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Hängematten e.V
Grünberger Str. 73
10245 Berlin
Tel. (0 30) 29 00 68 08
Fax (0 30) 29 44 97 71
haengematten@gmx.de
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/fels/laden/haengem.htm

Aufruf zu den Nulltariftagen
Aktionstage "Her mit dem schönen Leben" vom 14.-18. Mai 2001

Ein Gespenst geht um in den deutschen Medien. Der/die Arbeitslosen, als betrunkene Drückeberger, die obendrein noch "schwarz" arbeiten und sich mit allen Tricks dem Arbeitsmarkt entziehen. Wir wissen, daß die Realität anders aussieht.

Fast jede/jeder kennt den Behördenblues, das umständliche Ausfüllen unverständlicher Formulare, das Ziehen der Nummer, das Warten in der Schlange, das Prüfen der Anspruchsvoraussetzungen, das sich klein machen lassen, von irgendeinem Bürokraten, die ständige Drohung mit schlecht bezahlter Arbeit, immer verfügbar, allzeit bereit zu sein. Um diesen Zustand öffentlich zu machen, werden wir von den Hängematten eine Aktionswoche durchführen.

Um der Kontrolle und den Schikanen auf den Ämtern wirkungsvoll entgegenzutreten, reicht eine Chronik der Skandale bei weitem nicht mehr aus. Die kennen wir schon lange:

  • dem einen wird wegen eines unvollständigen Antrags das Geld vorenthalten
  • dem anderen wird die Sozi-Kohle ganz gestrichen, weil er oder sie sich geweigert hat, sogenannte zumutbare Arbeit anzunehmen

Wir heulen uns nicht am großen Schnupftuch der herrschenden Klasse aus und jammern über unser alltägliches Elend, winseln und betteln um eine Arbeit ganz gleich zu welchen Bedingungen. Wir führen unseren Kampf auch nicht darum, möglichst schnell wieder Arbeit um jeden Preis zu bekommen,

  • wo wir täglich 8 Stunden und mehr unser Leben verkaufen und trotzdem unsere Existenz davon nicht absichern können
  • wo durch Lärm, Gift, Hektik, Streß unsere Gesundheit, soweit wir sie noch haben, minimiert wird
  • wo wir von Vorgesetzten unterdrückt und schikaniert werden und wenn jene es nicht mehr tun, vollziehen wir die Unterdrückung selbst in der Konkurrenz untereinander
  • wo wir im Büro und in der Fabrik nur Rädchen im Getriebe sind
  • wo wir nach Feierabend durch den Berufsverkehr nach Hause hetzten, an der Kasse Schlange stehen, schnell noch den Haushalt machen, Kinder versorgen und uns in der Tagesschau alltäglich Hetze gegen Sozialschnorrer und Asylmißbrauch ansehen.

Keine Kraft mehr für eigene Gedanken, Gespräche, Aktivitäten und Schmusen, statt dessen Suff, Krach, Angst und Resignation, keine Lust zu gar nichts.

Wir haben keine Lust, gemäß der Forderung "Arbeit für alle" uns dem System "Lohnarbeit und Ausbeutung für alle" zu unterwerfen.

Denn wodurch erzielen Konzerne und ein Großteil aller Firmen die sichersten Profite?

Durch die Produktion von Atomstrom und Waffen, von Elektronik, die uns überwacht, von Chemie, die uns und unsere Umwelt vergiftet. Durch die Produktion von ungeheurem Konsummüll, den wir nicht brauchen. Die meiste Arbeit, die wir in diesem System leisten, dient dazu, uns selber zu vernichten, uns zu überwachen und uns auszubeuten. Uns in diese idiotischen Arbeit zu treiben, ist die Funktion der Ämter. Mit sinnlosem Bewerbungstraining, durch Wind um die Ecke schaufeln im Rahmen von ABM (Arbeitslosenbewegungsmaschine), über Integration durch Arbeit (IdA)-Programme, werden die Daumenschrauben des Arbeitszwangs immer weiter angezogen. Übrig bleibt das "bißchen", was uns als Hilfe zum Lebensunterhalt gewährt wird, als Arbeitslosengeld oder -hilfe, mit all den Auflagen und Beschränkungen, die nur dazu dienen, uns zu disziplinieren. Obwohl dieser Gesellschaft die Arbeit schon lange ausgegangen ist.

Die Sozialdemokraten, mit ihrem Kanzler Gerhard Schröder, haben seit ihrem Regierungsantritt den Kampf gegen die Armen, wie schon ihre VorgängerInnen aufgenommen. Profit wird im wesentlichen durch Spekulationskapital erzielt. Und damit geht es allen an den Kragen, die den Sozialetat in Anspruch nehmen, den Alten, Kranken Erwerbslosen, kinderreichen Familien. Man will diesen Klotz am Bein im Wettlauf auf dem Weltmarkt so schnell wie möglich abschütteln.

Gerhard Schröder ließ in einem Interview, das er der Bild-Zeitung am 6.4.2001 gab, durchblicken, daß es in Zukunft für die Arbeitslosen noch enger wird. Dort forderte er, daß die Arbeitsämter konsequenter gegen Erwerbslose, die eine annehmbare Stellung oder Schulungsmaßnahme nicht antreten, vorgehen sollen. "Wer arbeiten kann, aber nicht will", so der Kanzler, "kann nicht mit der Solidarität rechnen"; und er verkündete ausdrücklich: "Es gibt kein Recht auf Faulheit."

Damit es der Wirtschaft gut geht, im Kampf um Marktanteile an der Weltwirtschaft, wird keine Rücksicht mehr auf Moral (Waffenexporte), Solidarität (Lohnkonkurrenz), Kultur (Medientrivialität) und Zukunft (Ökologie) genommen. Das einzige, was zieht ist, daß die Politik sich den Gesetzen der globalisierten Ökonomie unterwirft. Doch selbst wenn immer mehr Straßen gebaut, immer mehr Waffen produziert, immer mehr Menschen flexibilisiert, Sozial- und Umweltstandards auf Weltniveau heruntergedrückt werden, sowie staatliche Subventionen in die Höhe geschraubt werden, um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern, nützt das nichts, denn der Kapitalismus ist dabei, immer mehr Lohnarbeit überflüssig zu machen. So ist z.B. in den USA, wo vor 25 Jahren noch 80% der erwerbsfähigen Bevölkerung im klassischen Sinne vollbeschäftigt waren, heute nur noch ein Drittel in diesem Sinne am Arbeit. Zwei Drittel müssen sich mit nicht existenzsichernden Arbeitsverhältnissen begnügen., auf dem Schattenmarkt, in prekären Arbeitsverhältnissen mit 2. und mehr Jobs ohne soziale Absicherung.

Diese Art von Arbeit akzeptieren wir ebensowenig, wie Arbeit als Strafe, die die Behörden ( Arbeits- und Sozialämter) gegen uns verhängen. Deshalb fordern wir ausreichendes Existenzgeld, 1500 DM plus Warmmiete. Die Abschaffung aller Gesetze, die der Einführung und Festschreibung des Arbeitszwanges dienen. Als Schritte in diese Richtung schlagen wir vor:

  • Einforderung der uns gesetzlich zustehenden Sozialbeiträge, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe, Wohngeld, Kuren, Krankengeld, ...
  • den Reichtum dort holen, wo er angesammelt ist, statt sich ausbeuten zu lassen
  • Nulltarif bei Verkehrsbetrieben

Die Aktionswoche soll ein Schritt in die Richtung sein, daß wir Widerstand leisten, gegen die unwürdigen Schikanen auf den Ämtern, gegen Videoüberwachung und Kontrolle, gegen Sozialabbau und Lohndumping. Und anfangen, damit uns endlich zu nehmen, was wir brauchen. Wir wollen, wie uns dies auch der Widerstand im Wendland gelehrt hat, nicht mehr länger als vereinzelte, isolierte, unterwürfige, arme Menschen, um ein besseres leben betteln, sondern mit allen, die ähnlich denken wie wir, gemeinsam kämpfen.

Beteiligt Euch an den Aktionstagen gegen die Residenzpflicht vom 17. - 19. Mai 2001 in Berlin.


Termine

Treffpunkt im Stadtteilladen Zielona Gora, Grünberger Straße 73 (Friedrichshain)

Freitag, 11.5.2001 um 20.00 Uhr
Diskussionsveranstaltung "Erwerbslosigkeit und Globalisierungskämpfe" - Sozialer Protest weltweit, Seattle, Prag, Nizza, Davos, ...

Montag, 14.5.2001 um 13.00 Uhr
Treff zur Aktionswoche

Montag, 14.5.2001 um 20.00 Uhr
Ost - West - Gespräche zum Thema Arbeit

Dienstag, 15.5.2001 um 9.00 Uhr
Treff zur Aktionswoche

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