Flüchtlingstreck auf Rädern Die Wagenburg Laster&Hänger wird von der Polizei durch die Stadt getrieben. Scheinschlag - Ausgabe 12/00 vom 14.12.2000 bis 25.1.2001
Laster & Hänger on tour [squat.net] - 13.12.2000
Das rollende Problem Die Wagenburg sucht einen Standort - Beamte müssen sie daran hindern Berliner Zeitung - 11.12.2000
Neubesetzung am Samstag durch Laster- und Hängerburg Polizei konnte durch beispielhaften Einsatz auch die 3. Besetzung in 2 Wochen räumen. [squat.net] - 11.12.2000
Berlin: Erich-Weinert-Str. besetzt und wieder geräumt Um 15.30 Uhr (3.12.00) haben wir, die Laster- & Hängerburg, das Gelände Erich-Weinert-Str. Ecke Prenzlauer Allee besetzt. [squat.net] - 4.12.2000
Drohende Räumung einer Wagenburg verhindert Berliner Zeitung - 4.12.2000
Scheinschlag - Ausgabe 12/00 vom 14.12.2000 bis 25.1.2001
Flüchtlingstreck auf Rädern
Die Wagenburg Laster&Hänger wird von der Polizei durch die Stadt getrieben.
Für ihre Wagenburg tun sie alles: Seit dem 26. November kämpfen die über zwanzig Bewohner der Laster&Hängerdarum, endlich den ihnen versprochenen neuen Stellplatz für ihre etwa 25 fantasievoll und handwerklich geschickt umgebauten Lkw und Anhänger zu bekommen. An diesem warmen Novembertag hatten die alternativen Mobilisten nach etwa vier Jahren wie vereinbart den alten Wagenplatz am Filmtheater am Friedrichshain freiwillig verlassen. Auf dem Gelände soll eine Seniorenresidenz entstehen (scheinschlag berichtete). Für die freiwillige Räumung erhielten die Bewohner 100000 Mark Entschädigung aber kein neues Gelände für ihre etwa zehn Jahre alte und in sich gewachsene Bauwagen-Gruppe.
Versprechen auf Weiterfahrt
Jetzt müssen sie mit spektakulären Neu-Besetzungen, langen Protest-Konvois durch die Innenstadt, einem Riesentransparent Bauwagenplätze bleiben an der Marienkirche und Unterschriftenaktionen das Überleben ihrer Kolonie verteidigen. Denn kaum waren die Laster&Hänger von ihrem alten Platz runter und auf die neue, selbst ausgesuchte Freifläche am Mauerpark rauf, rückte die Polizei mit schweren Räumbaggern, Abschleppwagen, Panzern und unzähligen Wannen an. In weitem Umkreis sperrten Streifenwagen die Straßen ab, eine Polizei-Flutlichtanlage leuchtete ab etwa halb zehn Uhr abends die Szenerie taghell aus. Gegen 23 Uhr rückten schließlich Beamte auf das Gelände vor und zerrten die Bewohner über Leitern vom Dach eines Wagens, auf dem sich alle versammelt hatten. Einige verletzten sich dabei. Am nächsten Morgen mussten die Bewohner ihre Wagen vom Platz fahren, ein Runder Tisch sollte die Zukunft klären. Doch die Beteiligten gingen ergebnislos aber mit vielen Versprechen im Raum auseinander. Kurz standen die Wagen danach am Velodrom, bis wieder die Polizei zur Weiterfahrt aufforderte.
Eine Sache des politischen Willens
Am Sonntag nun besetzten die Wagenburgler ein neues Grundstück in Prenzlauer Berg an einer malerischen Ruine mit romantisch verwildertem Garten. Ein Lagerfeuer wurde angezündet, eine Volxküche eröffnet und Musik aufgelegt. Doch ein Anwohner rief die Polizei, die dann wieder anrückte. Erst als die Bewohner und ihr engagierter Anwalt Moritz Heusinger den Bezirksbürgermeister Reinhard Kraetzer (SPD), Ralf Hirsch von der Senatsbauverwaltung und den PDS-Abgeordneten Bernd Holtfreter herantelefoniert hatten, wurde eilig nach einer Übergangslösung gesucht. Zwei Nächte hätte die Wagenburg auf einem Parkplatz an einer Autobahnzufahrt in Heinersdorf campen sollen. Doch die Bewohner lehnten ab und ließen sich von der Polizei vom Dach der Ruine tragen, wobei ein Polizist einem Bewohner grundlos auf den Hinterkopf schlug. Die anwesenden Politiker sagten schließlich gemeinsam zu, bei den Pankower Stadtgütern nach einem Platz für die Wagenburgler zu forschen. Die haben zwar Flächen, aber bisher nur nach Plätzen gesucht, die Wasser- und Stromanschluss haben, sagte Holtfreter, der seit langem im Gespräch mit den Wagenburglern ist. Ein Platz ist nur eine Sache des politischen Willens, meint Till als ein Sprecher der Gruppe.
Handschriften der Innensenatoren
Doch trotz aller Verhandlungszusagen auf Bezirksebene ist die politische Strategie des Senats klar: Keine neuen Wagenburgen zuzulassen, und wenn alten der Platz entzogen wird, möglichst keine Alternativen anbieten. Das Ende ist dann in der Regel ein Fall für die Polizei. So auch diesmal. Der Art des Einsatzes trägt deutlich die Handschrift von Innensenator Eckart Werthebach (CDU), dem Ex-Verfassungsschutzpräsidenten. Bei seinem Vorgänger Jörg Schönbohm (CDU), dem Ex-General und heutigen Innenminister von Brandenburg, wäre die Sache so gelaufen: Die Wagenburg hätte einen Platz neu besetzt und die Polizei hätte mit viel Gewalt und Personal hart geräumt, die Wagen beschlagnahmt und möglicherweise verschrottet. Werthebach fährt da einen anderen Film: Der gelernte Geheimdienstler setzt hier auf Zermürbungstaktik und Zeit. Außerdem wittert er hier noch kein Thema, wo er sich politisch profilieren könnte.
Strich durch die Taktik
So beobachten Streifenwagen fast rund um die Uhr die einzeln parkenden Lkw, kontrollieren die Bewohner immer wieder, observieren sie beim Einkaufen. Wollen Bewohner zum Arbeiten oder mit ihrem Wagen wegfahren, müssen sie genau sagen, wohin sie fahren. Kontrolle total. Das heißt nicht, dass alle Polizisten bei Einsätzen vor Ort unfreundlich wären schließlich kennt man sich und hat schon gesprochen. Was soll dann diese Mega-Überwachung? Schritt für Schritt sollen die Wageburgler zum Aufgeben getrieben oder ein Vorwand gefunden werden, schrittweise die Wagen aus dem Verkehr zu ziehen. Doch das stark gestiegene öffentliche Interesse an den kreativen, humorvollen, aber auch entschlossenen Bewohnern machte diesen Plänen erstmal einen Strich durch die Rechnung. Denn die Medien reagierten bisher überwiegend freundlich. Nun irren die Wagenburgler schon über eine Woche heimatlos durch Berlin ein Leben unter Polizeischutz.
Dabei kann dieser Konflikt nur durch ein Umdenken auf Senatsebene politisch gelöst werden zu selbstverständlich müssten die heute teilweise schon über zehn Jahre alten Wagenburgen in dieser Metropole zum Gesamtbild dazugehören. Ähnlich wie Hausboote, Datschen oder Dauer-Campingplätze sollten auch Wagenburgen heute als urbane Realität und Alternative angesehen werden. Niemand kann behaupten, dass in einer Stadt mit dreieinhalb Millionen Einwohnern nicht 4000 Quadratmeter Platz für 25 Wagenburgler wäre!
Thorsten John
Die Ereignisse der letzten Tage um die Laster- und Hängerburg (ehemals Am Friedrichshain 16-18) sind bei www.squat.net nachzulesen. Wer Interesse hat, sollte auf der Mainpage search anklicken und dann die Begriffe Gleimstr. oder Laster & Hängerburg oder Erich Weinertstr. eingeben.
[squat.net] - 13.12.2000
Laster & Hänger on tour
Bullen bewachen jetzt öffentliche Parkplätze damit bloss keiner von uns drauffährt. In den letzten Tagen haben sich mehrere Leute von uns auf den Parkplatz zwischen Prenzlauer Allee und Greifswalderstr., direkt hinterm Ibis Hotel, gestellt. Jetzt fangen die Cops auch dort an, zu nerven.
Die beiden Einfahrten sind durch kleine grün-weisse Ekelpacks versperrt und drauf kommt nur, wer ihnen genehm ist. Mehrere Personen wurden schon daran gehindert auf den Parkplatz zu fahren, mit der Begründung dieser Parkplatz wäre nicht für Lkw´s zugelassen. Wer aber öfter da vorbeiläuft, der wird wissen das mindesten die Hälfte der Stellfläche immer von Firmen-Lkw´s zugeparkt ist. Nachdem 3 Fahrzeuge die da nicht parken durften, zum wilden Parkplatz an der Straße am Friedrichshain (direkt neben unserem alten Gelände) gefahren sind, sind sie dann da aufgetaucht und haben rumgenervt.
Nach einer etwa einstündigen diskussion waren die Bullen dann bereit uns am Schleusenufer in X-Berg für eine Nacht stehen zu lassen. Von 2 Zivikarren (B-HM 9078 und B-HL 8159) begleitet, fuhren wir dorthin. Mittlerweile war es 2.15 uhr nachts. Dort guckten die Bullen noch kurz, dass wir auch ganz bestimmt ordnungsgemäß parken und verdrückten sich dann wieder.
Ungefähr 5 minuten später kam ein Sixpack mit einem ziemlich auf agro rumsabbelnden Cop und seiner Truller an. Die beiden notierten sich die Autonummern und meinten, das wäre nicht o.k. und sie wären von der zuständigen Direktion und die Bullen von vorher hätten in diesem Bezirk eh nichts zu sagen. Auf freundlich aber bestimmte Art wurde den Beiden dann erkärt, das wir hier übernachten werden. Aus basta.... der Bulle meinte nicht viel dazu, ausser das man morgen tagsüber bestimmt noch eine Ansage ihrerseits bekommen würde. Dann sind sie abgedampft.
Schön langsam wirds ein bisschen nervig mit den Spacken, aber sie tun halt auch nur ihren Job. Sie sind doch auch nur die Sündenböcke für das, was die Politik verpeilt. Das ist das, was man von den Cops so zu hören kriegt, wenn man mal an ihre Menschlichkeit und Toleranz apelliert. Das sie nicht die Sündenböcke der Politik, sondern das blöde Fußvolk der Mächtigen sind, welches losgeschickt wird, damit sich Leute wie Diepgen, Werthebach und Co. nicht die Hände schmutzig machen, darauf - glaub ich - kommen die nie.
So, liebe Freunde des Wagenburg-Blues: Bis bald und immer schön den zivilen Ungehorsam praktizieren.
Berliner Zeitung - 11.12.2000
Das rollende Problem
Die Wagenburg sucht einen Standort - Beamte müssen sie daran hindern
M. Prellberg und A. Mühle
Manni klopft an die Tür. Die Mütze hat er weit über die Ohren gezogen, die dicke Jacke bleibt zugeknöpft. Er muss auch gleich wieder los. Sein Wagen steht jetzt am Schleusenufer, will er nur kurz sagen, "direkt an der Spree, mit Blick auf den Fernsehturm". Aber dunkel ist es dort, und einsam. Ob Winnie nicht dazukommen will. "Platz genug gibt es." Winnie sagt, er werde es sich überlegen. Er weiß: Wenn er seinen Wagen zum Schleusenufer lenkt, gibt es Probleme. Dann klopft nicht nur Manni, sondern auch die Polizei. Deren "Wanne" steht nämlich auch dort. Die Beamten werden sagen, dass Winnie da nicht stehen bleiben darf. Sie werden sagen, dass er dort nicht schlafen darf. Falls sie den Befehl dazu bekommen haben, werden sie seinen Wagen durchsuchen.
Seit zehn Tagen folgt Manni ein Transporter mit fünf Polizisten. Auch Winnie wird so betreut, genauso wie Till, Zitrone, Claudi, Elektra, Sina und die anderen, die zur Wagenburg am Friedrichshain gehörten. Dort mussten sie weg. Seitdem suchen sie einen neuen Standplatz. Sie müssten ihre staatlichen Beobachter schon austricksen, um einen zu finden. So wie am Sonnabend, als sie vier Bauwagen am Senefelderplatz abstellten. So wie zuvor an der Gleim-, der Köpenicker- und auch an der Erich-Weinert-Straße. Was dort passierte, gilt Polizei-intern als Fiasko: Innerhalb von fünf Minuten rollten zehn eigentlich überwachte Wagen auf das Gelände des verfallenen ehemaligen Feierabendheims. Die Polizei war übertölpelt worden. "Wie habt Ihr das bloß wieder gemacht?" fragt eine Polizistin kopfschüttelnd. Eine Antwort erhält sie nicht. "Man kann auch mal auf Umwegen zum Einkaufen fahren", deutet Skinny an. Die Polizistin winkt ab, sie will gar nicht mehr hören. "Vielleicht trinken wir mal ein Bier, wenn die Sache hier vorbei ist", sagt sie scherzhaft.
Die Atmosphäre war entspannt. Zu entspannt, entschied eine höhere Dienststelle und tauschte die Beamten aus. "Wenn man die ganze Zeit miteinander zu tun hat, kommt man schon mal ins Gespräch", sagt Winnie. Sympathie unter Vorbehalt, denn wenn der Befehl zum Räumen kommt, dann wird geräumt.
Die Besetzer lassen das ohne Widerstand zu. Sie wollen "die Guten" sein. So lautet ihre Strategie, denn sie müssen etwas tun für das Image der Rollheimer. Das ist schlecht, seit die Polizei 1995 die Wagenburg an der East Side Gallery geräumt hat, die in Müll erstickte. Wo Junkies aus den Wagen heraus Heroin verkauften. Vergeblich weist Till darauf hin, dass es während der vier Jahre am Friedrichshain überhaupt keine Probleme gegeben habe. Till ist ein geschickter Redner, aber die Vorbehalte gegenüber verwegenen Gestalten mit bunt gefärbten Dreadlocks und wild gepiercten Gesichtern kann er nicht wegdiskutieren. Polizei und Behörden lassen sich darauf auch gar nicht ein. Die argumentieren formal und ziehen sich auf einen Beschluss zurück, den der Berliner Senat vor drei Jahren gefasst hat: "Für Wagenburgen, die aufgelöst werden müssen, werden keine Ersatzstellplätze geschaffen und angeboten."
An diese "Berliner Linie" hält sich auch der Bürgermeister von Prenzlauer Berg, Reinhard Kraetzer (SPD). Er kann auf Zeit spielen, denn in drei Wochen scheidet er dank der Bezirksfusion aus dem Amt. Und sein Nachfolger Alex Lubawinski (SPD) wehrt ab: Er mischt sich in nichts ein, wofür er noch nicht zuständig ist.
Die Frauen und Männer der "Laster- und Hängerburg" wollen bis Januar im Gespräch bleiben. Deshalb stellten sie am Sonnabend vier Bauwagen auf die Brache am Senefelderplatz. Wohnen wollte dort keiner. Sie sagen, es sei nur um eines gegangen. Zu demonstrieren: Wir sind noch da. Und wir bleiben ein Problem.
[squat.net] - 11.12.2000
Neubesetzung am Samstag durch Laster- und Hängerburg
Samstag 09.12.00
Polizei konnte durch beispielhaften Einsatz auch die 3. Besetzung in 2 Wochen räumen.
Anhänger der Wagenszene hatten um ca. 14.30 Uhr 4 Bauwagen auf dem leeren Grundstück Kollwitzstr./Belforterstr. abgestellt und etwa 100 Unterstützer/innen mobilisiert. Wie die 4 Bauwägen, welche in der Szene völlig unbekannt waren, auf das Gelände kamen, ist immer noch ungeklärt, da keine Zugmaschinen zu sehen waren. Es wurden Transparente aufgehängt, die Wägen waren mit Parolen besprüht, wie "Laster- & Hängerburg bleibt". Auch wurde sofort ein Feuer gemacht und es gab Volksküche. Aber nur für die Guten.:-)
Die Cops, schnell wie sie sind, waren auch bald zur Stelle, hatten heute aber wohl kleine Personalprobleme, da sie erstmal mit nur etwa 40 Leuten blöd in der Gegend rumstanden und gafften. Buisness as usual also. Irgendwann wollten sie dann wieder wissen, wer der Besitzer des Geländes ist und wenn wir kein Schriftstück von ihm haben, dann würden sie erstmal nach ASOG räumen. Als gegen 16.30 Uhr dann genügend Bullen da waren, fingen sie auch sofort an, freundlich wie sie sind, die ersten Leute zu ihren Autos zu bitten.
Inzwischen waren schon einige Leute freiwillig vom Gelände gegangen. Es waren aber immer noch ca.40 Leute auf dem Gelände. Diese versuchten nun an einem der Ausgänge rauszukommen und eine Spontandemo zu starten. Angeführt von einem Transparent und einem Kinderwagensoundsystem, welches schon die ganze Zeit für die muskalische Unterhaltung verantwortlich war, gingen die Menschen auf die Bullen zu, die ihnen den Weg versperrten. Diese jedoch fingen sofort an, die Leute in einem beispielhaften Einsatz :-) wieder auf´s Gelände zurückzustossen. Einige Aktivisten konnten sich aber durch gekonnte Manöver verdrücken. 2 Leute wurden festgenommen wegen Hausfriedensbruch und Widerstand gegen Vollzugstrampel. Beide waren einfach nur gegen die im Weg stehenden Bullen gelaufen, woraufhin diese sich gleich zu dritt oder viert auf sie drauf warfen und sie auf den Boden drückten. Die beiden sind aber zum Glück schon wieder auf freiem Fuss, wurden zur ED-Behandlung jedoch nach Hohenschönhausen gebracht. Nachdem die Cops bei allen Beteiligten die Personalien festgestellt hatten, wurde jedem noch ein Platzverweis ausgesprochen. Kurz danach kamen die Bullen dann mit Gerätewagen und Kranwägen an, um die Hänger vom Gelände zu bringen.
Was mit den Hängern weiterhin passiert, ist unklar, wahrscheinlich werden sie vernichtet. Wieder einmal haben die Cops ihre scheiss Berliner Linie durchgesetzt, aber wieder einmal waren sie auch zu spät, um die Besetzung zu verhindern. Ob da wohl irgendwas mit der Koordination nicht stimmt?
Liebe Leute, nicht unterkriegen lassen!!! Irgendwann werden sie alle an ihren scheiss Prinzipien ersticken!!!
[squat.net] - 4.12.2000
Berlin: Erich-Weinert-Str. besetzt und wieder geräumt
3.12.00
Um 15.30 Uhr haben wir, die Laster- & Hängerburg, das Gelände Erich-Weinert-Str. Ecke Prenzlauer Allee besetzt.
Wir haben uns bewusst dieses Grundstück ausgesucht, da der Bezirk Prenzlauer Berg immer wieder beteuert hat, es gäbe kein freies Gelände im Bezirk. Wie wir aber in Erfahrung bringen konnten, hat die Verwaltung P-berg dieses Gelände unter Beschlag.
Etwa 40-50 Unterstützer/innen, etliche Journalisten und 9 unserer Fahrzeuge waren innerhalb von 10 Minuten auf dem Grundstück. Die Bullen tauchten nach ca. 25-30 Minuten auf. Erstmal fuhren die Cops mit etwa 3 kleinen Transportern und Blaulicht am Gelände vorbei, hatten aber dann recht schnell bemerkt wo wir waren. Nachdem etwa 50 Bullen aufgetaucht waren, trauten sie sich auch zu uns. Unsere Leute informierten sofort Ralf Hirsch (Senat für Soziale Stadt) und Bezirksbürgermeister Reinhard Krätzer. Ausserdem wurden die Fraktionsvorsitzenden der BVV angerufen. Die ersten beiden kamen nach ca. 20 Minuten zur Besetzung und verhandelten mit der Polizei. Dabei kam heraus, dass das Grundstück unter Verwaltung von Finanzstadtrat Scholz (PDS) ist. Dieser wollte jedoch keine Duldung für uns aussprechen. Auch Reinhard Krätzer lehnte es ab, sich sofort mit den anderen Stadträten zu beraten. Die Polizei drohte uns mit der Räumung des Geländes. Dies war um ca. 17.00 Uhr. Auch weitere Verhandlungen brachten nicht das gewünschte Ergebnis. Herr Knape (Direktionsleiter Dir7) und Herr Patermann (Führer der Hundertschaft) waren auch die ganze Zeit vor Ort und versuchten auf uns einzuwirken, dass wir freiwillig das Gelände verlassen und die Fahrzeuge mitnehmen. Der Bürgermeister hat seinen Kollegen in Pankow angerufen, welcher sich spontan bereit erklärte, uns für zwei Tage auf dem park+ride-Parkplatz Pankow Heinersdorf zu dulden. Dies wurde nach einem kurzen Plenum von uns abgelehnt.
Darauf fing die Polizei an, die Räumung vorzubereiten. Als erstes wurden die Unterstützer/innen von der Polizei vom Gelände verwiesen, natürlich nur mit Passkontrolle. Herr Krätzer sicherte uns zu, dass Leute, die freiwillig gehen, keine Angst vor einer Strafanzeige haben müssen.
Die Bewohner und ein paar Unterstützer/innen, die sich schnell genug auf das Dach eines Gebäudes retten konnten, hatten erstmal Glück. Mittlerweile war es auch schon richtig grün. Die Leute auf dem Dach des Hauses blieben dort oben und sagten ganz klar, dass sie hier nicht freiwillig runtergehen. Herr Patermann machte uns darauf aufmerksam, dass alle, die von den Bullen vom Dach geholt werden, mit Anzeigen zu rechnen haben. :-) Überhaupt nicht ans Aufgeben denkend, fingen alle auf dem Dach an Lieder zu singen und "Keine Gewalt!" zu rufen, da die Cops mittlerweile begannen, aufs Dach zu klettern. Einige Leute wurden sehr unsanft abgeführt, eine Frau wurde im Schwitzkasten von irgendeinem grünen Macker vom Gelände gebracht, und einer der Wagenbewohner wurde mit einem Schlag auf den Kopf traktiert. In wieweit diese Leute Verletzungen zuzogen, kann ich leider nicht sagen.
Während dieser Aktion war eine Person ständig in Kontakt mit der Einsatzleitung und Herr Hirsch. Wir haben immer wieder beteuert, dass wir auf alle Fälle an weiteren Verhandlungen am runden Tisch festhalten wollen. Auf eine Anfrage, was mit den Autos passiert, entgegnete Herr Knape, dass diese bereits jetzt sichergestellt seien, morgens um 8 Uhr würden sie mit dem Abtransport beginnen und sie auf ein Gelände ausserhalb der Stadt verbracht werden. Die Autos würden wir auch nur wiederbekommen, wenn wir die Kosten für den Abtransport bezahlen würden. Ausserdem würde jedes Auto einer verkehrstechnischen Prüfung unterzogen werden. Nach einer kurzen Verhandlung mit den Einsatzleitern räumten uns diese ein, dass wenn der letzte von uns von der Personalienfeststellung kommt, hätten wir noch zehn Minuten Zeit uns zu beraten, ob wir die Autos nicht doch selbst vom Gelände fahren wollen. Wir entschieden uns die Autos mitzunehnehmen, da dies unsere Wohnungen sind und sich bei den meisten ihr ganze Habe darin befand.
Zwischenzeitlich hatten sich aber schon ein paar Grüne an das Verschliessen der Autos gemacht, welche etwas abseits in einer hinteren Ecke des Geländes befanden. Dabei wurde zum Beispiel der Transporter mit dem Generator verschlossen, während das Ding noch lief. Wenn man das Auto von aussen anfasste, war es schon handwarm, beim Öffnen der Tür kam erstmal eine dicke, fette Abgaswolke raus. Auch der Generator rotierte auf der Suche nach Frischluft so vor sich hin. Gegen ca 21.00 Uhr verließen wir das Gelände, mit der Weisung, uns ordnungsgemäß im Strassenverkehr abzuparken. Jeder von uns hatte mal wieder seinen eigenen Begleiter mit bei, manche auch ganze Mannschaftswägen. Diese wurden im Lauf der Nacht dann von Zivis abgelöst.
Man kann sich nun echt mal fragen, ob das alles Schikane ist oder ob die Polizeiführung wirklich richtig Schiss davor hat, dass wir anderen Gruppen aufzeigen, dass es immer noch geht Gelände und Häuser zu besetzen. Die Bullen können uns alle nicht daran hindern, sie können nur darauf reagieren aber irgendwann wirds echt lächerlich.
Also fleißig weiterkämpfen liebe leute...
Zur Polizei ist zu sagen, das wir den Eindruck haben, dass die schön langsam auch keinen Bock mehr haben, sich um uns zu kümmern, da es für uns eine politische Lösung geben muss. Wir müssen also weiterhin an runden Tischen mit Politikern verhandeln, um zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen. Dies wird von den im Moment Mächtigen immer wieder aufgehalten, da komischerweise immer jemand anders zuständig ist, und einer die Sache dem anderen in die Schuhe schiebt. Dies geht nun schon seit Monaten so. Jetzt ist auch der Zeitpunkt gekommen, dass sie sich auch überlegen an unsere Autos zu gehen. Gestern gings nochmal gut, aber wenn ihr uns wirklich obdachlos machen wollt im Winter, dann bitte nur voran... Wir können auch anders... Berlin bleibt bunt... für Vielfalt und Kommunikation...
Vielen Dank an die Unterstützer/innen, welche uns zu helfen versuchten - wir hoffen, ihr bekommt keinen fetten Stress wegen uns, wenn das aber doch so sein sollte, dann setzt euch bitte mit uns in Verbindung. lasterundhaengerburg@gmx.de
Noch eine letzte Bitte an alle, die sich hier bei [squat.net] Infos ziehen: wenn ihr irgendwas beobachtet in puncto Bullenübergriffe, Besetzung und dergleichen, schreibt Gedächtnisprotokolle und setzt sie über [squat.net] ins netz. Information ist wichtig! Ausserdem könnt ihr euch das immer wieder abrufen, wenn ihr das mal braucht. Vielen Dank auch [squat.net], dass ihr uns dieses Forum hier bietet.
watch out for news and actions...
Berliner Zeitung - 4.12.2000
Drohende Räumung einer Wagenburg verhindert
Die polizeiliche Räumung einer Wagenburg an der Erich-Weinert-Straße konnte am Sonntagabend abgewendet werden. Die 25 Rollheimer, die zuvor jahrelang an der Straße Am Friedrichshain ihren Stellplatz hatten, verließen das Gelände freiwillig und parkten ihre Lastwagen an verschiedenen Orten in der Innenstadt. Sie waren am Nachmittag auf den Platz am ehemaligem Feierabendheim gefahren. "Die Eigentumsverhältnisse sind nicht geklärt, der Platz muss geräumt werden", sagte Bezirksbürgermeister Reinhard Kraetzer (SPD). Er bot für zwei Nächte den Parkplatz am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf an. Rollheimer-Sprecher Till Petrus lehnte dies ab: "Wir wollen mit dem Bezirksparlament eine demokratische Lösung finden und lassen uns nicht ans Ende der Welt bringen." (müh.)
|