Platz für die Gäste Gefährliche Orte CXVII: Statt der Wagenburg schmücken bald ein Hotel und ein Seniorenwohnheim den Platz hinter dem Filmtheater Friedrichshain. Nur noch zwei Wochen bleiben den Bewohnern, das Gelände zu räumen. Jungle World - 27.9.2000
Bauwagen statt Bausparen Wagenburg Bötzowstraße bedroht Baugenehmigung für Hotel in Kürze Scheinschlag - Ausgabe 08/00 vom 30.8. bis 20.9.2000
Jungle World - 27.9.2000
Platz für die Gäste
Gefährliche Orte CXVII: Statt der Wagenburg schmücken bald ein Hotel und ein Seniorenwohnheim den Platz hinter dem Filmtheater Friedrichshain. Nur noch zwei Wochen bleiben den Bewohnern, das Gelände zu räumen.
von jan brandt
»Laster- und Hängerburg« steht auf dem gelben Postkasten am Eingang. Ein Zaun mit bunten Urwaldmotiven umgibt das Grundstück, auf dem einige Möbel-, Bauwagen und Anhänger einen Kreis bilden. Alles, was die Bewohner der Wagenburg in der Nähe des Volksparks Friedrichshain besitzen, befindet sich in diesen Fahrzeugen. Man könnte meinen, sie sind jederzeit abfahrbereit - und einige Bewohnerinnen meinen das auch tatsächlich.
»Manche Menschen halten uns für Zigeuner«, sagt die 34jährige Elektra. Vor vier Jahren zog sie mit dem Trecker und ihrem Wohnwagen von Tübingen nach Berlin. Mehrere Tage hat die Fahrt gedauert. Zuerst hat sie in einer Wohnung gelebt, aber »das war schrecklich«. Sie wollte »Eigentum statt Miete« und »schöner wohnen in einem gut ausgestattete Wohnwagen«. Schließlich fand sie den Platz im Stadtteil Prenzlauer Berg.
Ihr rosafarbener Wohnwagen ist umwachsen von Bäumen und Sträuchern. Das von ihr entwickelte »Elektrad« lehnt am Treppengeländer, der Vorderreifen ist platt, aber ansonsten funktioniert das Fahrrad, das von einem alten Xerox-Motor angetrieben wird. Eine Serienfertigung hat sie nie angestrebt, sodass es beim Prototyp geblieben ist. Viel wichtiger sei ihr auch das Schreiben, sagt sie und macht die Tür auf. Drinnen im Wagen ist es dunkel, an der einen Seite steht das Bett, nebenan liegt der Werkraum, in dem sie Photovoltaik-Anlagen herstellt. »Ich räume nicht gerne auf«, erklärt sie und beginnt, die Kataloge von Conrad-Elektronik vom Tisch zu nehmen. Nur die rote Rose in der Multivitaminsaftflasche bleibt stehen.
»Ich bin Elektrikerin«, sagt Elektra, »aber eigentlich möchte ich die Leute mit meinen Sätzen verhexen.« Sie holt ihr Notebook heraus, das nur fünf Watt verbraucht, sodass sie auch bei schlechtem Wetter schreiben kann. Gerade ist ihr erstes Buch »Die Philosophie der Extase« fertig geworden. Worum es geht, ist auf ihrer Website www.reclaim-your-brain.de nachzulesen: »Wir sind humanoide Lebewesen auf der Basis von Kohlenstoffatomen. Wir leben hier auf einem Planeten mit lauter Schizophrenen, ganz weit draußen in einem unbedeutenden Spiralarm einer völlig aus der Mode gekommenen Galaxis ... Wer rettet die Welt vor dem Wahn der Menschen? Ganz klar: Wir sind es!«
Seit zehn Tagen ist sie mit ihrer Website online und bisher hat niemand das Buch bestellt. Wenn sie nicht gerade schreibt oder an irgendwelchen Schaltungen herumbastelt, tritt sie als Kabarettistin auf, aber bald wird sie sich um den Umzug kümmern müssen, denn die Investorengruppe Ebertz und Partner aus Köln will auf dem 6.600 Quadratmeter großen Grundstück am Filmtheater Friedrichshain ein Hotel und Seniorenwohnungen errichten. Nebenan ist schon mit dem Bau von »zwölf attraktiven Eigentumswohnungen« begonnen worden.
Anfang des Jahres hatten die Bewohner der Wagenburg die Mitteilung bekommen, dass im Sommer mit den Bauvorbereitungen gerechnet werden müsste. Sie bereiteten sich auf eine baldige Räumung vor und veranstalteten Parties zu den Terminen, an denen das Grundstück vermessen werden sollte. Aber niemand kam.
Dann passierte eine Weile gar nichts, bis Baustadträtin Dorothee Dubrau (Bündnis 90/Grüne) Vertreter der Investoren und Wagenburgler für Mitte September zu einem Runden Tisch ins Bezirksamt Prenzlauer Berg einlud.
Am Morgen vor der Verhandlung treffen sich die Bewohner auf dem Platz noch einmal zum Frühstück. Sie sitzen auf Holzbänken um ein Lagerfeuer. »Dass wir abziehen, wird als Selbstverständlichkeit angesehen«, sagt einer. »Aber niemand stellt die richtigen Fragen: Wozu brauchen wir dieses Hotel? Und wozu brauchen Senioren teure Seniorenwohnungen?« Der Bezirk hatte schon vor Jahren ähnliche Fragen gestellt und damals sein Veto gegen das Bauvorhaben eingelegt. Erst als der Investor sich bereit erklärte, den Anteil der Wohnungen zu erhöhen und den Hotelbereich zu verkleinern, zog die Verwaltung ihre Einwände zurück.
Kurz vor zehn Uhr macht sich Elektra mit ihren Mitbewohnern auf, die Wagenburg zu retten. Die meisten fahren mit dem Fahrrad zum Bezirksamt. Der runde Tisch ist in Wirklichkeit rechteckig, und weiter könnten die beiden Parteien nicht voneinander entfernt sitzen. Auf der einen Seite hat Baustadträtin Dubrau zusammen mit dem Vertreter der Investoren, Uwe Mikrikow, Platz genommen, auf der anderen Seite sitzen die Bewohner, die sich als Verein »Menschen in äußerster Erregung« vorstellen.
Dazwischen sitzt der Anwalt der Wagenburgler, Moritz Heusinger. »Unsere Hoffnung«, wie Elektra sagt. Und weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen, lassen sie ihren Anwalt sprechen. Er hält es für »extrem problematisch, in so kurzer Zeit ein neues Grundstück zu finden«, und sagt, dass es hier »um Menschen geht und eine Lebensidee, die Akzeptanz braucht und verdient«.
Doch den Investoren-Repräsentanten Mikrikow interessiert das nicht. Ihm kann es mit dem Abzug der Wagenburg gar nicht schnell genug gehen und gibt den Wagenburglern vierzehn Tage. »Zwei Wochen«, sagt er noch einmal, hebt den linken Arm und spreizt Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen.
Dann zählt Mikrikow auf, was alles getan werden muss. Er redet von Erdarbeiten und Grundstückssicherung, von Baustelleneinrichtung und Baumfällung. Der anwesende Bauingenieur sieht das anders. Er spricht von infrastrukturellen Maßnahmen und meint, dass Bewohner und Bauarbeiter eine Weile koexistieren könnten. »Aber dann kommt ein Zeitpunkt, nennen wir den mal Stunde Null, da müssen wir uns voneinander trennen.«
Die Stunde Null kommt schneller, als die Wagenburgler das gedacht hätten. »Heute gibt's eine Lösung, und wenn's 'ne Marathonsitzung wird«, erklärt Mikrikow und bittet den Rechtsanwalt heraus zum Gespräch. Als sie zurück in den Raum kommen, ist der Deal perfekt: Auch wenn Sozialstadträtin Ines Saager (CDU) den Seniorenbereich weiterhin für überflüssig hält, werden Hotel und Seniorenheim nun gebaut.
Auch die Wagenburgler verpflichten sich, das Grundstück innerhalb von vier Wochen zu räumen.Die Eigentümer zahlen 45.000 Mark an die Bewohner - als Pacht für eine Ersatzfläche.
Wohin es geht, ist noch nicht klar, nur im Prenzlauer Berg könne die Wagenburg nicht bleiben, so Baustadträtin Dubrau. Von diesem Stadtteil möchten sich die Bewohner aber nicht so schnell verabschieden und kündigen an, trotzdem hier auf Alternativstandortsuche zu gehen. Nach Ablauf der Frist wird Elektra ihren Wagen wieder hinter den blauen Trecker spannen und losfahren. Nur wird die Fahrt diesmal nicht vier Tage dauern.
Scheinschlag - Ausgabe 08/00 vom 30.8. bis 20.9.2000
Bauwagen statt Bausparen
Wagenburg Bötzowstraße bedroht Baugenehmigung für Hotel in Kürze
Wagenburgen in Berliner Innenstadtbezirken gibt es die überhaupt noch? Der Berliner CDU/SPD-Senat fasste nach der Räumung der Wagenburg an der East Side Gallery im Juli 1996 den Beschluss, alle innerstädtischen Wagenburgen bis Ende 1997 zu räumen. Der Senatsbeschluss enthält die haarsträubende Begründung, "dass Wagenburgen keine Problemlösung für die dort lebenden Bewohner mit dem Ziel der gesellschaftlichen Reintegration darstellen". Seitdem werden Wagenburgen im Berliner Innenstadtbereich von den Behörden nur noch widerwillig geduldet.
So auch im Bezirk Prenzlauer Berg an der Ecke Am Friedrichshain/Bötzowstraße. Mitten auf einem Brachgrundstück neben dem Filmtheater am Friedrichshain und direkt gegenüber dem Volkspark Friedrichshain leben im Moment 20 bis 25 Menschen in ihren oft liebevoll ausgebauten Bauwagen und Wohnmobilen. Die Wagenburgler betrachten das Wohnen im Wagen nicht als Notlösung, sondern es ist eine freiwillig gewählte alternative Wohnform, für die sie in der Regel frühere Wohnungen aufgegeben haben. Der Wagenplatz existiert entgegen anderer Presseberichte (Berliner Zeitung vom 26. Juli) nach wie vor.
Am 31. Juli veranstalteten die Bewohner ein Wagenburgfest unter dem Motto "Bauwagen statt Bausparen"mit Live-Musik, Kabarett, und Volxküche. Über 100 Leute, von jungen Punks und Partyleuten bis hin zu Anwohnern aus der Nachbarschaft, feierten ausgelassen und solidarisierten sich mit dem Kampf der Wagenburgmenschen für den Erhalt ihres alternativen Wohn- und Kulturprojektes. Denn das Grundstück Am Friedrichshain 16-18, wo bis 1993 die Gaststätte "Saalbau"stand, ist bereits an den Investor Eberts & Partner verkauft, der es möglichst schnell bebauen will.
Exklusive Seniorenresidenz
Dort soll ein Hotel, das mit einer Seniorenresidenz kombiniert ist, entstehen. Die Nutzung des bis zu sechs Etagen hohen Gebäudes soll folgendermaßen aussehen: Hotel mit 86 Zimmern plus zwei Suiten, 50 Zwei-Zimmer-Seniorenwohnungen mit 41 bis 65 Quadratmetern Wohnfläche und zusätzlich eine Pflegeeinrichtung für Senioren. Die Wohnungen werden übrigens stolze 20 bis 25 Mark Miete pro Quadratmeter kosten. Auf Kleingewerbe, wie ursprünglich geplant, wird verzichtet.
Zur Zeit streiten sich Eberts & Partner und das Bezirksamt Prenzlauer Berg über die Räumung der Wagenburg. Der Investor behauptet gegen-über dem Bezirksamt, dass es Gespräche mit den Bewohnern gegeben habe. Davon ist aber den Leuten der Wagenburg nichts bekannt. Bezirksbürgermeister Kraetzer unterstützt die WagenburglerInnen. Er möchte einen Runden Tisch mit allen Beteiligten. Ein erstes Gespräch wird laut Auskunft von Herrn Völker vom Bauamt Prenzlauer Berg am 15. September stattfinden. Daran wollen Bürgermeister Reinhard Kraetzer (SPD), die Baustadträtin Dorothee Dubrau (Bündnis 90/Grüne), Vertreter von Eberts & Partner sowie Wagenbewohner teilnehmen. Es soll versucht werden, eine gemeinsame Lösung für die "Abwicklung"der Wagenburg im Bötzowviertel zu finden.
Biergarten mit Wagenburg-Blick
Zuvor klebten Mitarbeiter des Bauamtes Prenzlauer Berg vor einigen Wochen Zettel für eine offizielle Registrierung der Fahrzeuge an alle Wagen. Die Namen und Adressen der Besitzer sollten zum 31.Juli bekanntgegeben werden. Diese Aktion wurde aber auf dem Wagenburgfest von einem Bauamtsmitarbeiter persönlich abgebrochen: Die Wagen sind also weiterhin nicht registriert, was eine Räumung der Wagenburg erschwert. Es bleiben die Registrierungszettel an den Wagen, die sich nur sehr schwer entfernen lassen. Die Leute von der Wagenburg sprechen sogar von "Sachbeschädigung".
Die Bewohner erhalten auch Unterstützung von den Nachbarn im Bötzow-Viertel. Es gibt eine positive Grundstimmung der Anwohner und einiger Geschäftsleute gegenüber der Wagenburg. Sogar das Filmtheater am Fried-richshain ist von den Bauplänen nicht begeistert. Das Kino machte schon vor einigen Jahren für seinen Biergarten Werbung mit dem Spruch: "Biergarten mit Blick auf eine der letzten Wagenburgen Berlins".
Nur leider ist die Chance, dass dies so bleibt , nicht sehr groß, denn laut Auskunft des Bauamtes Prenzlauer Berg wird die Baugenehmigung für das Hotel- und Seniorenresidenzprojekt voraussichtlich im September erteilt.
Jochen Mühlbauer
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