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Quelle: indymedia - 2.11.2002
Kampagnenauftakt in Berlin am 2.11.2002 vorm Abschiebeknast Köpenick
Zum Verlauf der Kundgebung vorm Abschiebeknast Berlin-Köpenick. Einerseits Auftakt einer bundesweiten "Kampagne gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste und Ausreiselager", andererseits endlich wieder wahrnehmbarer Protest vor Ort, war der "Tag der offen Türen" am 2. November in Berlin ein Erfolg!
Ein kurzer Erlebnisbericht von der Kundgebung am 2.11.2002 am Abschiebeknast in Berlin-Köpenick
Oder: der Auftakt der bundesweiten "Kampagne gegen Abschiebungen, Abschiebeknäste und Abschiebelager" in Berlin
Der Betrieb im Abschiebeknast am Rande Berlins in Köpenick läuft nach außen hin ohne größere Störungen ab. Abseits vom allgemeinen Interesse gelegen, markiert er eine makabre und oft langwierige Zwischenstation. Knapp 5000 Flüchtlinge und MigrantInnen in Berlin "durchlaufen" sie jährlich: nach dem Entzug oder der Feststellung des fehlenden Aufenthaltsrechts in Deutschland und der später mehrheitlich erfolgenden Abschiebung. Abschiebehaft firmiert nicht unter Strafhaft, nichtsdestotrotz kommen vermeintlich zur "Sicherung der Abschiebung" Haftzeiten bis zu 18 Monaten zu Stande. Die teilweise unklar scheinenden Gründe der Inhaftierung, die nicht absehbare Haftdauer und die stets drohende Abschiebung sorgen hauptsächlich dafür, dass aus der Perspektive der "Schüblinge" die Haft zur Qual wird.
Schwer ist es zu mobilisieren an einen Ort, der rein äußerlich neben seiner Tristesse nur durch abgelegene Lage glänzt. Es fällt schnell auf, dass nicht nur der Betrieb relativ reibungslos verlaufen kann und keine/r zufällig Interesse an ihm nimmt. Auch Kundgebungen bei unwirtlichem Novemberwetter haben einen schweren Stand. Nichtsdestotrotz fanden vielleicht 150 Menschen ihren Weg auf den Parkplatz vor dem Abschiebeknast, um der Dinge zu harren, die noch kommen sollten. Für die MitorganisatorInnen in Anbetracht des Anliegens und der oben geschilderten Umstände sicherlich schon ein Erfolg.
Angesichts der kurzen Planungszeit und des fehlenden Resonanzraums im Umfeld des Knastes, schien direkte Außenwirkung zu erzielen schwierig. Also eine Kundgebung. Ziel war es zumindest die Isolation der Abschiebehäftlinge aufzubrechen. Und mittelbar sollte für die Außenwelt eine andere Sicht transportiert werden, als die auf ein Gefängnis mit vermutlich "kriminellen AusländerInnen", ein Gegenentwurf zur herrschenden Migrations- und Flüchtlingspolitik denk- und ausführbar gemacht werden.
Gegen 13 Uhr füllte sich der Parkplatz vor dem Knast langsam mit Menschen. Aus den Lautsprechern drangen erste Geräusche; mit Verzögerung, aber desto vehementer sorgten sie zusammen mit einer Samba-Rhytmen trommelnde Kombo für die nötige Klangkulisse. Motivierte skandierten einschlägige Sprechchöre. Prompt folgten erste Reaktionen hinter den außen und innen vergitterten Fenstern des aus zwei Gebäuden bestehenden Knastes. Trotz der sicherlich zimmerhohen Mauern und rückversetzten Lage des einen Gebäudes, ließen sich dort erste Winkzeichen wahrnehmen. Man konnte uns sehen und sicherlich hören, immerhin. Was passierte wohl zeitgleich in den Zellen und auf den begehbaren Korridoren? Ungefähr zur Zeit des ersten längeren Redebeitrages, konnte man es sich zumindest teilweise ausmalen. Die Oberlichter der Fenster wurden geschlossen (die Fenster können von den Häftlingen nicht selbständig bedient werden, auf Anfrage oder willkürlich geschieht dies automatisch durch die Polizeiangestellten). Den SchließerInnen waren herausflatternde Toilettenpapierfetzen und andere "Winkelemente" zuviel der Kommunikation, vielleicht erschien ihnen in den vielsprachigen Grußbotschaften und Reden auch zuviel aufwieglerisches Potential enthalten zu sein. Durch die Außensprechanlage am Haupttor meinten manche quasi rückgehört zu haben, dass im Inneren des Knastes zumindest akustische Aufruhr herrschte. Eine Verifizieren stünde noch an, aber immerhin!
Wenn man als BesucherIn der Inhaftierten zu hören bekommt, wie zermürbend das zum Nichtstun-verdammt-sein ist (der Abschiebeknast bietet aufgrund der vermeintlich kurzweiligen Verweildauer der Insassen spärliche Beschäftigungsmöglichkeiten), lässt sich die mehrstündige erzeugte "Aufregung" an sich schon rechtfertigen. Eine dürftige Messlatte, aber an die Tore einzurennen hatte im Vorfeld, entgegen des Mottos, wohl kaum einer gedacht. Zu den bleibenden Eindrücken zählt aber auch der der TeilnehmerInnen. Höchstens regelmäßige Besuche im Knast stumpfen die Wahrnehmung ab - mindestens Irritation durch die massive Manifestation deutscher Abschottungspolitik bleibt. Alleinstehend beklemmend genug, löst der Anblick eines Hochsicherheitsgefängnisses zusammengedacht mit seinem Zwecke Abwehr aus: Inhaftiert, um die Abschiebung zu gewährleisten! Und das auch nur auf dem Papiere, mit seinem bekanntlichen Wert.
Letztlich stand noch eine koordinierte Besuchsaktion an. MitgliederInnen der "Initiative gegen Abschiebehaft" nahmen KundgebungsteilnehmerInnen mit zu Gefangenen, die ihnen im Rahmen der kontinuierlichen Unterstützungsarbeit bekannt waren und im Vorfeld ihr O.K. gegeben hatten. Einerseits gewannen Interessierte dadurch einen Teileinsicht ins Innere, das Besuchsrecht erstreckt sich nur auf einen Extrabesuchsbereich; nur durch eine gläserne Trennscheibe und Metallgitter lässt sich in Kabinen mit den Abschiebehäftlingen "kommunizieren". Andererseits konnte so unser Anliegen und unsere Solidarität an Einzelne näher vermittelt werden und sie somit als "BotschafterInnen" von ihnen multipliziert werden.
Gegen Nachmittag löste sich die Menge erst vereinzelt, dann stetig auf. Auch eher zum Ende hin, als die offenen Oberlichter polizeilicherseits Entwarnung signalisierten, gelang einem Häftling ein kleines Kunststück. Auf einem Stock oder ähnlichem hatte er/sie durch die Doppelvergitterung eine deutlich sichtbare grüne Trainingshose ins Äußere balanciert. Diese schwang er/sie hin und her. Ein letztes lauteres Jubeln folgte. Soviel Entschlossenheit ist Grund zur Freude, andererseits klaffte zwischen Aufwand und Ertrag dieser Antwort und drinnen und draußen offensichtlich eine traurige Lücke. Aber desto so sicherer: Dies war Auftakt und nicht Ende einer Serie von Aktionen im Rahmen der bundesweiten Kampagne. (Details unter www.abschiebehaft.de)
- Freilassung aller Gefangenen aus den Abschiebeknästen!
- Aufhebung aller Sondergesetze für MigrantInnen und Flüchtlinge!
- Für Bewegungsfreiheit und Selbstbestimmung überall!
- Abschiebehaft abschaffen! Abschiebungen beenden!
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