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Quelle: Dresdner Neueste Nachrichten - 10.3.2001

Der Altar ist abgeräumt - Bernsdorf danach

Noch in diesem Monat Anklage gegen 15-jährigen Vietnamesen, der auf dem Weihnachtsmarkt einen Mann erstach.

Heidrun Hannusch

Ngyen Thung Dang handelt mit Pullovern, Hosen, Jacken und ist mit seinem Stand seit drei Monaten das erste Mal wieder auf dem Markt in Bernsdorf. Die Jahre vorher kam er fast jede Woche in den Ort zwischen Kamenz und Hoyerswerda. Dass er jetzt so eine lange Pause gemacht hat, lag nicht am Winterwetter.

Auch am 9. Dezember, als er das letzte Mal nach Bernsdorf kam, war das Wetter unangenehm. Aber das Geschäft ging trotzdem gut. Fast wäre es nur der kleine Zwischenfall mit der geklauten Jacke gewesen, weshalb er sich auch später an diesen Tag erinnern würde. Es war am Nachmittag. Einer von den "Glatzen", die schon am frühen Abend angetrunken auf den Markt krakeelt hatten, schnappte sich von Thung Dangs Stand eine Jacke und lief damit davon. Ohne zu bezahlen. "Meine Frau", so der Standbesitzer, "ist hinterher, und er hat die Jacke tatsächlich zurückgebracht". Am nächsten Tag erfuhr der Händler, dass der reuige Jackendieb tot ist. Dass er erstochen wurde von dem 15-jährigen vietnamesischen Jungen, den er gut gekannt hatte und dem er so etwas nie zugetraut hätte.

Seither sitzt der Jugendliche in Untersuchungshaft. Die Behörden versuchen herauszufinden, was wirklich passiert ist an diesem Tag auf dem Weihnachtsmarkt. Worum es ging während des Wortwechsels zwischen den drei Jugendlichen, die Zeugen als "Glatzen" beschreiben, und dem Sohn eines vietnamesischen Händlers. Und warum der Vietnamese danach nach Hause ging, zwei Messer geholt und zwei der anderen niedergestochen hat.

Nach Aussage von Hartmut Schindler, Sprecher der Bautzner Staatsanwaltschaft, sind die Ermittlungen in dem Fall inzwischen abgeschlossen. Es steht nur noch ein psychiatrisches Gutachten über den Schüler aus. Liegt das vor, könne Anklage erhoben werden. Schindler rechnet noch in diesem Monat damit. Dem Vietnamesen drohen bis zu zehn Jahre Jugendhaft.

Was das in Bernsdorf geändert hat? "Na nichts", sagt die Marktbesucherin Maria Schwärmer. Eine Antwort, die man immer wieder hört. Auch solche Sätze: "Jetztmuss endlich einmal Ruhe sein", wie ihn Franziska Kretschmar sagt. Die Kosmetikerin hatte neben ihrem Geschäft an der Bernsdorfer Durchgangsstraße einen Laden an eine vietnamesische Familie vermietet, die dort einen Asia-Imbiss betrieb. Die Rollläden sind geschlossen. Die Ladeninhaberin hat den Vietnamesen gekündigt. Sie sei von Rechten unter Druck gesetzt worden, wird in der Stadt gemunkelt. Die Frau will dazu nichts sagen. Diese vietnamesische Familie, so erzählt man, soll noch in der Stadt leben. Man spricht darüber, als seien die Leute in den Untergrund gegangen. Die anderen Vietnamesen hatten aus Furcht vor Racheakten wenige Tage nach der Tat den Ort verlassen. Es habe Tränen gegeben in den Klassen der vier vietnamesischen Schüler, die Hals über Kopf gegangen sind, erzählt die Deutschlehrerin Vera Unger. Der fünfte Vietnamese in der Mittelschule "Karl Liebknecht" ist der Täter gewesen. Ein stiller Junge, sagt die Lehrerin. Etwas jähzornig, meinen andere. Was beides gar nichts sagt.

Der Altar für das Opfer ist mittlerweile abgeräumt. Nur noch Reste von abgebrannten Kerzen erinnern auf der Türschwelle der einstigen Sparkassenfiliale, dass hier der 21-jährige Matthias Förster starb. Wochenlang war die Stelle eine Art Wallfahrtsort. Jene, die kamen um zu trauern, bezeichnen den Toten als Kameraden. Etwas weniger Vergängliches als Kerzen und Blumen wollen sie jetzt an der Stelle, eine Gedenktafel. Auf dem Grab des so überflüssig Gestorbenen stehen frische Blumen. Weggeräumt sind die Kränze, deren Schleifen die Pfarrerin Angelika Scholte-Reh noch vor der Bestattungsfeier abgeschnitten hat. 88, als Verschlüsselung für "Heil Hitler" habe drauf gestanden, ein Hakenkreuz. Auch die Enden des in einem Kranz integrierten Keltenkreuzes, das in der Rechtensymbolik für "White power" steht, hat sie gekappt.

Die Pfarrerin ist eine der wenigen im Ort, die sich offensiv mit dem Thema auseinandersetzt. In der Weihnachtspredigt hat sie dazu gesprochen, im Religionsunterricht am Hoyerswerdaer Gymnasium, in der jungen Gemeinde. Und auch sie hört immer wieder diesen Satz "Jetzt lassen sie es aber mal gut sein". Für die Bernsdorfer gibt es kein Regierungsprogramm, das ihnen hilft, mit dem ungeheuerlichen Vorfall fertig zu werden. Ein toter Jugendlicher, und einer, der mit der Tat sein Leben verpfuscht hat. Und noch dazu eine Täter-Opfer-Konstellation, die mit Klischees so gar nicht zu begreifen ist. Vergessen, verdrängen scheint da noch die beste Lösung. "Das es hier Rechte geben soll, habe ich nach der Geschichte auf dem Weihnachtsmarkt erst aus der Zeitung erfahren", sagt Margit Berndt. Auch das hört man immer wieder. Und auch im Fernsehen sieht man immer öfter jene, die man in Bernsdorf nie gesehen haben will. Seit dem 9. Dezember wissen Fernsehteams, wo sie garantiert fündig werden, wenn es um das Thema Rechtsextremismus im Osten geht.

In Bernsdorf fühlen sich die Rechten stark genug, ihre 88-T-Shirts in die Kamera zu halten. Jetzt erst recht.

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