegrüßt!)
G8 - Polizeiterror in Genua
Solidarität mit den Gefangenen in Genua
Podiumsdiskussion mit:
- Heidi Lippmann (MdB, PDS)
- einem/r Vertreter/in der Roten Hilfe Göttingen
- direkt Betroffene und AugenzeugInnen (angefragt)
Dienstag, den 14. August 2001 um 20:00 Uhr
Galerie APEX, Burgstraße 46, Göttingen
veranstaltet von:
Rote Hilfe Göttingen & PDS Göttingen
Während der Proteste gegen den G8-Gipfel im norditalienischen Genua kam es zu schweren Ausschreitungen der eingesetzten Polizeikräfte. Trauriger Höhepunkt dieser Polizeieskalation war am Freitag (20.07.01) die Ermordung des 23-jährigen Carlo Giuliani durch einen Carabiniere. Nach der großen Bündnisdemonstration des Genoa Social Forums (GSF) am Samstag (21.07.01), an der etwa 300.000 Menschen teilnahmen, wurden in einer Nacht-und Nebel-Aktion das Unabhängige Medienzentrum des GSF sowie eine gegenüberliegende Schule von vermummten Polizeieinheiten gestürmt. In der Schule kam es zu einem regelrechten Massaker der Polizeieinheiten: auf teils noch schlafende Menschen wurde brutalst eingeprügelt und getreten, viele der im Haus befindlichen Personen trugen Kopfverletzungen und gebrochene Arme (die sie sich schützend vor den Kopf gehalten hatten) davon, andere erlitten doppelte Kieferbrüche, gebrochene Rippen oder einen Lungendurchstoß. AugenzeugInnen und Betroffene berichten von bestialischer Grausamkeit und Szenen, die sonst nur aus südamerikanischen oder türkischen Militärdiktaturen bekannt sind.
Zur Zeit befinden sich noch 49 Personen, etwa die Hälfte davon aus Deutschland stammend, in italienischen Gefängnissen. Die Mehrzahl der Gefangenen wurde erst weit nach den Demonstrationen vom Freitag und Samstag festgenommen, teilweise erst am Montag und Dienstag. Die italienische Polizia scheint zu diesem Zeitpunkt gezielt Jagd auf Nicht-ItalienerInnen gemacht zu haben: einige der Inhaftierten wurden willkürlich auf Genuas Straßen festgenommen, andere wurden aus Cafés und Restaurants heraus verhaftet, wieder andere sind auf Campingplätzen in der Nähe von Genua oder auf Landstraßen festgenommen worden. Ihnen allen wird der Vorwurf der Mitgliedschaft in einer subversiven Vereinigung "Black Bloc" ("Schwarzer Block") gemacht; als angebliches Indiz für eine derartige Mitgliedschaft wurde das Tragen oder Mitführen von schwarzen T-Shirts oder Pullovern gedeutet.
Die Göttinger Bundestagsabgeordnete Heidi Lippmann war in der vergangenen Woche in Italien und hat dort die Gefangenen und Verletzten besucht. Auf der Veranstaltung wird sie über die Situation der Gefangenen und die politischen Initiativen zur Einrichtung eines internationalen unabhängigen Untersuchungsausschusses reden.
Die Vertreterin/der Vertreter der Roten Hilfe Göttingen wird über die Solidaritätsstrukturen zu Genua in der Bundesrepublik sprechen. Sie/er wird noch einmal darstellen, mit welchen Aktionen sich bisher für die Freilassung der Gefangenen eingesetzt wurde und welche Möglichkeiten zur Unterstützung weiterhin bestehen.
Wir versuchen ebenfalls AugenzeugInnen und Betroffene zu dieser Veranstaltung einzuladen, die über ihre persönlichen Erlebnisse mit der Polizeigewalt in Genua reden werden.
indymedia.de 10.8.2001 - 21:00 Uhr
Außenminister heuchelt Unterstützung
Über mehrere Ecken sind wir an eine schriftliche Stellungnahme geraten, die Bundesaußenminister Fischer im Auswärtigen Ausschuß des Bundestages verschickt hat. Darin lobt er die Aktivitäten des Auswärtigen Amtes und der deutschen Botschaft in Rom. - Wer die Fakten kennt, weiß: alles Heuchelei!
Von: Rote Hilfe Göttingen
Anbei veröffentlichen wir einen schriftlichen Bericht des Bundesaußenministers Fischer, der innerhalb des nicht-öffentlich (!!) tagenden Auswärtigen Ausschuß des Bundestages verschickt wurde. Fischer beschönigt dabei die Aktivitäten der deutschen Botschaft in Rom sowie des Auswärtigen Amtes, die sich umgehend und engagiert um die Gefangenen gekümmert hätten. - Pustekuchen! Wer die Ereignisse etwas mitverfolgt hat oder gar - wie wir - Kontakt zu Betroffenen hat, weiß, daß a) die Deutsche Botschaft am Montag (23.07.01) behauptete, es gäbe keine Gefangenen aus Deutschland, b) diejenigen Gefangenen, die letzte Woche rausgelassen wurden, erst auf Intervention der MdB's Buntenbach, Ströbele und Lippmann freigelassen wurden, c) nicht die Deutsche Botschaft für anwaltlichen Beistand gesorgt hat, sondern der EA Milano und die drei oben genannten MdB.
Die Einreiseverbote (immerhin 5 Jahre!) für diejenigen, die von der Polizei willkürlich festgenommen und auf Wache und im Knast mißhandelt und gefoltert wurden, sind unseres Wissens nicht (!) fallengelassen worden; falls unsere Info stimmt, verbreitet Fischer hier bewußt die Unwahrheit.
Daß die Bundesregierung die "italienischen Aufklärungsbemühungen sowie die Strafverfahren gegen deutsche Staatsangehörige weiterhin aufmerksam verfolgen" wird, glauben wir gern - schließlich wird Innenminister Schily seine "Chaoten-Datei" mit den Namen derjenigen auffüllen, die in Genua in den Knästen saßen und jetzt Wiedereinreisesperren für Italien haben.
Solidarität mit den Gefangenen in Genua (und Göteborg)!!!
Felix Halle (Rote Hilfe Göttingen)
Nachfolgend der Originaltext von Fischer:
Schriftliche Unterrichtung des Auswärtigen Ausschusses und des EU-Ausschusses des Deutschen Bundestages durch Bundesaußenminister Fischer
Ereignisse beim G8-Gipfel in Genua (21./22.07.01)
Beim G8-Gipfel in Genua (21./22.07.01) kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen und heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und italienischen Sicherheitskräften. Bereits am 20.07. eskalierte die Situation; die um das unmittelbare Gipfelgeschehen errichtete "rote Zone" wurde völlig abgeriegelt. Am Abend des 20.07. wurde ein italienischer Staatsangehöriger von einem Polizisten erschossen. In der Nacht zum 22.07. stürmte die italienische Polizei das vom Veranstalter des "Genua Social Forum" genutzte Gebäude der Diaz-Schule. Dabei wurden 42 deutsche Staatsangehörige festgenommen, 25 mußten mit zum Teil schweren Verletzungen in Krankenhäuser eingeliefert werden. Konsularbeamte des Generalkonsulats Mailand und der Botschaft Rom führten die konsularische Betreuung vor Ort durch und kümmerten sich insbesondere um die medizinische Versorgung der Verletzten sowie um die Vermittlung deutschsprachiger Anwälte.
Insgesamt waren zeitweilig 70 Deutsche inhaftiert. Die Mehrzahl wurde innerhalb von 72 Stunden aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Derzeit (Stand: 08.08.) befinden sich noch 23 Deutsche aufgrund richterlicher Anordnung in Untersuchungshaft. Ihnen wird Landfriedensbruch und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Alle Inhaftierten sind anwaltlich vertreten und haben Haftbeschwerde eingelegt. Für den 08.08. und 13.08. sind Haftprüfungstermine anberaumt, aufgrund derer der Haftrichter innerhalb weniger Tage eine Entscheidung über Fortdauer der Haft oder Haftentlassung trifft. Im Rahmen der konsularischen Betreuung hat das Generalkonsulat Mailand alle noch Inhaftierten mindestens dreimal besucht. Haftbesuche erfolgten auch durch die Abgeordneten Ströbele, Buntenbach und Lippmann. In einer Reihe von Fällen konnten Hafterleichterungen wie Zusammenlegung und erweiterter Hofgang erreicht werden. Das Generalkonsulat Mailand stellt weiterhin die konsularische Betreuung sicher und steht mit den Betroffenen sowie ihren Angehörigen und Anwälten in Kontakt.
Das Vorgehen der italienischen Polizei hat zu breiter Kritik in der Öffentlichkeit geführt. Viele deutsche Demonstrationsteilnehmer haben sich über brutale Exzesse und Übergriffe gegen festgenommene Demonstranten beklagt. Die vor Ort eingesetzten Konsularbeamten berichten von glaubwürdigen Schilderungen über Mißhandlungen mit sichtbaren Verletzungszeichen. In vielen Fällen war den Festgenommen die umgehende Kontaktaufnahme zu Anwälten und Angehörigen durch die italienische Polizei zunächst verwehrt worden. Die ordnungsgemäße Unterrichtung des Generalkonsulats über Festnahmen sowie die Belehrung der Festgenommenen über ihre konsularischen Rechte ist nicht durchgängig erfolgt.
Die Bundesregierung nimmt diese Berichte sehr ernst.
Ich selbst habe meinen italienischen Amtskollegen Ruggiero am 31.07. telefonisch auf die schockierenden Berichte deutscher Staatsangehöriger über Mißhandlungen durch die italienische Polizei und glaubwürdige Berichte über die Verletzung nicht gewalttätiger Demonstranten angesprochen und auf Untersuchung und Klärung dieser Ereignisse gedrängt. Botschafter Neubert hatte dies bereits am 26.07. im italienischen Außenministerium gefordert. Im Nachgang zu meinem Telefonat mit Außenminister Ruggiero übergab der Gesandte an der Botschaft Rom am 02.08.01 im italienischen Außenministerium eine Liste mit Einzelfallschilderungen. Bei einem Gespräch des italienischen Botschafters am gleichen Tage im Auswärtigen Amt wurde die große Besorgnis der Bundesregierung sowie unser großes Interesse an Untersuchung und Aufklärung bekräftigt. Wir haben ferner um Haftverschonung für die noch Inhaftierten gebeten. Bei allen Gelegenheiten hat die italienische Seite eine Aufklärung der Ereignisse zugesagt.
Eine Reihe von Demonstranten wurde durch die italienischen Behörden abgeschoben und mit Einreiseverboten belegt. Auf unsere Intervention hin hat Italien klargestellt, daß die formularmäßig verhängte generelle fünfjährige Wiedereinreisesperre für EU-Bürger nicht gelte. Allerdings halten die italienischen Behörden daran fest, daß die Betroffenen für einen 'angemessenen Zeitraum' nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch das italienische Innenministerium wieder nach Italien einreisen dürfen.
Nach Auffassung des Auswärtigen Amtes verstoßen die Ausweisung deutscher Bürger aus Italien und die damit verbundenen Einreisesperren gegen EU-Recht, soweit im Einzelfall keine Beteiligung an gewaltsamen Ausschreitungen vorliegt und die Festnahme erst nach Ende des Gipfels erfolgt. Wir haben uns gegenüber der italienischen Regierung - zuletzt im Rahmen einer Demarche am 08.08.01 - dafür eingesetzt, die Ausweisungen von Amts wegen aufzuheben, soweit den Betroffenen keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung vorzuwerfen ist, sowie im Zweifel zugunsten der Freizügigkeit zu entscheiden.
In einer Rede vor dem italienischen Senat am 27.07. zum G8-Gipfel von Genua hat Ministerpräsident Berlusconi angekündigt, seine Regierung werde den Vorwürfen nachgehen und Mißbräuche aufdecken.
Innenminister Scajola entsandte drei Inspektoren seines Hauses zur Untersuchung der Vorfälle nach Genua, was zwischenzeitlich zu ersten personellen Konsequenzen führte. Das italienische Parlament hat am 01.08. die Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der Vorfälle von Genua beschlossen. Der Abschlußbericht dieser Kommission soll bis zum 20.09. dieses Jahres vorliegen.
Die Staatsanwaltschaft Genua hat im Zusammenhang mit Übergriffen gegen Demonstranten mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das Ergebnis dieser Ermittlungen ist noch nicht bekannt.
Die Bundesregierung wird die italienischen Aufklärungsbemühungen sowie die Strafverfahren gegen deutsche Staatsangehörige weiterhin aufmerksam verfolgen.
indymedia.de 10.8.2001 - 20:42 Uhr
Video zu Genua
Video-Scnellzusammenschnitt zu Genua fertig.
VIDEO VIDEO VIDEO!
Zurück aus Genua, haben die beiden Berliner Videokollektive Kanal B und AK KRAAK einen Schnellzusammenschnitt als Video produziert. Das tape ist eine halbe Stunde lang und zeigt die Chronologie der Ereignisse vom 19. bis zum 21.8.2001 um die Proteste gegen das G8-Treffen in Genua.
Angefangen bei der MigrantInnendemo über die Todesschüsse auf Carlo bis zum Überfall auf die Schule Diaz, zeigt das Video, wie die Stimmung während der Tage gekippt ist und die Repression immer massiver wurde. Das spiegelt sich auch in den statements der Leute wieder, welche die Ereignisse kommentieren.
Das Video ist kein abgerundeter Film aber eignet sich sehr gut als Einstieg für Info- und Diskussionsveranstaltungen, da es visuell sehr eindrücklich die Ereignisse der Tage wiedergibt.
Wir finden es wichtig, dass möglichst schnell viele Veranstaltungen zu Genua gemacht werden, da immer noch Leute im Knast sitzen und ihnen hohe Strafen drohen!
Für 20DM könnt ihr das Video bestellen, am besten überweist ihr das Geld im voraus auf unser Konto:
M.Zimmer
Sonderkonto AK-Kraak
Kontonr.: 610 234 935
BLZ 100 500 00
Sparkasse Berlin
Mit Vermerk Genua, schickt uns eure Adresse und wir schicken es euch dann zu.
Ansonsten machen wir uns gerade daran, ein längeres und inhaltlich vielschichtigeres Video von AK KRAAK und Kanal B über Genua zu schneiden, ihr werdet demnäxt mehr von uns hören!
Laßt euch nicht unterkriegen und bis bald!
Eure kraken
indymedia.de 10.8.2001 - 18:39 Uhr
Re: fels zu Genua, GgswsEinschätzung
Kritik an dem Beitrag der Gruppe gemeinsam sind wir stark, fels.
Guten Tag
Ich verstehe die Einschätzung nicht. Bereits eine Stunde nach dem Tod von Carlo Giuliani, distanzierten sich Sprecher der Tute Bianche und und des GSF von den, ihrer Meinung nach die Schuld für die Eskalation tragenden, sogenannten militanten Anarchisten, bzw. dem Schwarzen Block, bzw. Spitzeln, und Samstag wurde in der Zeitung von seiten eines GSF-Sprechers gemutmaßt, es hätten, die ETA, die IRA und die Faschos ihre Hände im Spiel.
Mutmaßungen ohne Ende. Wo waren denn diese Leute am Freitag, was haben sie gesehen? "3000 straff organsierte, in den Polizeiketten ein und ausgehende Schwarz-Gekleidete", wurde behauptet. Die habe ich nicht gesehen. Mir schien, der/die Sprecher des GSF, als Teil eines Demo-Establishments, kam/en ausschließlich nur der Aufgabe nach, die Medien zu bedienen.
In einem Rundfunkinterview zwei Stunden nach dem Schuss, meinte ein Sprecher auf die Frage, ob sie sich mitschuldig fühlten am Tod von Carlo Giuliani, "nein, schließlich hätte die Polizei geschossen, aber er verstünde nicht, warum die Polizei die sogenannten 'tute nere', die 'Schwarzen', nicht in den Camps abhole, wo sie säßen. Sie wüßten doch, wo das sei." Das ist nicht nur eine einfache Distanzierung. Das führte teilweise zu panischen Reaktionen in verschiedenen Camps. Junge Frauen mußten sich, als sie sich der Rechtshilfe versichern wollten, sagen lassen, schwarze Chaoten vertreten wir nicht. Ein eigenartige Vorverurteilungsebene.
Ich persönlich war absolut schockiert darob der Distanzierungsvehemenz von seiten des Organisationsestablishments der GlobalisierungsgenerInnen und in den italienischen Zeitungen wie Il Manifesto, Unita, Liberazione und von den Verschwörungsthesen gegen den sogenannten schwarzen Block. Man hat dort Projektionen freien Lauf gelassen.
Bis drei Stunden nach dem Tod eines Menschen gaben sich auf dem Podium am Konvergenzzentrun politische RednerInnen die Hand, die nicht in der Lage waren, oder es nicht wollten, einem Gefühl der Verzweiflung, der Wut und der Trauer Platz zu machen. Da mußten erst junge Menschen das Podium stürmen. Sie wollten Redezeit im Fernsehen. Das wurde abgebügelt. Ich finde es unglaublich, wenn im Il Manifesto wirklich dummdreiste Artikel stehen mit dem Titel "Una notte con il black block", wo die SchreiberIn sich in Nasenringen ecetera ergeht, gleichzeitig ziemlich deutlich das Camp Giardino Dalla Chiesa auf der subkulturellen Klaviatur diffamiert. Oder der Leitartikel im Il Manifesto mit dem Tenor, diese jungen Leute hätten keine politische Meinung, sie wollten nur Randale. Das schreiben 44 jährige Muttis und Papis, als wären ihre Kinder vom Mars gefallen, denn es sei ja soooo unverständlich, was die täten. Man hätte ihnen keine Werte beigebracht. Welche Werte bitte?
Ich bin 45. Ich laufe nicht mehr so schnell wie früher und ich habe mehr Angst als früher und ich zweifle mehr als früher an bestimmten Aktionsformen, frage mich, macht es einen Sinn, so zu agieren etc. Aber ich kann mich sehr genau daran erinnern, daß es um die Frage ging und geht, diese ungerechten Verhältnisse, gegen die in Genua demonstriert wurde, abzuschaffen. Und ich distanziere mich nicht von Militanz und verteufle sie generell als falsche Aktionsform und nicht links, wie die hohen Herren des GSF. Von der Basis des GSF habe ich wenig mitbekommen. Im übrigen besteht ein Unterschied zwischen Kritik und Distanzierung. Wie erklärt sich der symbolisch gute Stock eines/r tute bianche im Gegensatz zu einem konkret bösen Stock eines/r tute nere? Darüber sollte geredet werden. Es ist Quatsch so zu tun, als hätten sich das GSF und die Tute Bianche nie distanziert, sie haben es getan und rudern jetzt zurück. Bis heute schockiert bin ich von der Äußerung nach dem Tod von Giuliani von seiten eines Tute Bianche Vertreters, der sagte, die 'tute nere' haben alles kaputt gemacht, und "wir haben das Tränengas abbekommen und einen Toten". Hier gilt wie so oft, solange du lebst gehörst dir selbst, wenn du tot bist, gehörst du den anderen. Funktionaliseren nenne ich das. Und linke Strukturen und Parteien in Italien funktionalisieren die Knüppeleinsätze von Genua, um gegen Berlusconi vorzugehen. Das nennt man Politik. Das mag allgemeinhin akzeptiert sein, aber darüber will ich nicht vergessen, wie schnell und wie viele unter den G8 DemonstrantInnen sich von den vermeintlich Schuldigen, die sich angeblich in ihre Reihen eingeschlichen hatten, distanziert haben und nach der Polizei riefen, die sie jetzt - nach dem Knüppeleinsatz in der Schule und am corso d'italia - wieder verteufeln. Ich will, daß in einer zukünftigen Diskussion genau das auf den Tisch kommt. Punkt.
Gruß Ingrid Scherf (Basisbuchhandlung München)
indymedia.de 10.8.2001 - 16:49 Uhr
15.8. in Bochum: Infos zu Genua
Infoveranstaltung zu den Übergriffen in Genua am Mittwoch, 15.08., 19.30 Uhr Bahnhof Langendreer, Bochum - Sofortige Freilassung für die in Genua - Verhafteten. Der PDS-Abgeordneten Heidi Lippmann ist es gelungen, mit allen Inhaftierten zu sprechen. Sie wird über die Haftbedingungen berichten und einen Ausblick auf das weitere Vorgehen der italienischen Justiz geben.
Sofortige Freilassung für die in Genua Verhafteten
Infoveranstaltung zu den Übergriffen in Genua
Mittwoch, 15.08., 19.30 Uhr Bahnhof Langendreer, Raum 6 (Bochum Langendreer)
veranstaltet von der bochumer StudentInnenzeitung (bsz)
Der PDS-Abgeordneten Heidi Lippmann ist es gelungen, mit allen Inhaftierten zu sprechen. Sie wird über die Haftbedingungen berichten und einen Ausblick auf das weitere Vorgehen der italienischen Justiz geben.
Ein Opfer der Staatsgewalt berichtet über die Ereignisse und seinen eigenen "Erfahrungen" mit den Carabinieri.
Der Ermittlungsausschuss in Oberhausen kümmert sich um die Verhafteten aus dem Ruhrgebiet. Er stellt Kontakt zu den Gefangenen her, betreut die Angehörigen und vermittelt anwaltliche Unterstützung. Die Oberhausener Solidaritätsgruppe erzählt einiges über die praktische Hilfe, die man von hier aus leisten kann.
Vom 20. bis zum 22. Juli diesen Jahres kam es während der Demonstrationen zum G8-Gipfel zu unglaublichen Übergriffen seitens der Polizei. Häufig ohne speziellen Anlass wurde auf die Demonstrierenden eingeknüppelt. Zudem setzten die Carabinieri Wasserwerfer und große Mengen Tränengas ein. Viele AktivistInnen wurden zum Teil schwer verletzt, ein Carabinieri erschoss Carlo Giuliani in angeblicher "Notwehr". Folter im Polizeigewahrsam war an der Tagesordnung. In einer Schule übernachtende Gegengipfel-TeilnehmerInnen wurden in der Nacht zum Sonntag von Polizeitruppen terrorisiert, die wahllos Schlafende misshandelten. Kritische Berichterstattung sollte verhindert werden, indem die Polizei Videoaufnahmen und Fotos von den Demos sowie Festplatten beschlagnahmten.
Um ihr äußerst brutales Vorgehen im Nachhinein zu rechtfertigen, nahmen die Carabinieri mehrere Menschen auf dem Rückweg von Genua fest. Fadenscheinige Vorwände wie der Besitz von schwarzen Kleidungsstücken und Auto- und Campingwerkzeugen wurden als Verhaftungsgründe angegeben. Noch immer sitzen 48 Menschen in italienischen Gefängnissen, 22 von ihnen besitzen einen deutschen Pass. Zu den Gefangenen zählen mehrere Menschen aus dem Ruhrgebiet, darunter ein Krankenpfleger aus Bochum und ein Student der Ruhr-Universität.
Solidaritätskonto: rote hilfe e. V., Ko.-Nr.: 191 100 462,
BLZ 440 100 46,
Postbank Dortmund, Stichwort: Genova-Gefangene.
indymedia.de 10.8.2001 - 16:47 Uhr
UPDATE NR 7 VOM EA-MILANO (10.08.01)
ERGEBNISSE DER HAFTPRUEFUNGSTERMINE VOM 08.08.01
3 FREIBERGER WERDEN HEUTE ABGESCHOBEN
10 DEUTSCHE BLEIBEN ERSTMAL IM KNAST
NOCH 41 IM KNAST
Berichtigung des Updates Nr.6: Gestern sind zwei und nicht drei Deutsche abgeschoben worden.
Heutige Entscheidungen des Gerichts zu den Haftpruefungsterminen vom 08.08.01
Heute werden 3 Freiberger abgeschoben. Die uebrigen 10 Deutschen bleiben vorerst im Knast. Das Gericht beruft sich bei der Begruendung hierfuer auf extrem fadenscheinige Indizien. Es handelt sich dabei um Gegenstaende die zum Zeitpunkt der Verhaftung angeblich im Besitz der Angeklagten gefunden wurden, und die die Teilnahme an gewalttaetigen Auseinandersetzungen "beweisen" wuerden. Es ist bestaetigt, dass selbst von diesen hoechst laecherlichen "Beweisen" den Angeklagten ein Teil untergeschoben wurde. Ein Verkehrspolizist, der die Betroffenen noch am selben morgen angehalten und die Fahrzeuge durchsucht hat, will vor Gericht aussagen, dass er keine belastenden Gegenstaende gefunden hat.
Moeglichkeit Hausarrest zu beantragen
Noch einmal zur Einnerung: Es gibt die Moeglichkeit an Stelle von U-Haft Hausarrest zu beantragen. Hierzu werden Familien, Organisationen, Kommunen (bestenfalls religioese) in Italien benoetigt, die bereit sind die Angeklagten aufzunehmen. WENN IHR KONTAKTE HABT, LASST ES UNS SO SCHNELL WIE MOEGLICH WISSEN!!!!!
Es kann in den naechsten Wochen ein neuer Haftprufungstermin beantragt werden. Bis es dazu kommt, kann es allerdings eine ganze Weile dauern.
Internationale Soliaktion am Montag
Am Montag um 9.00 Uhr morgens finden Weitere Haftpruefungstermine statt. Hierzu sind in Genua und anderen Staedten gleichzeitig Soliaktionen geplant. Wenn ihr Zeit habt, denkt euch auch was aus! Seid kreativ! Es waere gut, an so vielen Orten wie Moeglich auf die Repression des Italienischen Staates und das Schicksal der noch Inhaftierten aufmerksam zu machen, damit es nicht in Vergessenheit geraet.
indymedia.de 10.8.2001 - 14:15 Uhr
genua-dabeigewesenbericht
untenstehender augenzeuginnenbericht über die verfluchten tage von genua hat mich auf verschlungenen pfaden erreicht mit der bitt ihn einer grösseren öffentlichkeit zugänglich zu machen. er ist sehr subjektiv und emotional gehalten. here it is.
ein kleines italienisches märchen:
mi. abend, die abfahrt unsres busses verzögert sich um drei stunden,im bus kann ich praktisch null pennen, an der ersten raststätte gleich ärger mit einer militanten truckerin: ich mal nur in den staub einer lkw-plane ein A, sie steigt aus, fängt an wild rumzuschreien, hält mich am arm fest, schreit weiter von wegen polizei und strafe blabla, haut mir eine rein und ich eine zurück. nachdem ich ihr erkläre dass sie mich besser in ruhe lassen soll weil ich in begleitung von 50 randaliererinnen sei, will sie erst die busfahrerin sprechen, dann unser kennzeichen notieren und die bullen rufen.
total crazy, aber wir fahrn dann einfach weiter. die grenzen passieren wir recht locka, abgesehn von gepäck- und ausweiskontrolle, die italienischen cops behalten eine fahnenstange ein.
do. nachmittax kommen wir in genau an, unser camp liegt in einem park direkt am meer, sehr schön. wir beschliessen unser zelt erst nachts aufzubauen, da die migrantinnendemo bald anfängt. fahrt in die stadt zum convergence center, von dort aus marsch zum treffpunkt der demo. unterwex schon superviele fröhliche menschen, partystimmung, werbeplakate werden mit netten sprüchen verschönert. am versammlungsort spielt eine band lockere musik und macht party. wir laufen los und alles ist hippy-happy-bunt. ganz wenig bullen, ziemlich im hintergrund, alles bleibt friedlich. anstatt der erwarteten 15.000 sind 50.000 gekommen. als wir an einer langen reihe von eisernen hafencontainern vorbeikommen die das bullenquartier abschirmen, fängt eine an darauf rumzutrommeln und wir machen einene höllenlärm und dazu wird noch geschrien und gesungen - nur geil. in einem langen tunnel machen wir la ola und rennen sinnlos rum und jubeln und feiern uns selbst - it really was the demo with the fetteste stimmung i've ever seen. abens pizza-essen, wir warten todmüde geschlagene 1 1/2 std. auf unsre labbrige pizza während es draussen pisst und pisst und pisst und unser zelt nicht aufgebaut ist. nass kommen wir an unser ausserhalb gelegenes camp zurück und finden einen halbtrockenen schlafplatz unter einem vordach am meer.
freitag morgen, direct action day: unsere 10-köpfige bezugsgruppe ist sich im unklaren, welcher protestform sie sich anschließen soll. deswegen beschließen wir, erst mal zum anarcho-camp zu gehen, da wir dort jemanden treffen wollen.
im camp angekommen, schauen wir staunend zu, wie sich die anwesenden vorbereiten: mit isomatten und rohren werden empfindliche körperteile gepolstert, helme und gasmasken anprobiert, eisenstangen bereitgelegt. ein mulmiges gefühl stellt sich bei uns ein und wir verlassen das camp in richtung eines marktplatzes, wo sich uns ein ähnliches bild bietet: steine werden zerkleinert, verkehrsschilder abmontiert, vermummungen angelegt: vorbereitungen auf eine schlacht. an zwei seiten des platzes stehen bullenhundertschaften, die jedoch nicht eingreifen. f. kriegt verständlicherweise schiss und verzieht sich wieder zurück ins camp. dann geht es los, wir schliessen uns einem vorbeikommenden demozug an (wie im internet zu lesen war, handelt es sich wohl um den der italienischen basisgewerkschaften cobas), the riot starts. fenster gehen zu bruch, müllcontainer werden angezündet, autos zerkratzt.
die bullen sitzen uns direkt im nacken, teilweise trennen uns nur wenige meter von ihnen. nach ca. einer halben stunde kommen wir am konvergenzzentrum an, der randalezug zerstreut sich, die bullen sind verschwunden. nach längerer suche treffen wir wieder auf einen mob, jetzt beginnt der richtige march of destruction. im gegensatz zu dem weitverbreiteten gerede von gewaltbereiten chaotinnen, bullenprovokateuren und bussen von italienischen faschos bietet sich uns ein ganz anderes bild von den beteiligten. zwar sind viele tatsächlich schwarz gekleidet und vermummt, aber genauso sind auch unvermummte dabei, menschen die wie hippies aussehen, alternative, punks, frauen, ältere leute - eine bunte, heterogene mischung.
1½ stunden lang sehen wir nun keinen einzigen bullen, nur der hubschrauber kreist über uns. wir ziehen durch die strassen und schauen zu, wie in aller seelenruhe das panzerglas der banken splittert, deren pc's zu wurfgeschossen umfunktioniert werden und im schalterraum feuer gelegt wird. mit brennenden müllcontainern werden barrikaden errichtet, autos (alle grossen, aber auch viele kleinwagen) gehen in flammen auf, sexshops werden verwüstet, eine filiale einer supermarktkette wird unter dem jubel der menge geöffnet und die lebensmittel vergesellschaftet. hauswände und alles andere, auf das farbe auftragbar ist, werden mit politgraffiti a la "smash capitalism" oder "fight sexism" verziert. eine seltsame stimmung herrscht vor: einerseits macht es vielen richtig spass, einmal die ansonsten übermächtigen symbole des kapitalismus anzugreifen und zu zerstören, andererseits sind die leute aber auch angespannt und verwirrt ob des (nicht-) verhaltens der staatsmacht. auf jeden fall war es eine geile erfahrung mal zu sehen was für energien entstehen wenn frau einfach mal tun und lassen kann was sie will ohne durch störende gesetzeshüterinnen eingeschränkt zu sein.
an experience from outta space - mit nix anderem bisher gesehenen vergelichbar. plötzlich und unerwartet tauchen dann wieder bullen in sichtweite auf, etwa 50 von ihnen stehen vor einer brücke. wir wollen uns gleich verdrücken, doch die randaliererinnen greifen die halbe hundertschaft mit wurfgeschossen an und schaffen es tatsächlich diese zu vertreiben. die carabinieris flüchten mit quietschenden reifen, eisenstangen knallen zum abschied auf ihre transporter. was für eine genugtuung-die bullen rennen vor uns weg wie die hasen.
jetzt erst hören wir die rufe aus dem gebäude vor dem die bullen standen- es ist ein knast. das wachhäuschen wird mit steinen eingedeckt, die holztür am eingang färbt sich unter dem einfluss einiger mollies schwarz und auch aus den fenstern dringt nach einiger zeit qualm - der knast brennt, wie geil.
wir entfernen uns und treffen auf ein friedliches fest von reformistischen g8-gegnerinnnen an der piazza manin, wie ich später im i-net lese. eine band spielt fröhliche musik, leute, unter ihnen kleine kinder und ältere menschen, tanzen. wir entscheiden uns für eine kurze rast und beginnen, unsere wasserflaschen aufzufüllen. wie aus dem nichts fliegt auf einmal eine tränengasgranate in die menge - die bullen. eine panik bricht aus, die menschen rennen ziellos weg, noch mehr tränengas, ein alter opa bekommt eine granate an den kopf und fängt an zu bluten, das gas beisst, ich sehe keine meiner genossinnen mehr, einfach wegrennen. nach kurzer zeit bleiben wir wieder stehen, der gasnebel lichtet sich und ich treffe meine bezugsgruppe wieder, r. ist direkt ins gas gerannt und sieht vor lauter tränen nichts mehr, wir müssen ihn einige meter führen und können uns dann setzen. wir sind geschockt ob dieses überfalls, wieso machen die cops sowas? Schon jetzt entwickelt sich eine riesenwut über die uniformierten. ohne konkretes ziel laufen wir weiter, kommen dabei nochmal an dem vorher geknackten supi-markt vorbei und decken uns mit freshen joghurts ein. gegen 16.30/17 uhr kommen wir zu den riots bei der stazione brignole, wo die bullen offensichtlich die tute bianchi/ ya basta gestoppt und angegriffen haben.
tränengas und steine fliegen in rauen mengen. der kampf wogt hin und her, kurz gewinnen die carabinieri an boden, dann stossen die demonstrantinnen wieder vor. plötzlich starten die bullen eine offensive, sie fahren rücksichtslos mit räumpanzern in die menge und schiessen unzählige tränengasgranaten ab. sie treiben uns 1-2 km im tränengasnebel vor sich her bis zum stadion carligni.
währenddessen erklingen die ersten "assasini"-rufe, in die wir einstimmen ohne um deren bedeutung zu wissen. wir machen uns auf dem rückweg zum anarcha-camp und treffen auch hier lauter egdengelte banken und umgeschmissene müllcontainer an. erst am A-camp erfahren wir die gerüchte von toten, 2 oder gar 3, eine soll erschossen, eine andere von einer tränengasgranate am kopf getroffen worden sein. wir wissen nicht was wir von diesen geschichten halten sollen bis wir gegen 20 uhr auf dem heimweg zum schlafcamp eine junge frau treffen, die alleine unterwegs ist. sie erzählt uns dass einer ihrer freunde vor ihren augen erschossen wurde - carlo. ich kann nicht mehr, den ganzen tag haben wir uns körperlich verausgabt, zerstörung und gewalt erlebt, und dann noch das... wut, leere, agression, frustration und depression treffen aufeinander und bilden ein unberechenbares, unbeschreibliches gemisch. ein mensch ist gestorben, hundert meter neben mir, ermordet worden, von den mir vorher schon so verhassten. trotzdem muss es weitergehen, ich kann nicht einfach von hier verschwinden und so tun als ob nichts gewesen wäre. nachts hängen wir am strand ab und versuchen dort zu entspannen. erst am nächsten morgen erfahren wir mit relativer sicherheit, dass es wohl bei der einen toten geblieben ist.
Gerüchte gehen rum, dass die grossdemo des heutigen tages verboten wurde. jedenfalls fahren keine busse mehr und wir müssen die 1½ stunden ins zentrum zu fuss laufen. wir laufen an teilen der demo vorbei, alles scheint friedlich, ewig viele leute mit fahnen und transpis, viele ältere und relativ bürgerlich aussehende. in der parallelstrasse stehen aber schon die bullen mit einem grossaufgebot bereit. als wir am convergence center ankommen, ist der riot schon im vollen gange. die "gewaltfreien" demonstrantinnen biegen kurz vor der strassenschlacht in eine querstrasse ein, angst und panik steht ihnen ins gesicht geschrieben. vermummte, von denen einige versuchen den steinenachschub zu organisieren, werden von ordnerinnen des genoa social forums teilweise mit gewalt, z.b. schlägen ins gesicht, am betreten des geländes des konvergenzzentrums gehindert.
schlagartig attackiert die polizei, tränengas überall, die militanten müssen sich unter dem bullenansturm zurückziehen und spätestens jetzt gibt es keine unterscheidung mehr zwischen friedlichen und gewaltbereiten protestierenden mehr. vor dem tränengas und dem knüppel sind alle gleich. eine unvorstellbare massenpanik entsteht, hitze, schreie, die namen von "bezugsgruppen" werden gerufen, alle rennen um ihr leben. wir versuchen, wie vorher besprochen, eine 3 meter breite und 100 meter lange treppe hochzulaufen, tausende andere auch. wir stecken praktisch fest auf der treppe, die die ganze zeit über mit tränengas beschossen wird, ich huste, mir ist unglaublich heiß, die bilder verschwimmen, ich habe panische angst ohnmächtig zu werden und von den nachdrängenden überrannt zu werden, wir sind immer noch im ätzenden tränengasnebel und schaffen es irgendwie, nach oben zu kommen. luft! alle da. grosser schock, grosse erleichterung. die grosse demo ist damit zersprengt in viele kleine teile.
den ganzen tag über laufen wir kreuz und quer durch die innenstadt, irgendwann treffen wir auf einen mob der gerade neben einer kaputtierten tankstelle brennende barrikaden errichtet. gerüchte von einer unmittelbar bevorstehenden einkesselung bringen uns dazu, von dort zu verschwinden. wir kommen an einer großen halle vorbei, wo an der gegenüberliegenden seite ein strassenkampf tobt. ein mensch versucht über den von uns 50 meter entfernten zaun zu klettern und wird von 3 personen mit pistolen bedroht, sie schreien rum und sind offenbar kurz davor, abzudrücken. die klettererin zieht sich zurück. solche szenen, die normalerweise der schocker des jahres wären, gehen hier in der flut des (gewalt-)flims fast völlig unter und kommen erst (tage) später wieder hoch. nach einem kurzen abstecher zum zu dieser zeit noch idyllisch daliegenden indymedia-center treffen wir dann wieder am convergence center ein, wo wir den anderen teil unserer bezugsgruppe wiederfinden. nach 2 stunden heimmarsch kommen wir völlig ausgepowert im camp an. wir hauen uns was zu essen rein und hüpfen ins meer.
als wir um 1.30 uhr zurück ans camp kommen, erhalten wir einen anruf. das stadion carlini und das indymediacenter seien geräumt worden, im fernsehen sei die rede von 3 toten. viele leute im camp sind noch wach, diskussionen setzen ein, angst dass die totschlägerinnen auch noch zu uns kommen und uns wegprügeln. sollen wir uns wehren oder ergeben? die aufstellung einer nachtwache wird beschlossen. eine hat angst, im falle ihrer festnahme in die türkei abgeschoben zu werden. die stimmung ist knapp davor, in hysterie abzugleiten. wegen nichtigkeiten fangen die campbewohnerinnen an, sich zu beschimpfen und anzuschreien. zwischendurch bin ich auch fast soweit dass ich einfach losschreie, aber ich fang mich wieder und leg mich irgendwann gegen 4 uhr in den schlafsack. am nächsten morgen wache ich auf und die sonne strahlt vom himmel. das camp steht noch. alles kommt mir vor wie ein albtraum. aber carlo ist tot und die angst, die paranoia und die hasswut bleiben...
p.s. fragen die bleiben: wieso waren die bullen am Freitag bei dem zerstörungsmarsch 2 stunden lang nicht zu sehen?? wieso wurden die randaliererinnen am Freitag nicht aus dem hubschrauber mit tränengas beschossen, die friedliche attac-demo aber schon?? wollten die bullen nur die rote zone schützen und konnten keine kräfte mehr freimachen oder wurde die gewalt absichtlich zugelassen? inwieweit waren bullenprovokateure an den ausschreitungen beteiligt? wieso flog das tränengas erst, als wir an einer friedlichen demo ankamen? wieso haben die bullen nicht schon am Donnerstag das anarcha-camp geräumt, von dem bekannt war, dass sich dort militante aufhalten und mollies gebastelt werden? wieso wird der "black block" entweder als streng durchorganisierte, paramilitärische organisation dargestellt oder als von bullenprovokateuren und faschos durchsetzt?
indymedia.de 10.8.2001 - 03:45 Uhr
Ton Steine Scherben - Genua - Solidarität?!
Berlin-Neukölln, Hasenheide. Gerade ist hier im Freiluftkino die Premiere des neuen Film über die "Ton Steine Scherben" gelaufen. Die Stimmung war ausgelassen. Am Ende des Films war noch eine Diskussion, die verbliebenen Scherben waren auf der Bühne, ein mutiger Fragesteller fragte, ob sie nicht am 20., Global Action Day für Genua, Soli spielen würden für die Opfer von Genua.
Breiter Applaus im Publikum. Verlegen rannen die "Scherben" um Worte... "ich hab jetzt meinen terminkalender gerade nicht dabei"... ähm hüstel hüstel, ...dann kam endlich heraus, daß am selben Tag ein Konzert von einer "Nachfolgecombo" der Scherben sei (irgendwas mit Glas)... und unter peinlicher Sprachlosigkeit stammelte einer, das Geld, also der Erlös der Veranstaltung werde für die Opfer von Genua gespendet und mensch dürfe gerne mit Flugis etc. zum Konzert hinmobilisieren mit Bezug zu Genua...mal sehen, ob das Versprechen eingehalten wird... vielleicht kann mal noch jemand was posten, der auch da war und vielleicht aufmerksammer als ich *grins* also, hier bei den Kommentaren posten...
indymedia.de 10.8.2001 - 01:59 Uhr
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