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Quelle: junge Welt - 13.6.2001
»Kann passieren«
Hetzjagd der Berliner Polizei auf »Steinewerfer« brachte Unbeteiligten hinter Gitter.
Berliner Bürger tun gut daran, künftig einen Blick auf die Internetseite der Polizei zu werfen und sich genau zu überlegen, was sie anziehen, bevor sie das Haus verlassen. Bei mangelnder Vorsicht droht ein längrer Zwangsaufenthalt in einer Berliner Polizeizelle. Auf 4000 Plakaten, die in öffentlichen Einrichtungen im Stadtgebiet hängen und im Internet werden über 80 abgebildete Demonstrationsteilnehmer gesucht, die am 1. Mai Steine auf Polizisten geworfen haben sollen. Auch einige Medien sind sich nicht zu schade, diesen Aufruf zur wilden Denunziation zu unterstützen. Am vergangenen Samstag erfolgte, was zu erwarten war: Der 21jährige Sascha W. wurde vermeintlich identifiziert und saß acht Stunden lang im Polizeigewahrsam, bis die Beamten zur Kenntnis nehmen mußten, daß sie doch den falschen erwischt hatten.
Sascha W. wollte Samstag nachmittag am Frankfurter Tor für eine linke Nachrichtenagentur über eine Spaßdemo mit dem Motto »Werthebach for President« berichten. Die Polizei war mit ihrem Foto-Erinnerungsalbum gut vor Ort vertreten und sah sich die Demoteilnehmer besonders gründlich an. Sascha W. wurde schließlich in einen Polizeiwagen »gebeten« und erteilte bereitwillig Auskunft: Jawohl, er sei am 1. Mai als Journalist in Kreuzberg unterwegs gewesen. Und die rote Jacke eines bekanntes Sportartikelherstellers habe er eigentlich immer an. Dieses Geständnis wurde ihm zum Verhängnis, denn ein derartiges Kleidungstück nennt offenbar auch einer der gesuchten und abgebildeten »Gewalttäter« sein eigen. Zufrieden ob des Fahndungserfolges verfrachteten die Beamten Sascha W. ins Polizeihauptquartier nach Tempelhof. Dort wurde eine regelrechte Modenschau inszeniert. »Ich mußte mich drehen und meine Jacke öffnen und schließen«, so der falsche Steinewerfer gegenüber jW. Des öfteren hätten Beamte durch das Guckloch in seine Zelle gespäht. Am Abend wurde er zur Abteilung Staatsschutz gebracht - zuvor wurde er vorsichtshalber darauf aufmerksam gemacht, daß bei einem Fluchtversuch geschossen würde. Auch die Staatsschutzbeamten freuten sich über ihren Fang: W. wurde vermessen, fotografiert und mußte Fingerabdrücke abgeben. Selbst als der Polizei offenbar schon schwante, doch den Falschen gefangen zu haben, wurde die Zermürbungstaktik noch fortgesetzt: Fünf Minuten vor seiner Entlassung - acht Stunden nach der Festnahme - bekam er Bettwäsche in seine Zelle und die Information, er habe »keine Chance« auf baldige Freilassung.
Polizei-Pressesprecher Fläger meinte auf jW-Anfrage lakonisch: »So was kann passieren«. Das Foto sei halt nicht besonders scharf gewesen.. Das gilt allerdings für die meisten Abbildungen auf dem Fahndungsplakat. Die Polizei möchte indes »nicht in eine grundsätzliche Diskussion« über Sinn und Unsinn der Hetzjagd treten und verweist stolz darauf, man habe immerhin schon zehn Leute identifiziert, so solidarisch halte man offenbar auch in Kreuzberg nicht zusammen. Was der Polizeisprecher dabei vergaß: Von den zehn »Entlarvten« waren fünf bereits vor der Plakatfahndung identifiziert, weitere drei haben sich freiwillig gestellt.
Frank Brendle
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